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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 04.11.2012

Lüge! Alles Lüge! Aufzeichnungen des Eichmann-Verhörers. Rekonstruiert von Bettina Stangneth
Judith Kessler

Die Historikerin hat das Tagebuch des Eichmann-Verhörers Avner Werner Less doumentiert. Sie wurde auf ihn aufmerksam, weil zwischen den 3564 (!) Seiten Abschrift des Verhörs, das Less zwischen ...



... Mai 1960 und Januar 1961 mit Adolf Eichmann geführt hatte, ein Notizzettel steckte, der sie neugierig machte.

"Lüge!!! alles Lüge!!!"
stand darauf, weiter nichts. Wer war der Mensch hinter dem israelischen Polizeihauptmann mit dem Pokerface, der, 1987 in der Schweiz verstorben, sein geplantes Buch über den Organisator des Holocaust selbst nicht hatte fertigstellen können? Der Mann, der Eichmann 275 Stunden lang allein gegenübersitzen und seine Ausflüchte anhören musste, dessen eigener Vater deportiert worden war, der in seiner Freizeit romantische Gedichte schrieb?

Reden durfte dieser Werner Avner Less über seine Gespräche in der Zelle nicht. Less schrieb auf, sehr präzise und klug, was ihn bewegte, was er an sich und an Eichmann beobachtete. Die Historikerin Stangneth hat diese Aufzeichnungen nun mit Interviews, die sie mit Sohn und Freunden von Less führte, in einem Buch zusammengefasst.
Eichmanns Gegenüber – Werner Less – wurde 1916 in Berlin geboren, ging in Charlottenburg zur Schule und musste mit 17 vor den Nazis fliehen, ohne Abschluss und ohne Studium. In Paris machte er einen Kurs als Damenfriseur, lernte seine Frau Vera kennen und ging mit ihr nach Palästina, wo die Kinder Dorit und Alon geboren wurden. In Israel avancierte Werner (nun Avner) Less zum Spezialisten für Wirtschaftskriminalität. Als Eichmann im Mai 1960 festgesetzt wurde, suchte man den Polizeioffizier aus, den Angeklagten bei der Voruntersuchung (für die eine eigene Einheit gebildet wurde, das "Büro 6", dessen MitarbeiterInnen Tausende Dokumente sichteten und hunderte ZeugInnenaussagen hörten) mit dem Ermittlungsmaterial zu konfrontieren und ihn zum Reden zu bringen.

Adolf Eichmann sah dann in dem knappen Jahr bis zum Prozessbeginn nur das Wachpersonal (das nicht Deutsch sprach), den Polizeiarzt – und eben Less. Und wenn der kam, schien Eichmann fast glücklich. Sein Blutdruck normalisierte sich augenblicklich ("Ich wirke auf ihn wie eine Beruhigungspille", schreibt Less), und er lechzte danach, endlich reden zu dürfen. Less ermutigte ihn. Er nannte ihn "Herr Eichmann", bot ihm Zigaretten an und sprach mit ihm "stundenlang im Plauderton über die erschütternsten Ereignisse unserer Zeitgeschichte".

Viele seiner Kollegen konnten das nicht verstehen und gingen Less nun aus dem Weg. Doch war es nicht Selbstverleugnung oder ein einsetzendes "Stockholm-Syndrom", sondern Kalkül (auch in Heinar Kipphardts "Bruder Eichmann" fühlte Less sich falsch dargestellt, an Eichmann sei absolut nichts "brüderlich" gewesen). Less entschied sich sehr bewusst dafür, dem ausgebufften, aalglatten Eichmann mit ausgesuchter Höflichkeit und Korrektheit zu begegnen und seine Wachsamkeit einzuschläfern. Eichmann tappte prompt in die Falle. Je mehr er redete, je sicherer er sich fühlte, um so mehr verriet er sich. Von seinem Gegenüber verlangte diese Strategie einen enormen Kraftaufwand und ein Höchstmaß an Selbstkontrolle. Seinen Ekel konnte und wollte Less niemandem vermitteln. Das machte ihn zum Schweiger und Einzelgänger. Nur in seinen privaten Notizen leistete er sich Emotionen: "What a rotten swine", schreibt er am 20. September. Doch in der Verhörzelle bleibt seine Stimme immer sanft und ruhig, wie Stangneth beim Abhören der Tonbänder feststellt.

Der eklatanteste Beweis für das Zutrauen, das Eichmann auf diese Weise zu Less gewann (wie für sein Wahrnehmungsdefizit), mag diese Episode sein: Eichmann fragt Less eines Tages, ob er ihn etwas Persönliches fragen dürfe, und dann, ob er noch Geschwister und Eltern habe. Less antwortet und sagt ihm auch, dass Eichmanns Referat seinen Vater in einem der letzten Transporte in den Osten deportiert hat. Urplötzlich begreift Eichmann wohl, dass er den netten Less völlig falsch eingeschätzt hat, und stammelt: "Aber das ist ja entsetzlich, Herr Hauptmann!"

Less hatte Eichmanns Rollen da schon lange durchschaut. Erst gab er den "reumütigen Sünder" und dann, als sich das Beweismaterial erdrückend vor ihm auftürmte, die "unbedeutende Schachfigur, die "winzige Schraube", das "unschuldige, willenlose Werkzeug". Eichmann versuchte immer wieder zu leugnen, dass er ein zentrale Figur bei der systematischen Ermordung der Juden war. An allem waren Vorgesetzte oder Untergebene schuld. "Dokumente? Gefälscht! Briefe, von ihm unterschrieben – wurden ihm diktiert. Seine Untergebenen? Handelten hinter seinem Rücken ohne oder gegen seinen Willen." Kurz: "Er war der Apfel, die anderen waren die Schlange."

Auch dass Eichmanns Äußeres so unscheinbar war, deutete Less als einen Moment, der ihn gefährlich gemacht habe: sein innerer Drang, jemand zu werden – der verkrachte Ingenieur mit Minderwertigkeitskomplex, der sich zum Judenspezialisten weiterbildete, um seinen Vorgesetzten aufzufallen. Bei allem war er ein begnadeter Mime, dessen Servilität ebenso Camouflage gewesen sei wie das schlechte Gedächtnis. "Er irrte sich nur dort, wo es ihm nützlich schien" und "alles, was ihn belasten kann, verfällt einer Amnesie...". In Wahrheit hatte Eichmann ein "blendendes Gedächtnis" und Less erlebte ihn als intelligent, kalt, humorlos, eitel und fanatisch – einen besessenen Opportunisten, der genauso gründlich, systematisch und ordentlich seine Zelle putzte wie er das Ausrotten von Menschen betrieb.

Avner Werner Less hat Hannah Arendts Bericht nicht nachvollziehen können, er befand, dass sie, die Eichmann nur im Prozess erlebt und als "Hanswurst" bezeichnet hatte, ihm "auf den Leim gekrochen" war. Ihren Topos von der "Banalität" (des Bösen) las er als Formel zur kollektiven Entlastung der deutschen Akademikerschaft. Und doch hätten alle mitgemacht und war Eichmann "die Quintessenz des aktiven Schreibtischmörders, einer von den Nazis ausgelösten Kettenreaktion deutscher Erziehung".
Und Werner Less selbst? Macht über Menschen auszuüben – das war seine Sache nicht. An Eichmanns Abhängigkeit fand er nichts Positives. Nach dem ersten Verhör notierte er: "Er, der Judenjäger in den Händen der Juden! Welche Ironie des Schicksals. Komisch, ich fühle mich gar nicht erhaben bei diesem Gedanken... Ich spüre keinen Hass, eher tiefe Traurigkeit."

Von Less ist vieles zu lernen und an ihm vieles zu bewundern. Zum Beispiel, dass es zu seiner Weltsicht gehörte, über den eigenen Tellerrand zu schauen (so befand er es als "ungeheure Schande für das demokratische Deutschland, dass bis zum heutigen Tag die ebenfalls unverzeihlichen Verbrechen und Massenmorde an den Zigeunern nicht gesühnt worden sind.") und dass ein Verharren in Hass und Zorn lähmt, fatale Hierarchien fortsetzt und den Opfern nicht hilft. Wie übermenschlich schwer eine gegenteilige Haltung sein kann, welche Gefühle in ihr mitschwingen können, lässt sich aus den Notizen des Prozessbeobachters und späteren Schriftstellers Harry Mulisch erahnen: "Auch wer nicht Katholik oder Freudianer ist, spürt das Band zwischen beiden Männern. Eichmann ganz links auf der Bühne, Less ganz rechts.… Ich wüsste so schnell keine tragischere Situation. Zwei Männer – der eine hält den anderen gefangen, zufällig ist er seinerzeit nicht vom anderen zur Schlachtbank geführt worden. Sie sprechen ... seit einem Dreivierteljahr täglich stundenlang miteinander. Dann entsteht etwas, was natürlich nie mit einem Wort gestreift wird – aber sie träumen voneinander … Tagsüber versuchen sie, sich gegenseitig zu fangen, zu überlisten, zu schmeicheln, zuzusetzen – aber sie sind nie mehr ohne einander ... Und nun sehen sie sich auf der Bühne wieder … Dann und wann schauen sie sich an. Es ist entsetzlich."

Zur Autorin: Bettina Stangneth, geboren 1966, studierte bei Klaus Oehler und Wolfgang Bartuschat in Hamburg Philosophie und promovierte 1997 über Immanuel Kant und das Radikal Böse. Sie hat Kants Religionsschrift herausgegeben und kommentiert, zur Geschichte des Antisemitismus im 18. Jahrhundert geschrieben und zu nationalsozialistischer Philosophie gearbeitet. Seitdem forscht sie zur Lügentheorie. 2000 erhielt Stangneth für Antisemitismus bei Kant? den ersten Preis der Philosophisch-Politischen-Akademie e.V., Köln. 2011 erschien Eichmann vor Jerusalem im Arche Verlag, das mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis ausgezeichnet wurde und auch international große Beachtung fand. Bettina Stangneth lebt in Hamburg.

Avner Werner Less / Bettina Stangneth
Lüge! Alles Lüge!

Arche Literaturverlag, erschienen August 2012
Gebunden, 352 S.
Euro 19,95


Dieser Artikel von Judith Kessler ist unter dem Titel "275 Stunden mit Adolf Eichmann" in der Zeitschrift Jüdisches Berlin Nr.148 im November 2012 erschienen und wurde AVIVA-Berlin von der Autorin freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Literatur Beitrag vom 04.11.2012 AVIVA-Redaktion 

   




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