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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 27.06.2012

Gioconda Belli - Die Republik der Frauen
Katarina Wagner

Was passiert, wenn die Frauen das politische Ruder übernehmen? Die nicaraguanische Autorin schildert in ihrem neuen, preisgekrönten Roman ihre Vision einer Neubewertung von Weiblichkeit in...



...Politik und Gesellschaft. Die Schriftstellerin zeichnet eine Utopie, die einerseits schlichtweg die erfolgreiche Umsetzung bestehender Ideen voraussetzt (Stichwort Kinderbetreuung), andererseits in seiner Radikalität zu kontroversen Diskussionen anregt.

Kriminalität, Armut und Korruption plagen das fiktive Faguas, ein kleines Land in Südamerika, das von den immer gleichen Politikern mit leeren Wahlversprechen regiert wird. Viviana Sansón will daran endlich etwas ändern. Ein grundlegender Wandel muss her und wer könnte diesen besser erreichen, als die Frauen? Zusammen mit ihren Freundinnen der Partido de la Izquierda Erotica möchte die beliebte TV-Moderatorin dem Land geben, was es verdient: wie von einer liebevollen Mutter verhätschelt und gründlich durchgeputzt zu werden.

Nicht primär das Bruttosozialprodukt, sondern das Pro-Kopf-Glück soll gesteigert werden. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Unterdrückung der Frauen endlich überwunden wird und Weiblichkeit nicht mehr als Schwäche, sondern als Tugend und politisches Leitprinzip verstanden wird.
In einer medienwirksamen Kampagne mit viel Witz, Charme überzeugen sie den Großteil der EinwohnerInnen mit ihren revolutionären Ideen und gewinnen schließlich die Wahlen.
Glücklicherweise hatten zudem Vulkandämpfe den Testosteronspiegel der Männer gesenkt und sie ungewöhnlich schläfrig und sanftmütig gemacht.

Es folgen grundlegende Reformen. Erstes Exportgut sind Blumen, die Armee wird geschrumpft, neue Schulen und Kindergärten gebaut, Mutterschaftskunde gelehrt, Arme und Reiche an einen Tisch gebracht, Gewalt gegen Frauen gnadenlos bestraft, alle Männer für sechs Monate aus dem Staatsdienst und aus dem Parlament entlassen und Virginia Woolfs "Ein Zimmer für sich allein" zur Pflichtlektüre erklärt.

Die Mehrheit der Bevölkerung ist begeistert von der neuen Regierung, allerdings gibt es auch erbitterte GegnerInnen der Partei und schließlich passiert es: ein Attentat auf die Präsidentin Sansón. Mit einer Kugel im Kopf liegt diese wochenlang im Koma und die Frauenregierung wird auf ihre härteste Probe gestellt.

An dieser Stelle setzt die Handlung des Romans ein. Er besticht durch seine einfallsreiche Erzählweise: In der Schwebe zwischen Leben und Tod erinnert sich Viviana an die wichtigsten Stationen ihres Lebens, während die aktuelle Lage Faguas aus der Sicht ihrer WegbegleiterInnen geschildert oder in fiktiven historischen Dokumente, wie Zeitungsartikeln aus In- und Ausland und Parteimanifesten dargestellt wird.

Die Botschaft des Romans ist klar: Weiblichkeit soll gefeiert werden. Von Frauen und Männern. Werte wie Empathie, Fürsorge, und Zusammenarbeit sollen das gesellschaftliche Leben und die Politik bestimmen. Des Weiteren wird das Selbstbestimmungsrecht der Frauen über ihr Leben und ihren Körper betont.
Gerade wenn es um Körperlichkeit geht, zeigt die Fantasie einige Schwachstellen: Wie die Frauen der PIE mit ihrer Erotik spielen, ist einerseits ein Zeichen von Selbstbehauptung und Kritik an der Reduktion auf ihren Körper, erinnert jedoch an einigen Stellen zu sehr an das Motiv der "Schwarzen Witwe", die verführerische Falle. Schöner wäre es doch, wenn die sprachliche, rationale Argumentation ausreichte und den Männern mehr Verständnis zugetraut würde.

Insgesamt werden die Geschlechter im Grundton des Romans in deutlich biologistischer Manier in zwei verschiedene Schubladen gesteckt: Die "testosterongesteuerten" Männer könnten sich immer nur auf eine Sache konzentrieren während Frauen intuitiv seien und eine größere emotionale Intelligenz besäßen. Das sei eben so und Abweichungen seien seltene Ausnahmen.
Gioconda Belli ist der Meinung, dass der Feminismus in Lateinamerika ein anderer sei als in Europa. Diese differenzfeministischen Aussagen sind trotzdem nur schwer verdaulich. Hinzu kommt die Betonung der äußerlichen Schönheit bei der Vorstellung fast jeder weiblichen Figur. Die "Lara Crofts" in Faguas behaupten sich, das normative Schönheitsideal wird nicht hinterfragt. Auch die Tatsache, dass in keinem Wort Rassismus oder andere Differenzkategorien neben Sexismus als Quellen von Ungerechtigkeit erwähnt werden, schmälert die revolutionäre Kraft des Romans.

Problematisch ist auch der totale Ausschluss der Männer aus dem Parlament. Sie sollen am eigenen Leib erfahren, was Hausarbeit bedeutet und die Frauen sollen sich selbst und den Männern beweisen, dass sie in der Lage sind, das Land wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Es ist schwierig, hier nicht an eins der größten Schimpfwörter unserer Zeit zu denken: undemokratisch! Es ist ausgerechnet ein Mann, der darauf hinweist, dass es darum ginge, die Art der Machtausübung zu verändern und nicht die Befehlsgebenden auszutauschen.

Hohes Polarisierungspotential bergen auch andere Methoden der Frauenpartei: Überschreitet die öffentliche Anprangerung und Markierung von Vergewaltigern mit einem V auf der Stirn die Grenze zu mittelalterlichen Praktiken ohne Aussicht auf ehrliche Einsicht und Besserung der Täter? Oder ist sie die einzig konsequente und wirkungsvolle Art, diese Art von Verbrechen endlich in seiner Schwere anzuerkennen und gebührend zu bestrafen?

Vielleicht ist die Literatur der Ort, wo AutorInnen solche Szenarien ausspielen dürfen, wo der Zweck, innerhalb und außerhalb der Fiktion, manchmal die Mittel heiligt.

AVIVA-Tipp: In Faguas, der "Republik der Frauen" werden keine neuen Ideen entwickelt, sondern humanistische und feministische Werte mit kreativen politischen Ansätzen endlich ernst genommen und mutig umgesetzt. Streckenweise kann das, was die Autorin vermutlich konsequent und revolutionär nennen würde, leicht übertrieben oder sogar diktatorisch wirken. Beispielsweise der plötzliche Rauswurf aller Männer aus dem Staatsdienst. Zudem fällt es schwer, der oft biologistischen Argumentation Gioconda Bellis zuzustimmen. Was ist eigentlich "weibliche Intuition" und ist es wirklich bewiesen, dass sich Männer nur auf eine Sache konzentrieren können?
Nichtsdestotrotz, mit einigen zugedrückten Augen bleibt es ein unterhaltsamer Roman, der zum Denken und Diskutieren anregt.

Zur Autorin: Gioconda Belli wurde 1948 in Managua, Nicaragua geboren. Im Alter von 21 Jahren schloss sie sich der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) an, die gegen die Somoza-Diktatur kämpfte. 1970 erschien ihr erster Gedichtband, dessen erotische Poesie in dem streng katholischen Nicaragua einen Skandal verursachte. Vor politischer Verfolgung floh sie Mitte der Siebziger ins Exil nach Mexiko und Costa Rica. Nach dem endgültigen Sturz der Diktatur 1979 kehrte die Autorin nach Nicaragua zurück.
Die "Partei der Erotischen Linken", die in dem fiktiven Faguas die Macht übernimmt, basiert auf einer gleichnamigen Gruppe von Frauen innerhalb der Sandinistischen Revolution, der Gioconda Belli in den Achtzigern angehörte. In geheimen Sitzungen wurden Strategien besprochen, um Frauenrechte zu stärken. 1986 legte Belli aufgrund einer ideologischen Verhärtung und autoritären Struktur der FSLN ihre Ämter nieder.
Die heutige politische Führung unter Daniel Ortega, einer der ersten Sandinisten, sieht die Schriftstellerin als traurige Wiederholung der Somoza-Diktatur. Für den Roman "Die Republik der Frauen", in dem sie der endlosen Schleife diktatorischer Regierungen ein Ende setzt, erhielt sie 2010 den lateinamerikanischen Literaturpreis "La otra orilla".
Internationalen Ruhm erreichte sie 1988 mit "Die bewohnte Frau", ein Roman über die Sandinistische Revolution. Seitdem sind von ihr zwölf Bücher auf Deutsch erschienen, darunter Poesie, Prosa und ihre Memoiren. Gioconda Belli hat vier Kinder und lebt mit ihrem Mann, dem Filmproduzent Charles Castaldi in Managua und Los Angeles.
Weitere Infos unter: www.giocondabelli.org

Gioconda Belli
Die Republik der Frauen

Originaltitel: El país de las mujeres
Aus dem Spanischen von Lutz Kliche
Droemer Verlag, erschienen am 2. Mai 2012
Gebunden, 304 Seiten
ISBN: 978-3-426-19915-2
18,00 Euro
www.droemer-knaur.de

Weitere Infos unter:

Gioconda Belli bei FemBio

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Unser Amerika – Regie: Kristina Konrad

Reybil Cuaresma Bustos, Mario Arce Solórzano - Ein Solidaritätsprojekt in Nicaragua

Literatur Beitrag vom 27.06.2012 Katarina Wagner 

   




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