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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 05.12.2012

Adelheid Müller - Sehnsucht nach Wissen. Friederike Brun, Elisa von der Recke und die Altertumskunde um 1800
Angelina Boczek

Ein Mammutwerk, ein opulentes, erhellendes, illustriertes Buch zu zwei frühen Wissenschaftlerinnen, die nach mehr als 200 Jahren die ihnen gebührende Würdigung erfahren durch die interdisziplinär..



... forschende Autorin, die ihre "drei Studienfächer – Literaturwissenschaft, Klassische Archäologie und Kunstgeschichte – inhaltlich zu verknüpfen" versuchte und zwar "jenseits des ´Kanons´, (...) zu weiblichen Autoren".
Adelheid Müller: "Die vorliegende Untersuchung ist die geringfügig überarbeitete Fassung meiner Dissertation, die im Sommer 2010 vom Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität Berlin angenommen wurde".


Wir sehen gleich beim Anblick des Buches und zu Beginn des Textes, dass es sich hier nicht um eine klassische "Frauen-Biographie" handelt, vielmehr um eine umfangreiche wissenschaftliche Arbeit, die überaus zahlreiche Forschungsaspekte berücksichtigt. Deren Erkenntnisinteresse im Verlauf bestand darin, "wissens- und wissenschaftsgeschichtliche(n) Zusammenhänge(n)" zu zeigen - eine Unternehmung, die "auf eine nicht kurze Entstehungsgeschichte" zurückblickt, wahrlich...

Leben und Werk beider Protagonistinnen, Friederike Brun (1765-1835), und Elisa von der Recke (1754-1833), boten sich dafür vorzüglich an, denn ihre wissenschaftlichen Leistungen wurden bislang unzulänglich bzw. fehl-interpretiert oder ignoriert: "Ihre Reisebücher manifestieren professionellen Anspruch. Das unterscheidet sie von allen anderen Frauen des deutschen Sprachraums, die sich für die Antike interessierten, nach Rom reisten und ihre Eindrücke in Reisejournalen festhielten. Aus diesem Grund ist ihnen beiden diese Studie gewidmet".

"Sehnsucht nach Wissen" wird eröffnet durch zwei biographische Skizzen, die einen kurzen Abriss zu Herkunft und Lebensweg liefern. In den folgenden Kapiteln werden die Gründe für eine unzureichende Wertschätzung der Schriften beider Autorinnen erörtert und dargelegt. Es folgen Kapitel, die systematisch die Möglichkeiten für Mädchen und Frauen beleuchten, Bildung zu erlangen (oft ein "autodidaktischer Wissenserwerb"), Sprachen zu lernen, vor allem alte Sprachen im Hinblick auf Studien zur Geschichts- und Altertumswissenschaft (Latein und Griechisch lernten die Brüder...). Probleme, Fachliteratur zu rezipieren und visuelle Medien der damaligen Zeit (Abbildungen von Stichen usw.) war nicht geschlechterspezifisch!

Darum war das Reisen zu den historischen Stätten (vor allem nach Italien), um eine eigene Anschauung zu gewinnen, "die Inaugenscheinnahme und das Studium von Kunstwerken" eine unabdingbare Voraussetzung. An zahlreichen Beispielen macht Adelheid Müller dies deutlich, denn nur die "objektorientierte Erfahrung (...) evoziert ein ästhetisches Urteilsvermögen".

"Reisen bildet" - eine banale Erkenntnis, war um 1800 ein "wesentliches Moment" des "Wissenserwerbs und der Wissensvertiefung", Reisen und der Aufenthalt an den Orten des sicht- und greifbaren Geschehens (Topographie, Architektur usw.) barg die Möglichkeit, an lokalen Diskussionszusammenhängen teilzuhaben, Privatsammlungen betrachten zu dürfen, auf Reisende anderer Länder zu treffen mit ähnlichen Interessen, fremdsprachige Literatur sowie Forschungsobjekte zu erwerben. Was Reisen für Frauen jener Zeit bedeutete, zumal "Gelehrtenreisen", wird anhand zahlreicher konträrer Beispiele gezeigt, und immer auch am Beispiel der "Mobilitätspraxis" Friederike Bruns und Elisa von der Reckes.

Da die beiden Frauen über unterschiedliche finanzielle Mittel verfügten, Frau von der Recke war durch die Trennung von ihrem Mann mit wesentlich geringeren Geldern ausgestattet als Frau Brun, die mit ihrem äußerst geschäftstüchtigen Ehemann verheiratet blieb, trotz ihrer teils langen Abwesenheiten von dem Zuhause in Kopenhagen.

Überhaupt bleibt Adelheid Müller immer bei ihren Hauptakteurinnen, auch wenn sie nachvollziehbare Exkurse unternimmt. Die sozialen Bedingungen, persönliche Zu- und Abneigungen, Krisen und fachliche Auseinandersetzungen belegt und kommentiert sie sorgfältig.

Ein weiteres, ausführliches Kapitel heißt "Europäische Sammlungen – ein Wissensfundus", wir gehen mit Elisa von der Recke auf eine Reise zu den damaligen (zumeist heute noch erhaltenen) Orten des Wissens und der Kunst, zunächst in Berlin und Potsdam, dann in Dresden, Wörlitz und St. Petersburg.

Mit Friederike Brun reisen wir nach Südfrankreich, 1795 nach Italien ("ein Weiberparadies", so Brun), wo 1804 auch Elisa von der Recke eintrifft.
"Sowohl Friederike Bruns als auch Elisa von der Reckes Italienreisen ging eine lange Mobilitätstradition voraus, die ihnen die Möglichkeit zur vielschichtigen Teilhabe an altertumswissenschaftlichen Diskursen bot, hatten sie sich doch im Rahmen ihrer Reisen durch Europa in verschiedene Netzwerke integriert." Beide hatten sie die antiken AutorInnen studiert, die einschlägige Fachliteratur und "Stichwerke", also reproduzierte Grafiken, Kupfer-, Stahl- oder Holzstiche von Gebäuden und Kunstwerken.

Es folgt die gründliche Betrachtung, Kommentierung und Interpretation der "Reisebücher" sowie der weiteren Schriften und Publikationen beider Wissenschafts-Autorinnen, ebenfalls versehen mit den notwendigen Fußnoten, (die wahrscheinlich ein Drittel des gesamten gedruckten Textes ausmachen). Es eröffnet sich auch in diesem Teil des Buches der weitverzweigte Kosmos an weiblichen und männlichen Persönlichkeiten, Gelehrten, Reisebegleitungen, FreundInnen, Bekanntschaften (u.a. Johann Gottfried Herder, Goethe, Friedrich Nicolai, Wilhelmine von Bayreuth, sowie Aloys Hirt – lehrender Begleiter F. Bruns und späterer Begründer des Faches Archäologie an der Berliner Universität, nicht zuletzt Georg Zoega, Freund und Experte).

"Rom – Forum der Antikenpassion" und einzelne "Orte der Wissenskonzentration" werden ebenso erörtert wie die "Gelehrte Positionierung" der ProtagonistInnen. Gezeigt werden die "weiblichen Demutstopoi", da beide Frauen mit ihren Forschungen und Schriften "ein im ausgehenden 18. und beginnendes 19. Jahrhundert von Männern dominiertes Fachgebiet" betraten, welches sich allerdings zu dieser Zeit in einer Umbruchphase befand, von der auch Brun und Recke profitierten. Es ist die Rede von einer "inhaltlichen Neubestimmung des archäologisch-wissenschaftlichen Erkenntnisinteresses", weshalb die "individuell gewonnenen Erkenntnisse Friederike Bruns und Elisa von der Reckes (...) ihre kenntnisreiche Fixierung (fanden) – entscheidend ist hierbei ihr eigener, nicht ein weiblicher Blick. Unter Verzicht auf den sozialen Habitus gelehrter Professionalität verfassten beide Frauen zuallererst Sachbücher, mit denen sie sich als Expertinnen der Altertumskunde auswiesen".

AVIVA-Tipp: Ein überaus umfangreiches, akribisches Werk, (ein Lebenswerk?), welches nicht einfach "durchzulesen" sein wird. Eine Lektüre jedoch, die, kontinuierlich fortgesetzt, belohnt werden kann mit reichhaltigen neuen Informationen und Erkenntnissen zur Kultur und Wissenschaft um 1800 und vor allem zur Frauen-Kultur- und Wissenschaftsgeschichte jener Zeit.
Nicht zuletzt durch die sinnreich plazierten Abbildungen im Text und den umfangreichen Anhang ergeben sich Verknüpfungen zu Namen, Orten und historischen Fixpunkten, die wegen der Textfülle zunächst übersehen werden könnten. Für Forscher/Innen zahlreicher Disziplinen wird diese Arbeit, mit ihren hier zum Teil erstveröffentlichten Zeugnissen unverzichtbar sein.

Zur Autorin: Adelheid Müller, studierte Literaturwissenschaft, Klassische Archäologie und Kunstgeschichte in Heidelberg, Florenz und Berlin. Wissenschaftliche Mitarbeiterin u.a. am Deutschen Archäologischen Institut und an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Forschungen zum Bildbegriff in den Künsten, zur Antikerezeption, zum Thema Frauen in Wissensnetzwerken u.a.

Adelheid Müller
Sehnsucht nach Wissen
Friederike Brun, Elisa von der Recke und die Altertumskunde um 1800

Dietrich Reimer Verlag, erschienen Oktober 2012
Gebundener Kartonband. Quart. XII, 615 Seiten mit 187 Abbildungen, zumeist in Schwarzweiss
ISBN 978-3-496-01471-3
Euro 99,00
www.reimer-mann-verlag.de

Literatur Beitrag vom 05.12.2012 Angelina Boczek 

   




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