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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 26.05.2012

Yazgülü Aldogan - Die Begleitung
Claire Horst

Eine einzige originelle Wendung gibt es in diesem Roman, und die ist eher unsympathisch: Frösche mit Steinen zu bewerfen, ist die Vorstellung der männlichen Hauptfigur von einem romantischen ...



... ersten Date.

Ansonsten beweist die Autorin, die türkische Journalistin und kemalistische Frauenrechtlerin Yazgülü Aldogan, eher einen Hang zu klischeehaften Wendungen und zur Reproduktion gängiger Stereotype. Und da hilft dann auch das vermeintlich progressive Setting nicht weiter: Hayal ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau um die 50, alleinerziehende Mutter einer pubertierenden Tochter und Kundin eines Begleitservices für Frauen. Bei Sinan, dem (natürlich) schwulen Leiter der Agentur, mietet sie Männer, um nicht allein zu Geschäftsessen oder Empfängen gehen zu müssen.

Es sind sehr schlichte Schablonen, nach denen Aldogan ihre Figuren zeichnet: Hayal ist zwar beruflich erfolgreich und unabhängig. Mit ihren 50 Jahren ist sie jedoch "etwas zu alt, um das Interesse der Männer auf dem Markt zu wecken". Da ihr Gehirn außerdem "wie das eines Mannes" funktioniert (was immer das heißen soll), hat sie keine Zeit, einen Mann kennen zu lernen – den sich selbstverständlich jede Frau wünscht. Sinan auf der anderen Seite weiß genau, was Frauen begehren, schließlich gehört er als Schwuler einem "dritten Geschlecht" an.

Zum Glück für Hayal findet sich gleich zu Beginn des Romans ein Begleiter, in den sie sich verlieben kann: Ugur sieht gut aus, weiß sich zu benehmen und entstammt als ehemaliger Finanzexperte ihren Kreisen – leider landete er aufgrund unsauberer Geschäfte einst im Knast. Als Edel-Callboy hat er es nicht leicht, denn auf das Niveau einer Frau lässt Mann sich nicht gern herab: "Für Männer war das nicht so leicht wie für Frauen. Man möge ihm das nicht übel nehmen, aber das war nicht so einfach wie Beine breit machen und Sex haben!"
Schon beim ersten Treffen zwischen Hayal und Ugur wird deshalb der althergebrachte Gang der Dinge wieder hergestellt. Aller Emanzipation zum Trotz übernimmt Ugur beim Tanzen die Führung, und "den Naturgesetzen folgend", lässt Hayal sich gern leiten. Das Ausmaß an Misogynie, Homophobie und Konservatismus, das sich in diesen ersten Kapiteln ausdrückt, lässt sich tatsächlich noch steigern, und so befördert die Autorin ihren Ugur vom Escort-Mann zum Sexualtherapeuten. Eine Studiengruppe, die neue Methoden zur Behandlung von "Frigidität" und "Vaginismus" sucht, stellt ihn als Versuchskaninchen ein, und die Leserin fühlt sich vollends ins 19. Jahrhundert zurückversetzt. Dass die weibliche "Hysterie" nicht thematisiert wird, verwundert da schon fast.

Das elitäre Denken der KemalistInnen kommt zum Zug, als Ugur eine Kopftuch tragende, "32-jährige Jungfrau" behandeln darf, die bislang Angst hatte, mit ihrem Verlobten zu schlafen. Dank seiner einfühlsamen Stimme, gemeinsamer Übungen mit einem Vibrator und angeleiteter Selbstbefriedigung wird sie "geheilt", ebenso wie die Lesbe, die selbstverständlich nur aufgrund schlechter Erfahrungen mit den Männern mit Frauen vorliebgenommen hat. Nach Ugurs Behandlung kann sie sich auch wieder hübsch machen und die Haare wachsen lassen.
Das ist der haarsträubende Tenor des Buches: Ein bisschen Grenzüberschreitung mag ja ganz nett sein – einen schwulen besten Freund haben, hin und wieder selbst die Rechnung bezahlen, das ist durchaus drin. Im Großen und Ganzen sind die guten alten Geschlechterrollen aber völlig richtig. Und so ist Homosexualität irgendwie abartig, scheinen Gewaltfantasien eines Mannes gegen die Frau, die ihm finanziell und geistig überlegen ist, aber als vollkommen normal.

Aldogan bemüht sich in Ansätzen durchaus, Stereotype zu durchbrechen. So scherzt ihre Protagonistin im Gespräch mit Sinan, dass sie gern zwei Männer auf einmal mieten würde – und erkennt, dass "selbst ein Schwuler" das wohl als zu gewagt empfände, im Gegensatz zur umgekehrten Konstellation. Leider ist die Autorin aber viel zu stark in der eigenen frauenfeindlichen und zutiefst heterosexistischen Denkweise verhaftet, um mit ihrer arg konstruierten Geschichte an irgendwelchen Machtstrukturen zu rütteln. Die steife Sprache macht es kaum besser.

AVIVA-Fazit: Leider völlig ironiefrei erinnert das Buch an den Spielfilm "But I´m A Cheerleader´, in dem queere Jugendliche in einem Bootcamp "heterosexualisiert´ werden sollen. Anders als dessen Regisseurin Andrea Babbitt glaubt Aldogan nämlich wirklich an eine "normale´ "Männlichkeit´ und "Weiblichkeit´. Ärgerlich, dass dieser Text überhaupt ins Deutsche übersetzt wurde. Denn auch ohne derart klischeegeladene Werke bestehen hierzulande schon genügend Vorurteile über Geschlechterbeziehungen in der Türkei. Die Existenz der sehr aktiven emanzipatorischen Frauenbewegung in der Türkei erscheint so kaum vorstellbar – ebenso wie die eines muslimischen Feminismus, den es natürlich längst gibt.

Zur Autorin: Yazgülü Aldogan, geboren in Kuþadasý, bezeichnet sich selbst als Istanbulerin. Ihr größtes Glück sei, das zu tun, was sie schon immer machen wollte: Journalistin und Schriftstellerin sein. Als Fotografin fing sie in einer Agentur an, schrieb Kolumnen für Zeitungen und Zeitschriften, arbeitete für Radio und Fernsehen. Derzeit schreibt die Autorin an ihrem zweiten Roman. (Verlagsinformationen)

Yazgülü Aldogan
Die Begleitung

Verlag: binooki
Aus dem Türkischen von Monika Demirel
230 Seiten
14,90 Euro
ISBN 978-3-943562-02-6
Originaltitel: Kiralýk Adam

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Literatur Beitrag vom 26.05.2012 Claire Horst 

   




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