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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 01.10.2012

Jutta Schwerin - Ricardas Tochter. Leben zwischen Deutschland und Israel
Anna Kow

Über die Emigration ihrer Eltern, die als deutsch-jüdisches Paar, als KommunistInnen und Bauhaus-Studierende im NS-Deutschland keine Zukunft haben, schreibt Jutta Schwerin nüchtern: "Heinz und ...



... Ricarda waren keine ´Zionisten, sie wollten eigentlich nicht nach Palästina. Einen anderen Ort hatten sie aber nicht."

Jutta Schwerin, die in "Ricardas Tochter – Leben zwischen Deutschland und Israel" sowohl ihre eigene Geschichte als auch die ihrer Mutter erzählt, wird 1941 in Jerusalem geboren. Dort verbringt sie ihre Kindheit und Jugend, die sowohl geprägt ist von den fortschrittlichen Vorstellungen der Eltern – das Kind trägt kurze Haare und findet zuhause Unterstützung, als es in der Schule vom Handarbeits- in der Werkunterricht wechseln will – als auch überschattet von den fortdauernden Konflikten zwischen Mutter und Tochter, die Zeit ihres Lebens eine "unglückliche Liebesbeziehung" verbindet.

Als Juttas Vater bei einem Einsatz der Hagana vom Dach fällt und stirbt – was ihn, obwohl nicht im klassischen Sinne "gefallen", zu einem Kriegstoten macht – erklärt Ricarda ihrer Tochter: "Heinz war Kommunist, das darfst du nie vergessen." Die Tochter vergisst es nicht und schließt sich als Jugendliche der ´Schomer Hatzair´ an, einer Jugendgruppe, in der "jüdische Identität, Sozialismus und Kibbuzromantik" vermittelt werden. Die bewunderte Mutter reagiert darauf wider Erwarten mit Befremden und versucht der Tochter, den Sozialismus wieder auszureden – zum Glück ohne Erfolg. Als Jutta sich Jahrzehnte später von ihrem Ehemann trennt, um mit einer Frau zusammen zu leben, reagiert ihre Mutter erneut ablehnend: eine "kaputte Familie" sei etwas ganz schlimmes und überhaupt die aktuellen Modeströmungen - "freie Erziehung, Freiheit für Frauen, Frauen-Kommunen" - nichts Neues, alles schon mal da gewesen zu Bauhaus-Zeiten.

Obwohl Jutta Schwerin allen bewunderten Personen und politischen wie privaten Ereignissen, die ihre Lebensgeschichte säumen, viel Aufmerksamkeit widmet, kommt sie doch immer wieder auf ihre Mutter zurück. Ricarda, die lange davon überzeugt ist, der Aufenthalt in Israel sei nur vorübergehend, weigert sich bis zum Schluss Hebräisch zu lernen. Als deutsche Nichtjüdin fühlt sie sich dem neu entstehenden jüdischen Staat nicht verbunden, fühlt sich unsicher inmitten derer, die vor dem antisemitischen Vernichtungswahn der Deutschen haben fliehen müssen. Nach dem Tod ihres Mannes sorgt Ricarda allein für ihre Familie und muss sich mit allerlei Dienstleistungen über Wasser halten. Die gelernte Fotografin, die zusammen mit Heinz eine Holzwerkstatt für Kinderspielzeug betrieben hat, putzt für den Rabbi, züchtet Kaninchen und errichtet schließlich ein "Babyheim". Erst viel später soll sie zur Fotografie zurückkehren – mit dem bitteren Beigeschmack, dass die gemeinsam erstellten Bücher und Ausstellungen den Namen ihres Partners Alfred Bernheim tragen und ihre Rolle somit auf die einer Assistentin herunter gespielt wird.

Die Zeit im noch jungen Staat Israel, dessen Kriege und alltäglichen gewaltsamen Konflikte das Heranwachsen Jutta Schwerins flankieren, macht etwas mehr als die Hälfte des Lebensberichtes aus. Der zweite Teil spielt in Deutschland, wo die junge Frau Architektur studieren und ihre politischen Aktivitäten unter anderem als Mitglied des SDS fortsetzen soll. In Stuttgart beginnt sie ihren neuen Lebensabschnitt, in einem Land, in dem sie "unüberlegt, fast aus Versehen" gelandet ist und das für viele ihrer israelischen Freundinnen auch nur als Urlaubsort undenkbar gewesen wäre. Sie lernt Ulrich Oesterle kennen, der ebenfalls im SDS aktiv ist, die beiden ziehen nach dem Studium nach Ulm und gründen eine Familie. Schließlich verschreibt sich Jutta Schwerin ganz der Politik: sie wird zuerst Stadträtin, dann Bundestagsabgeordnete für die Grünen. Als solche erlangt sie Ende der 80er Jahre Berühmtheit durch ihren Zwischenruf bei der Rede zum 50jährigen Gedenken an die Reichspogromnacht, außerdem durch ihren Einsatz in Bezug auf Schwulen- und Lesbenpolitik. Die Begriffe "Lesben" und "Schwule" sind Ende der 80er Jahre im Bundestag verpönt. "Niemand darf denen, die um ihre Befreiung kämpfen, vorschreiben, wie sie sich selbst zu bezeichnen haben", findet Jutta Schwerin und schreibt in einem Brief an den Bundestagspräsidenten: "Wenn die Bezeichnungen ´schwul´ und ´Lesbe´ für den Bundestag nicht gut genug sind, wie ungemein schlecht muss es dann erst sein, als Schwuler oder Lesbe zu leben."

Der thematischen Vielfalt, vom Alltag als "nur halb" jüdische Deutsche in Israel über eine spannungsreiche Mutter-Tochter-Beziehung hin zur Frauen-/Lesbenpolitik und der Kinderladenbewegung ist es geschuldet, dass vieles nur kurz angerissen wird, dass manche großen Themen, unter anderem die Shoah, nur am Rande vorkommen. Auch das Verhältnis der deutschen 68er-Linken zur Politik im Nahen Osten wird kaum thematisiert, Schwerin bemerkt dazu lediglich: "In Bezug auf Israel verlor ich damals vorübergehend die Orientierung und wusste lange nicht, auf welcher Seite ich stand. Für mich war es besser, über den Iran oder über Vietnam zu diskutieren." Trotz dieser Lücken hält das Buch, was der Titel verspricht: es erzählt auf sehr einnehmende Art ein Leben – oder eigentlich zwei, das Jutta Schwerins und das ihrer Mutter Ricarda. Dabei beschreibt die Autorin mehr als zu deuten und zu werten, versucht sich nicht an großen historischen Einordnungen. Sympathisch ist das, manchmal aber fast zu distanziert, gerade so, als wolle sich die Autorin aus den Geschehnissen raushalten, als sei sie tatsächlich nur Beobachterin.

Leicht und schnell liest sich dieses Buch, und das liegt vor allem an Jutta Schwerins Fähigkeit, Menschen und Situationen plastisch und klar zu beschreiben, ohne dabei ihren angenehm nüchternen Stil aufzugeben.
Es ist die Fülle an Geschehnissen, die diesen Lebensbericht ausmacht, vor allem aber der Reichtum an Begegnungen mit beeindruckenden Menschen, denen die Autorin berechtigterweise viel Raum zukommen lässt.

AVIVA-Tipp: "Ricardas Tochter" ist eine spannende Erzählung, ästhetisch von innen (Sprache) wie Außen (Gestaltung) sehr gelungen, ein Stück linke, feministische Geschichte. Es lässt sich gut und gerne mehrmals lesen.


Jutta Schwerin
Ricardas Tochter – Leben zwischen Deutschland und Israel

Spector Books in Kooperation mit der Stiftung Bauhaus Dessau, Leipzig, erschienen 7. März 2012
319 Seiten, gebundene Leinenausgabe mit 65 Schwarz-Weiß-Fotografien
Gestaltung: Katharina Köhler
ISBN: 978-3-940064-332
19,90 Euro
www.spectorbooks.com

Anna Kow ist Autorin und Redaktionsmitglied der "outisde the box - Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik" (outside.blogsport.de). Die Rezension zu "Ricardas Tochter" wurde ursprünglich für die Buchhandlung drift in Leipzig (drift-books.de) verfasst.




Literatur Beitrag vom 01.10.2012 AVIVA-Redaktion 

   




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