Silke Förschler - Bilder des Harem. Medienwandel und kultureller Austausch - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

Happy End AVIVA_gegen_AFD
Aviva-Berlin > Literatur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 18.09.2012

Silke Förschler - Bilder des Harem. Medienwandel und kultureller Austausch
Ingeborg Morawetz

Der Harem: Ort der Schleier, des Verbergens, der Schönheit und der Unterdrückung. Bildreich, informativ und ästhetisch ansprechend wird über Jahrhunderte verfolgt, wie das Abendland ihn wahrnahm.



Die Kulturhistorikerin Silke Förschler begleitet den orientalischen und nordafrikanischen Harem in Wort und Bild von ersten französischen Reise- und Hofberichten im Jahre 1568 bis hin zu künstlerisch umgesetzten Atelier-Photographien des frühen 20. Jahrhunderts. Auf der Basis von Reisetagebüchern, Briefen und belletristischen Schilderungen europäischer, aber hauptsächlich französischer Orientreisender bewegt sie sich durch das, was vor allem dem männlichen Auge eigentlich verschlossen bleiben soll. Dabei fragt sie nicht nach Wahrheit, sondern nach Differenz. Sie versucht zu ergründen, ob die okzidentale Darstellung des Harem auf seiner Exotik, seinem Anderssein, auf politischen Symbolisierungen westlicher Herrschaft oder auf – projiziertem – sexuellem Reiz beruht.

Dazu sind ihre bei Weitem wichtigsten Quellen neben den Textzeugnissen Graphik und Malerei. Diese machen das wissenschaftliche Werk zu einem kurzweiligen Leseerlebnis. Schwarz-weiße Miniaturen stehen den entsprechenden Beschreibungen unmittelbar zur Seite, sind aber, wenn es zum Verständnis der Art der Wiedergabe bedeutsam ist, im umfassenden Mittelteil des Buches noch einmal in Farbe zu bewundern. Neben älteren Kupferstichen und indischen Farbtafeln werden auch bekanntere Portraits von Jean–Auguste–Dominique Ingres und Henri Matisse diskutiert und in die Reihe der Abbildungen eingeordnet.

Das Buch ist in drei Hauptkapitel gegliedert, die es in die drei dominierenden Rezeptionsmedien Graphik, Malerei und Photographie einteilen. Die zusätzlichen Zwischenüberschriften wie "Maschinelle und manuelle Bildelemente" scheinen zunächst wenig nachvollziehbar. Auf den ersten Blick springen sie zwischen bildlicher und schriftlicher Darstellung des Harem und geschichtlichen Überblicken des Orient, ergeben aber aufgrund hervorragender Recherche und einem durchdachten Gesamtkonzept eine inhaltliche Einheit.
Auch zwischen den zitierten Medien werden Beziehungen und Vergleiche aufgezeigt, die auch mit dem Thema nicht vertrauten LeserInnen einen schnellen Zugang ermöglichen. Sie gestatten es, den Weg über die schlichte Kostümdokumentation in der Tuschezeichnung aus dem 16. Jahrhundert bis hin zu den nach Photographien gemalten Odalisken von Eugène Delacroix Schritt für Schritt mitzugehen.

Behutsam richtet Silke Förschler auch einen Fokus auf den Begriff der Selbständigkeit der Frau in Abend- und Morgenland und gibt zu bedenken, dass das, was damals wie heute Unterdrückung genannt wird, oft auf Unkenntnis der tatsächlichen Lebensverhältnisse oder einem manchmal bewussten Missverstehen anderer Kulturen beruhen kann. Kritisch werden ebenso SklavInnenhandel, Eunuchentum und Kolonisierung beleuchtet.

Die Schilderungen der Lebensweise der arabischen und osmanischen Bevölkerung, die Förschler aus alten Expeditionsberichten entnimmt, können auf die modernen LeserInnen einen beinahe komischen Eindruck machen. So wird ein unbekannter Autor damit zitiert, dass der auf Darstellungen beliebte Turban das Schwitzen verhindere und so zu Krankheiten führe. Anekdoten dieser Art bleiben dankenswerterweise von der Autorin unkommentiert und sind somit erfrischend auflockernd.

In einer Schlussbetrachtung gibt Förschler schließlich alle angestellten Beobachtungen noch einmal im Überblick wieder und fasst sie unter der zu Beginn gestellten Frage zusammen. Das rundet den Exkurs für die LeserInnen angenehm ab. Eine empfehlenswerte Lektüre für Geschichts-, Kunst- und Anthropologieinteressierte.

Zur Autorin: Silke Förschler studierte Kunstgeschichte, der Neueren deutschen Literatur und Theaterwissenschaft in Tübingen, Zürich und Berlin. Im Oktober 2008 promovierte sie mit der Arbeit "Evidenz des Verborgenen. Französische Haremsdarstellungen vom 18. bis 20. Jahrhundert zwischen Kunst und Ethnografie", aus der auch "Bilder des Harem" hervorging.

AVIVA-Tipp: Silke Förschler zeigt, was andere sahen: Medienwandel und europäische Aufnahme eines gleichermaßen geheimnisvollen wie heiklen Themas werden von ihr detailreich und wissenschaftlich fundiert wiedergegeben.
Die Autorin bietet mit der Darstellung einer Überlieferungsgeschichte die Möglichkeit weiterführende Fragen auch zur Verlässlichkeit und Authentizität des eigenen Wissens zu stellen und Tradiertes aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Silke Förschler
Bilder des Harem
Medienwandel und kultureller Austausch

Reimer Verlag, erschienen im August 2010
Kartoniert, 322 Seiten
40 Farb- und 184 SW-Abb., 17 × 24 cm
ISBN 978-3-496-01420-1
59,- Euro
www.reimer-mann-verlag.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Elif Shafak - Als Mutter bin ich nicht genug

Mythos Jungfrau - Die Kulturgeschichte weiblicher Unschuld





Literatur Beitrag vom 18.09.2012 AVIVA-Redaktion 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken