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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 24.06.2012

Roy Jacobsen - Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte
Evelyn Gaida

Der norwegische Autor ist ein Scharfschütze. Mit den unvergesslichen Sprachbildern und Figuren dieses Romans – allen voran die elternlose, sechsjährige Linda – operiert er am offenen Herzen ...



... und gibt es nicht wieder zurück.

Eine Wohnblocksiedlung bei Oslo im Jahr 1961, einer Zeit, in der Frauen von Männern ihrer Umgebung ganz selbstverständlich "Kleine" genannt wurden und ein Fernseher einer Revolution gleichkam. Der zehnjährige Finn und seine Mutter sind ein eingespieltes Team. Seit der Scheidung seiner Eltern und dem Unfalltod des Vaters hält Finns Mutter ihren Sohn und sich mühselig mit einer Halbtagsstelle im Schuhgeschäft über Wasser. Von Beginn an fällt Jacobsens besondere Fähigkeit auf, den Alltag und Charakter seiner Hauptfiguren voller lebendiger Eigenheiten, Wärme und Menschlichkeit anwesend und vertraut zu machen. Finn erinnert sich Jahre später an eine Zeit zurück, die sein Leben für immer verändern würde. Er bewahrt die unverwechselbar kindliche Sichtweise, darf aber schon mehr wissen als sein zehnjähriges Ich, ohne unglaubwürdig zu erscheinen. Sozial- und Gesellschaftskritik, Zeittypisches und Zeitloses, literarische Verdichtung und die geballte Wucht persönlichen Erlebens gehen nahtlos ineinander über.

Die Suche nach einem Untermieter, der Finn und seiner Mutter ein wenig finanzielle Erleichterung schaffen soll, führt zunächst die drogenabhängige zweite Frau des verstorbenen Vaters zu ihnen. Sie hat eine sechsjährige Tochter von ihm, um die sie sich nicht kümmern kann. Finns Mutter willigt ein, das Kind bei sich aufzunehmen.

"Dann kam Linda", heißt es einige Wochen später. Allein, mit dem Bus, begleitet nur von einem blauen Koffer und einem Zettel, den Finn "die Gebrauchsanweisung" nennt. Linda ist ungekämmt und pummelig, riecht seltsam und spricht kaum. Obwohl aus der Perspektive des älteren Halbbruders erzählt, ist das Mädchen der emotionale Fixpunkt des Romans. Die Gestalt der kleinen Linda brennt sich durch die Seiten wie ein Feuerzeichen.

Linda ist der Inbegriff der Verwundbarkeit und kindlichen Unschuld. Nach kurzer Zeit wird unübersehbar, dass sie auf der untersten Stufe einer Hierarchie der Abwertung steht, eines Systems, in dem man sich durch stumpfes Imponieren und Anpassen Respekt verschaffen muss, um nicht mit den Abgewerteten und Diskriminierten in den Staub gestampft zu werden. Bei Jacobsen ist Linda der heimliche Maßstab dieser Welt, in die sie geworfen wird.

Das verstörte Kind, das anfangs nur in einzelnen Wörtern, nicht in ganzen Sätzen spricht, wird vom Untermieter als "geistesschwach" abqualifiziert und von Finns zermürbter Mutter für die Hilfsklasse angemeldet. Mit naiver Freude macht Linda sich auf den Weg in die Schule, doch Finn erleidet dort einen Weinkrampf: "`Die soll nich zu den Idioten!´, schreie ich, und Linda fängt an zu flennen." Finn weiß, was es bedeutet, in der Hilfsklasse zu sein: "dass jemand, der die Hilfsklasse besucht, (...) zu einem Unglück von Kind wird, mit dem niemand spielen und zu dem niemand sich bekennen will, nicht einmal, wenn man verwandt ist, ja, noch der Stärkste ist bereit, in einem solchen Fall den eigenen Bruder zu verleugnen, ganz zu schweigen von der Schwester, das Ganze hier nimmt biblische Dimensionen an, zum Teufel." Der Rektor erbarmt sich der Verzweiflung des Bruders und Linda bekommt eine Chance.

In der Nicht-Hilfsklasse wird das Mädchen nun besonders skeptisch unter die Lupe genommen, zwischenzeitlich zur Legasthenikerin erklärt, was sich als falsch erweist, jedoch vor allem durch Mobbing beim Lernen behindert – von den LehrerInnen selbstverständlich unbemerkt.

Finn spiegelt in seinem Denken und Handeln die "Stammesgesetze des Schulhofs" einerseits wider – das Gesetz einer steinzeitlichen Männlichkeit und Dominanz – andererseits stellt er es bohrend in Frage und wird selbst zu dessen Opfer. Der Untermieter und kurzzeitige Vaterersatz schleift ihn auf einem männerischen Skiausflug halsbrecherisch über alle Berge, "der Bär, der niemals schläft, sondern reißt und einen Höllenlärm veranstaltet, für sich und für andere, um nicht ganz einfach zu erfrieren, das alles, was mir also entgangen war, weil ich keinen Vater hatte."

Roy Jacobsen hat es nicht nötig, schockieren zu wollen, statt zu ergreifen. Es gibt Szenen und Bilder in diesem Roman, die förmlich die Welt stehen bleiben lassen, die Zeit und vor allem das Herz. Als Finns Mutter ihn und Linda an Weihnachten zur ungeliebten Verwandtschaft mitnimmt, ist das Mädchen beim Mikadospielen unschlagbar. Das kann die Schwägerin nicht ertragen, die lauthals verkündet, es hätten alle doch endlich einmal "die Idiotin" sehen wollen. Wenn Linda zum Jackeanziehen und fluchtartigen Verlassen dieser Gesellschaft das Mikadostäbchen abgebrochen werden muss, an das sie sich noch immer klammert, möchte die Rezensentin die Freiheitsstatue selbst vom Sockel stürzen, samt ihrer glorreichen Siegerpose, und stattdessen die versteinerte Gestalt dieses kleinen Mädchens mit dem abgebrochenen Mikadostäbchen in der Hand hinstellen, als Maßstab. Und die Weltrevolution ausrufen.

AVIVA-Tipp: "Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte" ist eines der seltenen Bücher, die eine(n) verändert zurücklassen. "Dann musste sie Linda plötzlich umarmen, (...) eine Umarmung von der Sorte, die über den ganzen Atlantik hinüberreicht", erzählt Finn von seiner Mutter. Ebenso unwiderruflich nah geht dieser Roman, der institutionell kaschierte Strukturen der Unterdrückung an der Wurzel packt und die LeserInnen an der Herzschlagader.

Zum Autor: Roy Jacobsen, geboren 1954 in Oslo, ist einer der meistgelesenen SchriftstellerInnen Norwegens. Mit Kurzgeschichten und zwölf Romanen hat er sich auch über die Grenzen Norwegens hinaus einen Namen gemacht. Sein Werk ist in seiner Heimat mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet worden. Für "Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte" erhielt er den Norwegischen Buchhändlerpreis 2009. (Quellen: Insel Verlag, Osburg Verlag)

Roy Jacobsen
Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte

Originaltitel: Vidunderbarn
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Insel Verlag, erschienen 16.04.2012
Taschenbuch, 293 Seiten
ISBN 978-3-458-35827-5
8,99 Euro

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.suhrkamp.de

www.osburg-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ein Meer aus Zeit von Merete Morken Andersen

Maud Lethielleux - Sag ja, Ninon

Literatur Beitrag vom 24.06.2012 Evelyn Gaida 

   




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