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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 22.04.2012

Necla Kelek - Chaos der Kulturen. Die Debatte um Islam und Integration
Laura W├Âsch

Die mehrfach ausgezeichnete Autorin ver├Âffentlicht eine Textsammlung, welche die deutsche Islam-Debatte erneut aufgreift. Dabei ist eines deutlich sp├╝rbar: Kelek ist w├╝tend und fordert Disziplin.



Realit├Ąt versus Diversit├Ąt

Necla Kelek nimmt in ihrem neu erschienenen Buch zum Thema Integration muslimisch-t├╝rkischer MigrantInnen in Deutschland Stellung und setzt damit reale Lebensbedingungen gegen den Traum multikultureller Vielfalt. Die Soziologin, t├╝rkische Immigrantin und Muslimin ├Ąu├čert ihre Kritik aus dem inneren Kern muslimischer Lebensrealit├Ąt. Ihr Zorn gilt den muslimisch-patriarchalen Strukturen, die sich in Form von psychischer und physischer Gewalt auf die K├Ârper der Frauen projizieren. Kelek fordert deswegen eine innere Reform des Islam, die sich weg von der Scharia-Gesetzgebung hin zu einer S├Ąkularisierung bewegt. Sie bezeichnet den Islam durch seine strenge Verkn├╝pfung von Religion und Alltag als inkompatibel mit den Werten eines aufgekl├Ąrten B├╝rgertums. Integrationsunwillig seien diejenigen, deren Tagesabl├Ąufe muslimisch-religi├Âs gepr├Ągt sind. Ihre soziokulturelle Folgerung lautet also: "Der Islam ist gelebte Kultur, und diese Kultur hat nach wie vor ein anderes Menschen- und Weltbild als das einer aufgekl├Ąrten B├╝rgergesellschaft". Es w├Ąren nicht soziale oder ├Âkonomische Verh├Ąltnisse, die ├╝ber Erfolg oder Misserfolg der ImmigrantInnen entscheiden, "sondern in gro├čem Ma├če die soziokulturellen und religi├Âsen Bedingungen und auch patriarchalen Familienstrukturen."

Eine zweifelsfrei berechtigte Feststellung zur Islam-Debatte, die dennoch das Problem der Integration muslimischer T├╝rkInnen in Deutschland so nicht l├Âsen k├Ânnen wird. Mit solchen Aussagen nimmt Kelek vor allem den meisten integrationspolitischen L├Âsungsans├Ątzen den Wind aus den Segeln und schreibt dem Konzept Multikulturalismus und Diversit├Ąt ein vernichtendes Armutszeugnis aus. In den Kapiteln "Ehre und Gesetz" und "Islam und Medizin" berichtet sie ├╝ber Ehrenmorde, spricht von der "Krankheitsursache Kopftuch" und bringt so die Abgr├╝nde muslimisch-t├╝rkischer Lebensrealit├Ąt ans deutsche Tageslicht. Thilo Sarazzins Bestseller bezeichnet sie unkritisch als "Befreiungsschlag" und unterstreicht seine "mutigen" Aussagen. Ihr hartn├Ąckiges Fordern erstarrt so in einigen Abschnitten ihres Buches zu einem w├╝tenden Monolog, n├Ąmlich dann, wenn man sich als LeserIn nach konstruktiven integrationspolitischen Ans├Ątzen sehnt.

Ja, die Integrationsherausforderungen sind enorm, international schlecht abgestimmte Zuwanderungsstrategien und der sogenannte "Cultureclash" lasten schwer und pr├Ągen den Alltag, doch welche ├Âffentliche Wirkung hat eine grundlegende Islam-Kritik, wenn die Gem├╝ter ohnehin schon erhitzt sind? Die Machthaber muslimisch-t├╝rkischer Gemeinden werden den innersten Kern ihrer Religion, den Tr├Ąger ihrer Machtpositionen, nicht so schnell in Frage stellen, um sich nach Au├čen hin anpassen zu k├Ânnen. Die Pathologisierung muslimischer Lebensrealit├Ąt, anhand von Einzelschicksalen und pers├Ânlicher Erfahrungen dargelegt, wiegt selbstverst├Ąndlich schwer auf der Integrationswaagschale. Kann aber der Startschuss f├╝r eine alles umw├Ąlzende Islam-Reform allein von Deutschland aus erfolgen?

Mit ihrer integrationspolitischen und feministischen Kritik steht Necla Kelek nicht alleine da: Die Feministin und Anw├Ąltin Seyran Ates deckt in ihrem Buch "Der Multikulti-Irrtum" ebenfalls die patriarchalen Strukturen muslimisch-t├╝rkischer ImmigrantInnen auf. Anders als Kelek glaubt Seyran Ates jedoch an die multikulturelle Gesellschaft und sieht die Integration muslimischer ImmigrantInnen in Deutschland nicht als gescheitert an.

Allerdings provozieren die Aussagen der Autorinnen jedoch so viel Kritik von Integrationspolitischer Seite und von Seiten muslimischer Gemeinden, dass diese gezwungen sind, ihre Positionierungen verteidigen zu m├╝ssen. Keleks Textband ist eine Sammlung solcher Verteidigungsreden aus den Jahren von 2005 bis 2011. Es sind Kommentare, Reden und Rezensionen, die sich den Themen- und Problemkomplex Migration, Integration und Islam widmen, jedoch keine differenzierten Einsch├Ątzungen oder wissenschaftlichen Betrachtungen beinhalten und sich eher im Pers├Ânlichen aufhalten.

AVIVA-Fazit: Necla Kelek Kritik gilt vor allem den patriarchalen Strukturen des Islams, die sich einer ├ľffnung hin zu einem liberalen Islam verweigern w├╝rden. "Chaos der Kulturen" verschreibt sich mehr einer deutschen rechtsstaatlichen Ordnung, als dem Konzept von Multikulturalismus und Diversit├Ąt. Keleks These: Diversit├Ąt war gestern ÔÇô Multikulti ein blau├Ąugiges Konzept gr├╝nw├Ąhlender Gutmenschen. Ihrer Sicht von Innen sollte jedoch dennoch unbedingt Beachtung geschenkt werden, da sie t├╝rkisch-muslimische Lebensrealit├Ąten von Frauen mutig anspricht. Die Integrations-Debatte weniger w├╝tend und mehr konstruktiv f├╝hren zu k├Ânnen, w├Ąre allerdings w├╝nschenswert und mehr als notwendig.

Zur Autorin: Necla Kelek wurde 1957 in Istanbul geboren und lebt in Berlin. Sie hat Volkswirtschaftslehre und Soziologie studiert und wurde zur Dr. phil. promoviert. Ihre B├╝cher "Die fremde Braut", "Die verlorenen S├Âhne", "Bitters├╝├če Heimat" und "Himmelsreise" sind Best- und Longseller und haben die Debatte um Integration um den Islam in Deutschland angesto├čen und nachhaltig gepr├Ągt. Necla Kelek wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2005, im Jahr 2008 mit dem "Preis Frauen Europas - Deutschland" des Netzwerks Europ├Ąische Bewegung Deutschland, dem Hildegard-von-Bingen-Preis 2009 und zuletzt dem Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung im Jahr 2010. (Quelle: Verlag Kiepenheuer & Witsch)

Necla Kelek
Chaos der Kulturen. Die Debatte um Islam und Integration

Kiepenheuer & Witsch, erschienen: M├Ąrz 2012
Taschenbuch, 254 Seiten
ISBN 978-3-462-04428-7
9,99 Euro


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Literatur Beitrag vom 22.04.2012 AVIVA-Redaktion 

   




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