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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 03.12.2012

Ein schlesisches Fräulein wird Weltbürgerin. Die Malerin und Schriftstellerin Charlotte E. Pauly in Selbstzeugnissen. Herausgegeben von Anita Kühnel
Angelina Boczek

Das Titelportrait dieses im Herbst 2012 erschienenen Buches zeigt eine alte Dame im geblümten Kleid mit rundem Hütchen, Arme auf dem Rücken, die selbstbewusst in die Kamera blickt. Dass da eine ...



... "Weltbürgerin" abgebildet ist, zeigt uns das Foto nicht.

Jedoch wird schnell klar, warum die Herausgeberin Dr. Anita Kühnel, eine ausgezeichnete Pauly-Kennerin, diesen Titel für die umfangreiche Auswahl von Briefen und Schriften wählte.

"Die Malerin und Schriftstellerin Charlotte Elfriede Pauly (1886-1981) gehört zu den seltenen Ausnahmeerscheinungen, die gelebte Erfahrung unmittelbar in ihren Bildern und literarischen Zeugnissen verarbeiteten. Schreiben und Malen waren ihr zeitlebens gleich wichtig. Während die meisten ihrer Romane, Reiseberichte, Erzählungen und Gedichte unveröffentlicht blieben und die veröffentlichten fast vergessen sind, ist ihr bildkünstlerisches Werk vielen gegenwärtig".

Die Künstlerin hinterließ in Berlin-Friedrichshagen, dem langjährigen Wohnort ab 1946, einen sehr umfangreichen schriftlichen Nachlass, der im Buch mit einem Brief aus Wien an die Mutter vom Oktober 1912 beginnt. Zu dieser Zeit hatte die junge Frau Pauly schon an verschiedenen Universitäten studiert (Breslau, Heidelberg, Berlin, Freiburg und Würzburg, wo sie promovierte) und reiste nun über Österreich nach Italien: "Meine erste Reise nach Italien fand im März 1913 statt. Ich war damals 25 Jahre, wurde aber wegen meines ländlich naiven Aussehens für viel jünger gehalten und benahm mich gleichfalls oft entsprechend harmlos wie ein Backfisch".

Dass sie sich als alleinreisende Frau in einer Zeit durchzusetzen wusste, als dies absoluten Seltenheitswert hatte, und dass sie über Kenntnisse verfügte, die sie ganz und gar nicht als "Backfisch" dastehen ließen, zeigen die weiteren Aufzeichnungen des Tagebuches aus Florenz, Venedig, Siena usw., deutlich. Frau Dr. Charlotte E. Pauly landete 1914 wieder in Berlin mit dem Entschluss, Malerin zu werden.

Zwar weist der Nachlass Lücken auf, u.a. die Jahre 1917-1924, die aber von der Herausgeberin durch Kommentare geschlossen werden, so daß es weitergeht mit den Reiseaufzeichnungen von 1926 aus Spanien, später Frankreich.
In Paris notiert sie 1931: "Die Frauenbewegung müsste nicht der Demokratie am Schwanze hängen bleiben, sondern überhaupt selbstständig werden und sich ganz auf atmende, lichte beseelte Leben einstellen, dies Leben suchen, wo es noch vorhanden ist, es zusammenfassend ausspielen gegen den ‚nüchternen Realismus’, der die Ausdrucksform des mechanistischen Geistes ist (...)". Überhaupt scheint sie sich in Paris viel mit Politik beschäftigt zu haben, mit Geschichte, Literatur, Religion.

Ausführliche Reiseaufzeichnungen hat sie in Portugal angefertigt, anschauliche Berichte von armen Fischern, dem Leben der Frauen, von christlichen Festen und Unglücken. Von Portugal aus reiste Charlotte E. Pauly 1932 über Griechenland in den Vorderen Orient, darunter nach Beirut, Damaskus, Bagdad, Teheran, Schiras.
Die künstlerische Ausbeute war riesig, dem Buch sind wunderbare, farbige Abbildungen beigegeben, die die Reisestationen sehr schön illustrieren, auch Abbildungen von Fotografien, die sie ebenfalls selbst herstellte.

Die Zeit von 1933 bis 1940 ist wieder lückenhaft dokumentiert und wird von Anita Kühnel zusammengefasst. Während dieser Jahre lebte sie teilweise in ihrem Elternhaus in Schlesien und in Berlin, unternahm keine größeren Reisen mehr und musste durch die NS-Behörden ein Schreib- und Ausstellungsverbot hinnehmen, auch ein teilweises Malverbot, es war die Rede von "Zigeunermalerei", da sich im Werk der Künstlerin zahlreiche Portraits und Szenen mit spanischen Gitanos befinden.

Dass die Pauly sich 1938 in Agnetendorf (Schlesien), dem Wohnort Gerhart Hauptmanns, niederließ und sich mit ihm und seiner Frau Margarete anfreundete, ist bekannt, auch, dass sie 1946 den toten Dichter im Sonderzug nach Berlin begleitete.
Eindrucksvoll schreibt sie in ihrem Tagebuch von der kriegszerstörten Stadt, auch von Dresden und davon, wie sie den Müggelsee in Friedrichshagen "entdeckt" hat "von einem Berge herab, im Abendgold. Das war schön und groß und ich habe ihn gemalt mit den rostroten dunkel behangenen Kiefern davor".

Weniger bekannt dürften Uneingeweihten Leben und Schaffen der Künstlerin in der DDR sein und ihre Neigung zu den QuäkerInnen, zu denen sie seit der NS-Zeit Kontakte pflegte. Auch aus dieser Zeit existieren Tagebuchaufzeichnungen, in denen Frau, damals noch Fräulein Pauly genannt, da sie unverheiratet blieb, kein Blatt vor den Mund nahm. Zwar wurden von ihr noch Reisen in die Schweiz unternommen, nach Ungarn und England, da sie aber stets über nur geringe finanzielle Mittel verfügte und auch ihr Altwerden beklagte, blieb sie in Friedrichshagen und arbeitete bis zuletzt.

"Nur ein Roman könnte sie zureichend schildern und den könnte nur entwerfen, wer dieses kämpferische, zutiefst künstlerische Wesen jenseits der gewohnten Kategorien von bürgerlicher Gesellschaft, Familie, Geschlechterverständnis ja selbst des zeitgenössischen Künstlertums gekannt, verstehen und lieben gelernt hat." (aus dem Nachruf von 2001 zum 20. Todesjahr der Künstlerin, von Erasmus Weddigen, der das "schlesische Fräulein" als Kind gekannt hatte).

Charlotte Elfriede Pauly starb am 24. März 1981 in Berlin. In Friedrichshagen wurde 1998 die Charlotte E. Pauly-Straße nach der Künstlerin benannt.

AVIVA-Tipp: Dieses Buch (und die weiteren Veröffentlichungen von Anita Kühnel zu Charlotte E. Pauly) zeigt einmal mehr, daß die schriftlichen Aufzeichnungen und schriftstellerischen Arbeiten einer Wiederentdeckung bedürfen, denn das bildkünstlerische Werk erfuhr "seit den 1960er Jahren zunehmend Anerkennung". Nicht zuletzt schließt sich mit dieser Veröffentlichung eine weitere Lücke in der Geschichtsschreibung zur Frauen-Kultur- und Kunstgeschichte.

Zur Autorin: Dr. Anita Kühnel ist Kunsthistorikerin und Leiterin der Sammlung Grafikdesign in der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Sie war von 1978 bis 1992 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, wo sie unter anderem 1986 die Ausstellung Charlotte E. Pauly zum 100. Geburtstag im Alten Museum kuratierte. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt: Welt aus Schrift. Das 20. Jahrhundert in Europa und den USA, Köln 2010. (Quelle: Verlagsinformation)

Ein schlesisches Fräulein wird Weltbürgerin
Die Malerin und Schriftstellerin Charlotte E. Pauly in Selbstzeugnissen
Herausgegeben von Anita Kühnel

verlag für berlin-brandenburg, erschienen 2012
Gebundener Kartonband 280 Seiten mit 49 Abbildungen in Farbe und Schwarzweiss
ISBN 978-3-942476-36-2
Euro 22,95
www.verlagberlinbrandenburg.de

Literatur Beitrag vom 03.12.2012 Angelina Boczek 

   




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