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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 10.10.2012

Camille Jourdy - Rosalie Blum
Dana Strohscheer

Aude ist deprimiert. Ihr Studium hat sie vor Ewigkeiten geschmissen, tagelang geht sie nicht vor die Tür. Die 2010 auf dem Comicfestival in Angoulême ausgezeichnete Graphic Novel erschien im ...



... Herbst 2012 bei Reprodukt.

Aude müsste zum Amt, um Wohngeld zu beantragen, aber sie kann sich nicht aufraffen. Für sie läuft es momentan nicht gut. Ebenso wenig für Vincent.

Beide leben in einer französischen Kleinstadt. Vincent ist Anfang Dreißig, betreibt in zweiter Generation einen Frisiersalon und wohnt mit seiner Katze in einer kleinen Wohnung. Seine Freundin Marianne ist vor einiger Zeit nach Paris gegangen, wegen eines Praktikums. Seitdem hat sie ihn weder besucht noch ist sie erreichbar, wenn er anruft. Vincents Freund behauptet, dass Marianne etwas mit ihrem Fitnesstrainer hätte, aber Vincent versucht, nicht zu viel darüber nachzudenken. Dazu hat er auch keine Zeit, denn seine alte, kränkliche Mutter lebt eine Etage über ihm und erwartet Liebe und Hingabe rund um die Uhr.

Eines Tages läuft Vincent eine Frau über den Weg, Rosalie Blum. Aber woher kennt er sie? Die Frage geht Vincent nicht mehr aus dem Kopf, und einer Laune folgend, beginnt er ihr auf ihren Wegen zu folgen. Dabei bemerkt Vincent nicht, dass er selbst beobachtet wird, von Aude und ihren Freundinnen. Denn Rosalie möchte gern wissen, wer der Unbekannte ist und hat die Mädchen damit beauftragt, das herauszufinden. So beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel in dem kleinen Städtchen, das sich für die LeserInnen auf knapp 360 bunten Seiten entwickelt.

Die große Stärke der Graphic Novel von Camille Jourdy liegt in der pointierten Darstellung der ProtagonistInnen und deren Stimmungen. Aude, Rosalie und Vincent haben alle ihr Päckchen zu tragen, sie sind oft einsam und leben nicht das Leben, dass sie eigentlich leben woll(t)en. Die detailgetreuen Zeichnungen geben diesen Gefühlslagen Ausdruck: Da ein Stillleben von zerknüllten Zigarettenpackungen, Schokolade und Feuerzeug, hier ein Zimmer, in dem Chaos herrscht.

Trotz zurückhaltend gezeichneter Mimik und Gestik gelingt es Jourdy, ihre Charaktere verlegen, traurig oder frustriert aussehen zu lassen. Überraschend sind die unterschiedlichen Formate, in denen Jourdy ihre Panels zeichnet. Da gibt es die klassischen Strips, die in aufeinander folgenden Bildern die Geschichte erzählen. Diese werden immer wieder von einzelnen skizzenhaften Bild- und Traumsequenzen unterbrochen, die geradezu aus den Seiten auszubrechen scheinen und die Stringenz der vorherigen Seiten aufbrechen. Dazwischen sind auch immer wieder großformatige und stark colorierte Einzelzeichnungen zu finden, die in ihrer Detailfreude überraschen.

Auch die Nebenfiguren sind stimmig und charmant portraitiert, ob es nun der Mitbewohner Audes ist, der auf den Namen "Mitbewohner" hört und der als Beruf "Kleinganove" angibt. Er plant immer wieder das nächste "große Ding", nur um kurz vorher krank zu werden. Oder der Freund Vincents, der ihm immer wieder vorschlägt, dessen Mutter "um die Ecke" zu bringen, damit er "Ruhe vor der Alten" habe.

Diese Figur ist wunderbar verschroben, denn die Mutter frönt einem skurrilen Hobby – sie schaut sich Trash-TV Sendungen an und spielt diese dann im heimischen Puppentheater nach, wobei sie selbst die Heldin ist. Gleichzeitig lässt sie ihrem Sohn keinerlei Raum, ein eigenes Leben zu führen. Das äußert sich dann in sehr stark gezeichneten Alpträumen Vincents, die immer wieder die Übermutter zum Thema haben und den Ödipus-Komplex herrlich drastisch thematisieren.

Geschickt baut Jourdy in ihre einzelnen Kapitel Cliffhanger ein, die die Spannung bis zum Ende hoch halten: Was hat Rosalie in ihrer Jugendzeit erlebt? Wie geht es mit Aude und Vincent weiter? Ganz nebenher zeigt Jourdy eine liebevoll gezeichnete Welt, in der verrückte Ideen unvorhersehbare Folgen haben und Schicksale auf interessante Weise miteinander verknüpft werden. Großes Kino in Comicform!

Zur Autorin: Camille Jourdy, geboren 1979 in Chenôve, Frankreich,
veröffentlichte einige Comics und illustrierte Kinderbücher. Für das abschließende Kapitel der ursprünglich in drei Bänden erschienenen Geschichte "Rosalie Blum" wurde sie 2010 auf dem Comicfestival in Angoulême ausgezeichnet. Camille Jourdy lebt und arbeitet in Lyon. (Quelle:Verlagsinformationen)
Weitere Informationen zu Camille Jourdy unter:
www.camillejourdy.canalblog.com

Zur Übersetzerin: Claudia Sandberg ist Buchhändlerin und Übersetzerin und betreut bei der französischen Buchhandlung Zadig in Berlin-Mitte die Comicabteilung.

AVIVA-Tipp: Ansprechendes Erwachsenen-Comic, das charmant und pointiert den Alltag seiner etwas schrulligen Figuren begleitet und am Ende ein dunkles Geheimnis löst. Durch die verschiedenen Formate der einzelnen Panels auch immer eine visuelle Überraschung. Absolut empfehlenswert!

Camille Jourdy
Rosalie Blum

Originaltitel: Rosalie Blum
Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Sandberg
Reprodukt, erschienen am 31. August 2012
Broschiert, 364 Seiten
Farbig 16,5 x 23,5 cm
ISBN: 978-3943143096
29,- Euro
www.reprodukt.com

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Literatur Beitrag vom 10.10.2012 Dana Strohscheer 

   




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