Necla Kelek - Hurriya heißt Freiheit. Die arabische Revolte und die Frauen - eine Reise durch Ägypten, Tunesien und Marokko - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 28.11.2012

Necla Kelek - Hurriya heißt Freiheit. Die arabische Revolte und die Frauen - eine Reise durch Ägypten, Tunesien und Marokko
Susann S. Reck

In ihrer aktuellen Veröffentlichung weist die Volkswirtin und Soziologin, alarmiert durch die jüngsten Entwicklungen in Ägypten, dem arabischen Frühling reaktionäre und frauenfeindliche Züge nach.



Von Necla Kelek kann erwartet werden, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt - ihre Bücher, wie etwa "Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland" (2005) oder " Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes". (2006), lösen für gewöhnlich deutschlandweite Debatten aus.

Auch ihr neues "Hurriya heißt Freiheit" fesselt von Anfang an:

"Hurriya! Über nichts habe ich mich im Januar 2011 mehr gefreut als über die Bilder und Rufe vom Tahrir-Platz. Die Bilder von den Demonstrationen /.../ an den Frauen einen großen Anteil hatten, hatten selbst im Fernsehen etwas Magisches."

Nach diesem begeisterten Einstieg zu ihrem Reisebericht in die Länder der Revolte, Ägypten, Tunesien und Marokko, scheint die Zurückhaltung, die den sich anschließenden Bericht bestimmt, so überraschend wie ernüchternd.

Arabischer Frühling

Als Kelek zwei Monate nach dem Beginn der Revolte durch die Länder des arabischen Frühlings reist, ist in Ägypten nach dem Sturz Mubaraks ein Vertreter der Muslimbrüderschaft, Mohammed Mursi, mit knapper Mehrheit zum Präsidenten gewählt worden. In Tunesien, das vor allem wegen seines Bildungssystems als dem Westen gegenüber aufgeschlossen gilt, herrscht unter dem neuen Premier der islamistischen Ennahda-Partei, Hamadi Jebali, noch immer der Ausnahmezustand. In Marokko stimmt das Volk unter König Mohammed VI. gerade über eine Verfassung ab, die ihm mehr Rechte einräumt.

"Ich wollte mit Frauen sprechen, mir ansehen, wie sich ihr Alltag gestaltet und wie Konflikte in diesen Ländern gelöst werden.(...) Sind es von Moscheen und Militärs dominierte Männergesellschaften, oder hat der frische Duft der Jasmin- und- Lotus-Revolution den patriarchalen Muff vertrieben?"

Die Stimmung unter den Frauen

Tatsächlich nehmen Frauenrechtlerinnen, die in Necla Keleks Reisebericht zu den Ereignissen Stellung beziehen, nicht allzu großen Raum ein. Sie sind oftmals alles andere als begeistert über das, was um sie herum geschieht. Die zu erwartenden Veränderungen, die den Aufständen noch folgen sollen, werden von ihnen, die sich als Feministinnen mehr Freiheit im westlichen Sinne wünschen, zumeist nicht mehr als skeptisch kommentiert: "Alle reden von Frauenrechten. Aber in der Praxis tut niemand etwa für die Frauen."

TouristInnen-Schlager

Neben den Besuchen bei Frauenrechtsorganisationen und den Schauplätzen der Revolte begibt sich Kelek an Orte, die vor allem im 19. und 20. Jahrhundert bei Arabien-Reisenden beliebt waren, so zum Beispiel Kairouan, die ehemalige PiratInnenrepublik Salé und die Tempelanlagen der PharaonInnen. Natürlich schließt sich hierbei die Frage an was diese pittoresk beschriebenen TouristInnen-Schlager mit dem arabischen Frühling zu tun haben. Keleks historische und soziologische Verweise zeigen jedoch auf, dass die aktuellen Entwicklungen nicht aus der Vergangenheit der jeweiligen Länder herauszulösen sind, sie findet dort sogar den Hauptgrund für das ahistorische und dementsprechend fortschrittsfeindliche Gesicht des heutigen Islam, der sich die repressive Haltung Frauen gegenüber auf die Fahne geschrieben hat.

Scharia

So verweist Kelek auf den Rechtsgelehrten Al-Shafi´i (geb. 767 n.Chr.), für den es in Kairouan eine zu besichtigende Gedenkstätte gibt.
Al-Shafi´i ist laut Kelek mit verantwortlich dafür, dass der Koran bis heute als "versiegelt" gilt und sich nicht weiterentwickeln konnte. Als einer der Väter der sunnitischen Rechtsschule, aus der sich die Scharia entwickelte, waren Al-Shafi´i Vernunft und philosophischer Zweifel ein Gräuel, schreibt Kelek. Der Streit um eine weltliche, beziehungsweise religiöse Gesetzgebung, in den noch andere Schulen verwickelt waren, zog sich über drei Jahrhunderte hin. Dann hatten die Nachfolger Al-Shafi´is gewonnen und die "schöpferische, goldene Zeit des Islam" erlosch. Geschlechterapartheid und religiöser Dogmatismus gewannen die Oberhand und bestimmen bis heute das Gesicht des Islam, dessen religiös motivierte Scharia keine andere Gesetzgebung neben sich duldet.

Der wachsende Einfluss der Salafisten

Der Einfluss der Islamisten und vor allem der Salafisten werde nach den Revolten im Januar 2011 wieder größer, so eine weitere, ernüchternde These von Necla Kelek. Die Aufstände in Ägypten, Tunis und Marokko hätten den Frauen bislang nichts gebracht. Anzeichen dafür findet sie überall auf ihrer Reise. So reichen ein paar Salafisten aus, um den Betrieb der tunesischen Manouba-Universität lahm zu legen. Weil der Direktor sich geweigert hatte, männliche und weibliche StudentInnen wieder getrennt studieren zu lassen, war das Gelände besetzt und nicht wieder geräumt worden. Erst durch internationalen Druck konnte der Lehrbetrieb wieder aufgenommen werden. Während eines Besuches bei der Tunesischen Vereinigung demokratischer Frauen (ATFD), erfährt Kelek weiter, dass die nach dem Aufstand ins Amt geholte neue Frauenministerin die Veröffentlichung einer unter Ben Ali aufgegebenen Studie zur Gewalt in der Familie verhindert hat. Auch in Ägypten fürchten die FrauenrechtlerInnen, dass die unter Mubarak auf den Weg gebrachte Säkularisierung des Familienrechts oder das Gesetz zur Ächtung der weiblichen Beschneidung zurück genommen werden könnte.

Hurriya heißt Freiheit

Der Ruf nach Freiheit, der während der Aufstände überall zu hören war, wird in der westlichen Welt, so Kelek, missverständlich aufgenommen. Der arabische Begriff Hurriya steht für die Freiheit, Allah zu dienen, und hat mit dem westlich geprägten Freiheitsbegriff, der seine Ursprünge in der Aufklärung hat, wenig zu tun. Noch kann von Revolution nicht die Rede sein, ist Necla Keleks Fazit auf den letzten Seiten: "Die Revolte der arabischen Frau hat erst begonnen. (...) Wenn ihre Stellung sich nicht grundlegend ändert, wird die arabische Gesellschaft auseinanderbrechen. (...) Ihr fehlt der Aufschrei der Frauen."

Staatskrise in Ägypten

Eineinhalb Jahre später erweist sich Keleks nüchterner Umgang mit dem arabischen Frühling als weitsichtig. Am 23. November 2012 greift der mit knapper Mehrheit zum Nachfolger Mubaraks gewählte ägyptische Präsident Mursi nach der absoluten Macht und löst damit eine weitere Staatskrise aus. Grund ist eine Verfügung des Präsidenten, die besagt, dass alle Dekrete, die er bislang in die von Muslimbrüdern und Salafisten dominierte Verfassungskommission eingebracht hat, als unanfechtbar gelten sollen. Auch alle von der Justiz bereits für ungültig erklärten Dekrete Mursis würden damit wieder wirksam werden. Die Verfügung sieht außerdem vor, dass Teile des ägyptischen Rechts wieder in direktem Bezug zur Scharia ausgelegt werden. Das Recht der Frauen auf Berufsausübung beispielsweise stünde damit erneut in Frage.

Als "inakzeptabel" kommentierten GegnerInnen Präsident Mursis Verhalten und riefen wie eineinhalb Jahre zuvor schon zu Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz auf. Fünftausend Menschen haben inzwischen ihre Zelte dort aufgeschlagen und erste Straßenschlachten stehen unmittelbar bevor (Stand 27.11.2012). Ausländische BeobachterInnen sprechen bereits von einer drohenden Spaltung der ägyptischen Gesellschaft. "Die Revolution startet von Neuem" lassen Mursis GegnerInnen verlauten. "Das Regime muss beseitigt werden"

Niemand kann wirklich vorhersehen, wie sich die Lage in Ägypten entwickeln wird. Vielleicht aber ist der Wille, etwas grundlegend zu verändern, doch größer als angenommen und die Revolte der Frauen besteht fort.

AVIVA-Tipp: "Hurriya heißt Freiheit. Die arabische Revolte und die Frauen- eine Reise durch Ägypten, Tunesien und Marokko" ist sowohl Bestandsaufnahme der Aufstände von Januar 2011, als auch kluge historische und soziologische Analyse. Auf jeden Fall empfehlenswert!

Zur Autorin: Necla Kelek wurde am 31. Dezember 1957 in Istanbul geboren und kam mit zehn Jahren nach Deutschland. Sie studierte Volkswirtschaft und Soziologie und promovierte zum Thema "Islam im Alltag". In ihren Büchern setzt sie sich mit den kulturellen und politischen Dimensionen des Islams in Bezug zu Integrationsfragen auseinander. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin ist sie Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und kämpft für die Befreiung muslimischer Frauen aus repressiven Strukturen. Für ihre Arbeit wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Geschwister-Scholl-Preis (2005), dem Frauenpreis Europas (2008), dem Hildegard-von-Bingen-Preis für Publizistik (2009) und dem Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (2010). Bisher erschienen von ihr: "Islam im Alltag" (2002), "Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem türkischen Leben in Deutschland" (2005), "Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes" (2006, Träger des Corine-Sachbuchpreises), "Bittersüße Heimat. Bericht aus dem Inneren der Türkei" (2008), "Himmelsreise. Mein Streit mit den Wächtern des Islam" (2010), und "Chaos der Kulturen. Die Debatte um Islam und Integration" (2012).

Necla Kelek
Hurriya heißt Freiheit. Die arabische Revolte und die Frauen - eine Reise durch Ägypten, Tunesien, und Marokko

Kiepenheuer & Witsch, erschienen, erschienen Oktober 2012
240 Seiten, gebunden
ISBN-13: 9783462044843
18,99,- Euro
www.kiwi-verlag.de

Weitere Informationen finden Sie unter:

Wut auf Mursi: Proteste gegen ägyptischen Präsidenten dauern an auf Spiegel Online, 27.11.2012

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Necla Kelek - Himmelsreise. Mein Streit mit den Wächtern des Islam

Necla Kelek - Bittersüße Heimat. Bericht aus dem Inneren der Türkei

Necla Kelek - Chaos der Kulturen. Die Debatte um Islam und Integration

Verleihung des Preis Frauen Europas - Deutschland 2008 an Necla Kelek


(Quelle: Spiegel Online)


Literatur Beitrag vom 28.11.2012 Susann S. Reck 

   




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