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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 17.08.2012

Paula Bulling - Im Land der Frühaufsteher
Laura Wösch

Die Graphic Novel der Berliner Illustratorin setzt sich mit dem Alltag von AsylwerberInnen in Deutschland auseinander und zeichnet damit ein popkulturelles Bild unerträglicher Lebensumstände.



Der Werbeslogan des Bundeslandes Sachsen-Anhalt wirkt als Titel der Graphic Novel über das Alltagsleben von AsylwerberInnen fast schon zynisch. Warum früh aufstehen, wenn mensch doch nichts zu tun hat? In einem Land, das sich mit dem Stereotyp des_der strebsamen Deutschen schmückt, wirken diejenigen, die nichts zu tun haben, als faul und deplaziert.

Tatsächlich ist es aber natürlich so, dass Menschen, die in Deutschland um Asyl ansuchen, nichts lieber täten als zu arbeiten, nur dürfen sie das nicht. Das Arbeitsverbot ist aber nicht die einzige Einschränkung, von denen AsylwerberInnen in Deutschland betroffen sind. Durch die Residenzpflicht, die ihnen das Verlassen eines Landkreises verwehrt, wird die Bewegungsfreiheit von AsylwerberInnen maßgeblich eingeschränkt. Wer sich nicht daran hält, muss mit einer hohen Geldstrafe rechnen. Mit dieser Maßnahme wird bewusst eine Isolation erzeugt, um eine Eingliederung in die Gesellschaft zu verhindern. Arbeit und soziale Kontakte herzustellen und zu pflegen, sind jedoch notwendige Eckpfeiler der Integrationsarbeit und generell des gesellschaftlichen Miteinanders. Das Leben in einem Asylheim gleicht jedoch, durch dessen Abgeschiedenheit und der räumlichen Einschränkung, eher einem Gefängnisalltag. "Man kommt hier her, man ist jung und dann altert man nur noch" ist ein beliebter Ausspruch der Betroffenen und Ausdruck ihrer Trostlosigkeit und Stagnation.

Die 26-jährige studierte Illustratorin und Keramikerin Paula Bulling stellt in ihrer dokumentarischen Comic-Erzählung eben dieses Dilemma der Alltäglichkeit, das Leben in einer gesellschaftlichen Grauzone, in Bildern dar. Eine rein deskriptive Position wollte sie jedoch nicht einnehmen, weswegen sie sich und die kritische Auseinandersetzung mit ihrer Weißheit zum Thema macht. So beschreibt sie ihre behutsame Annäherung an die im Flüchtlingslager lebenden Personen ohne "weiße Bilder von schwarzen Menschen" zu produzieren. Ihr Alter Ego Paula gerät deswegen in der Geschichte in eine Diskussion mit einem Freund. Er spricht von einer Struktur, in der Weiße immer noch die EntdeckerInnen sind und das "Fremde" beschreiben würden. Auf Paulas Frage, was sie denn ansonsten tun solle, antwortet er: "Zum Beispiel zuhören und die Anderen reden lassen." In Paulas Veröffentlichung "Im Land der Frühaufsteher" bekommen die AsylwerberInnen nun eine Stimme, sprechen in ihrer eigenen Sprache und treten somit für einen Moment aus ihrer Isolation heraus. Paula Bulling gibt ihnen Identitäten und eine Kontur, aber keine Farbigkeit.

Paula Bulling interessiert das Naheliegende des Alltags, vor dem mensch jedoch gerne die Augen verschließt: "Flüchtlingspolitik wird direkt vor unserer Tür gemacht und gleichzeitig zeigt sich darin die ganze Verstricktheit und Brutalität der globalisierten Welt." Ihre Beschäftigung damit begann, als sie auf einer Reise durch Syrien MenschrechtsaktivistInnen kennenlernte, die in Deutschland um Asyl ansuchten. Nach einem Besuch im AsylwerberInnenheim Katzhütte in Thüringen ließen sie die Gedanken daran nicht mehr los. Der so ernsten Thematik wollte sie sich schließlich weniger schwer annähern: "Comic ist ein populäres und zugängliches Medium und gleichzeitig sehr komplex. Mich interessiert der Kontrast zwischen dem ernsten Thema und der scheinbar leichten Form." Die Prägnanz des popkulturellen Mediums verhilft ihr dazu, ein sehr komplexes politisches Thema auf einer unmittelbareren, emotionalen Ebene erfahrbar zu machen. Zudem gefalle ihr diese Form Themen aufzubereiten sehr gut, da zwei unterschiedliche Ebenen, die der Erfahrung und die der Erinnerung, sich gegenseitig ergänzen: "Mir liegt auch der Arbeitsprozess, in dem ich mich erst intensiv mit einer Situation aussetze und hinterher an den Zeichentisch zurückziehe. Die Kombination aus beidem funktioniert sehr gut für mich.

In enger Zusammenarbeit mit den in der Graphic Novel portraitierten AsylwerberInnen hat die junge Berliner Künstlerin das Leben in den Wohnheimen Halle, Halberstadt und Möhlau/Wittenberg dokumentiert. Letzteres ist aufgrund seines verwahrlosten Zustands und seiner verkehrstechnischen Abgeschiedenheit in den Fokus von MenschenrechtsaktivistInnen geraten.

Salomon Wanchoucou, ein mit der Autorin befreundeter Asylwerber, zu den Zuständen vor Ort: "In diesem Heim ist eine Integration unmöglich, weil wir aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Wir haben zu niemandem Kontakt. Man verweigert uns das Recht zu arbeiten, man verweigert uns alle Rechte. Das ist es, was man Isolation nennt." Hinzu kommt, dass die Sicherheit bei Verlassen des Heimes selten gewährleistet wird. Gerade in Sachsen-Anhalt ist das Ausmaß rechtsextremer Gewalt sehr hoch. In derartigen Gewaltsituationen kulminieren jene Ebenen, die das Leben als AsylwerberInnen in Deutschland unerträglich macht: Isolation, Rassismus, Ignoranz.

Paula Bullings Erzählung endet deswegen mit dem Unfalltod eines georgischen Flüchtlings aus Möhlau. Die Polizei jedoch legte den Vorfall bereits nach zwei Monaten ad acta. Die Familie des Georgiers war auch nach dessen Tod, zwischen 2009 bis 2012, von der Abschiebung bedroht, obwohl die beiden Töchter in Deutschland aufgewachsen sind. Erst Ende Juni dieses Jahres bekamen sie den positiven Asylbescheid durch die Härtefallkommission. Wie es zu dem tödlichen Unfall des Vaters und Ehemannes kommen konnte, bleibt indessen unaufgeklärt. Die Verschleierung solcher Gewalttaten sind kein Einzelfall und schreiben sich im kollektiven Gedächtnis ein. Farid, einer der Hauptprotagonisten in der Graphic Novel, beschreibt dieses Gefühl mit den Worten: "Das bitterste für mich ist, dass es keinen interessiert, ob hier einer verreckt."

AVIVA-Tipp: Eindrucksvoll erzählt die junge Illustratorin Paula Bulling in ihrem Comic-Debüt vom Leben in der gesellschaftlichen Peripherie. Die Reflexion ihrer eigenen Perspektive ermöglicht es, die Mechanismen dieses Ausschlusses aufzuzeigen. Das Ende ihrer großartigen Graphic Novel ist angemessen ernüchternd.

Paula Bulling
Im Land der Frühaufsteher

Avant Verlag, erschienen Juni 2012
Softcover, 120 Seiten
ISBN 978-3-939080-68-8
17,95 Euro
www.avant-verlag.de

Weitere Informationen:

Paula Bulling

Arte-Beitrag über Paula Bullings Graphic Novel

www.ludwigstrasse37.de/nolager, die Seite von AktivistInnen aus Halle/Saale, die sich für die Rechte von Asylsuchenden in Sachsen-Anhalt engagiern. Mit aktuellen Infos.

Kampagne gegen die Residenzpflicht

The VOICE Refugee Forum Germany

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Noah Sow - Deutschland Schwarz Weiß - Der alltägliche Rassismus

Literatur Beitrag vom 17.08.2012 AVIVA-Redaktion 

   




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