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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 22.02.2008

Cornelia Schleime - Weit fort
Kristina Tencic

Ein Buch, das sich liest wie ein Abschied, ein romanlanger Abschied von der Vergangenheit, die in Claras Leben keinen Schlussstrich erhalten hat, nur immer wieder von Neuem begonnen wurde.



Cornelia Schleime hat in ihrem Debutroman viel Autobiografisches verwoben, was ihn au├čergew├Âhnlich offen und ehrlich erscheinen l├Ąsst, genau die Eigenschaften, die ihrer Protagonistin Clara zu Eigen sind. Aufgewachsen in Ostberlin, gelingt es Clara nicht, sich mit einem Staat anzufreunden, der so sehr in die Lebensgestaltung seiner B├╝rgerInnen eingreift, wie es in der DDR geschehen ist. Sp├Ątestens w├Ąhrend ihres Kunststudiums in Dresden zieht sie sich in ihre eigene Gedankenwelt zur├╝ck, zusammen mit einem Freund, der sich ihr schreibend anschlie├čt. Den Schriftsteller und die K├╝nstlerin verbindet eine Freundschaft in der Einsamkeit der inneren Emigration, aus der sie gen Westen flieht. Nach der Auslebung ihres Freiheitsbed├╝rfnisses durch einen Aufenthalt in den USA kehrt sie 1990 zur├╝ck in das zwischenzeitlich wiedervereinigte Deutschland. Mittels der Akteneinsicht in Stasi-Unterlagen muss sie feststellen, dass ihr vermeintlicher Freund ein Spion war und ihr gesamtes Leben von verschiedenen Personen bespitzelt wurde.

17 Jahre sp├Ąter wird diese Geschichte erneut zum Leben erweckt, als Clara in einer Internetpartnerb├Ârse einen Mann kennen lernt. Sie sucht das Ungew├Âhnliche in den gew├Âhnlichen Profilen und st├Â├čt auf den ambivalenten Wetterfrosch Ludwig, mit dem sie einen elektronischen Briefwechsel beginnt. Beide sind von einer Sehnsucht nach N├Ąhe getrieben, projizieren ihre Vorstellungen auf den Anderen und verschlie├čen hierbei die Augen vor der Wirklichkeit. Sie m├Âchte eine Liebe erschaffen, welche die Realit├Ąt nicht bietet, er h├Ąlt Ausschau nach einer Person, der gegen├╝ber er die Maske der Vergangenheit ablegen und sich ├Âffnen kann.

Die Aneinander-Vorbei-Liebenden treffen sich ├╝ber einige Wochen hinweg und verleben gemeinsam eine sch├Âne Zeit. Er zeigt ihr den Ort seiner Kindheit, sie gew├Ąhrt ihm einen Einblick in ihre Vergangenheit - doch auf einmal ist der Mann aus ihrem Leben verschwunden, weit fort, ohne Abschied. Der Verrat an ihr wiederholt sich, aber diesmal m├Âchte sie es nicht kampflos geschehen lassen. Sie wird selbst zur Spionin und versucht die Puzzleteile, die er ihr hingeworfen hat zusammenzuf├╝gen.

"Er will sie aber kann nicht. Kann nichts umsetzen. Er schafft nicht die Reise zu sich selbst und damit gelingt auch keine Reise zu ihr. All seine Kraft geht f├╝r die Abschirmung drauf. Mehr ist nicht drin."

Obgleich schon von Beginn an klar ist, dass Ludwig die Protagonistin verlassen wird, gelingt es Cornelia Schleime die Aufmerksamkeit der LeserIn beizubehalten, da sie so unverbl├╝mt und gradlinig ├╝ber ihren Verlust schreibt, dass man am eigenen Leib den Schmerz zu f├╝hlen glaubt. Das Buch ist wenig subtil, bietet aber dennoch genug Raum zur Interpretation und Auseinandersetzung.

In zwei Stunden gelesen, bietet es Denkstoff f├╝r Tage, da es den Nerv der Zeit durch das Ph├Ąnomen der Internetbekanntschaft sehr gut trifft und die Frage nach dem "Wie kann ich eine Person kennen und lieben lernen" erneut stellt. Reicht es, sich 80 Briefe hin und her zu schreiben, oder vermittelt der Schreibende dadurch nur ein Selbstbild, das mit seinem wirklichen Ich wenig zu tun hat? Sagt ein gemeinsames Eis-Essen mehr ├╝ber eine Person aus, als all die geschriebenen Worte? Cornelia Schleime versucht diese Fragen ├╝ber die Wahrnehmung zu beantworten, indem sie den LeserInnen die Weite des Vorstellungsverm├Âgens aufzeigt, das ihrer Ansicht nach die einzige Waffe im Kampf mit dem Leid des Lebens bleibt. Mit diesem Bewusstsein malt sie weiter und schreibt nun auch, zu unserer Freude.

AVIVA-Tipp: Die K├╝nstlerin zeigt mit ihrem metaphorisch reich bespickten Roman ein Portr├Ąt einer Frau in Konfrontation mit sich selbst und ihrer Vergangenheit, die vor keinem Neuanfang zur├╝ckschreckt, aber dabei vergessen hat, wie wichtig es ist, Schlussstriche zu ziehen. Lesen, traurig sein, denken - wunderbar.

Zur Autorin: Cornelia Schleime wurde 1953 in Ost-Berlin geboren. Nachdem sie eine Friseurlehre und ein Maskenbildnerstudium absolvierte und als Pferdepflegerin t├Ątig war, studierte sie von 1975-80 Grafik und Malerei an der HfBK in Dresden. 1981 wurde sie mit einem Ausstellungsverbot der DDR belegt, woraufhin sie einen Ausreiseantrag stellte, dem 1984 stattgegeben wurde. In Zusammenhang mit der Ausreise verlor sie fast ihr gesamtes bis dato erschaffenes Oeuvre. 1989 ging sie f├╝r ein Jahr ├╝ber den DAAD nach New York. Ihre Malerei, ihre Filme und Installationen wurden in zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen, in Museen und Galerien gezeigt. Die, mit dem Roman "Weit fort" zudem zur Schriftstellerin gewordene, K├╝nstlerin lebt und arbeitet in Berlin und dessen Umland. Weitere Infos und Kontakt: www.cornelia-schleime.de
(Quelle: Hoffmann und Campe Verlag)


Cornelia Schleime
Weit fort

Hoffmann und Campe Verlag, erschienen Februar 2008
112 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-455-40105-9
14,95 Euro

Literatur Beitrag vom 22.02.2008 Kristina Tencic 

   




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