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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 07.12.2012

Nora Bossong - Gesellschaft mit beschränkter Haftung
Annika Hüttmann

Ohne Vorwarnung entschließt Kurt Tietjen sich, das Familienunternehmen Tietjen und Söhne hinter sich zu lassen und verschwindet in New York. Zurück bleibt seine Tochter Luise, die nun vor der...



... Aufgabe steht, an der ihr Vater scheiterte: Die Familientradition fortzuführen, obwohl die Firma schon lange nicht mehr das ist, was sie früher war.

1906 ließ Justus Tietjen das erste der bunten flauschigen Frotteehandtücher produzieren für die seine Firma berühmt werden sollte. Die Erfolgsgeschichte beginnt mit einer Kooperation mit dem kaiserlichen Heer und bald hängen in jedem Badezimmer Tietjenprodukte. Hundert Jahre später ist das Unternehmen in der dritten Generation, produziert wird inzwischen in China, die Umsatzentwicklung ist rückläufig und der Vorstandsvorsitzende Kurt Tietjen zeichnet sich vor allem durch seinen fehlenden Geschäftssinn aus. Doch solange mensch noch auf die Tradition pochen kann, lässt sich das verbergen - dies scheint zumindest die Herangehensweise des Unternehmens zu sein.

Eine Geschäftsreise nach New York hat jedoch fatale Folgen. Dort entscheidet Kurt sich spontan am Flughafen, nicht in ein Taxi, sondern in einen Bus zu steigen. Er trifft eine junge Frau, steigt anschließend im gleichen heruntergekommenen Hotel wie sie ab und sieht sich plötzlich vor der Möglichkeit, alle bedrückenden Verpflichtungen hinter sich zu lassen. Er tauscht seinen Anzug gegen eine schlecht sitzende Jeans, bezieht eine schäbige Wohnung in Brooklyn und wird nie wieder nach Deutschland und zu Tietjen und Söhne zurück kehren. Die Geschäftsführung gibt er allerdings nicht ab, was einem Todesurteil für die Firma gleichkommt.

"Nie war es Luise Tietjen möglich zu zögern, frei über ihre Zeit oder auch nur ihre Gedanken zu verfügen, natürlich war ihr dergleichen nicht erlaubt, sie wuchs mit einer Disziplin auf, so scharf, dass andere sich daran geschnitten hätten, und sie erwartete nicht das Unmögliche, sie erwartete nur, dass sie verwundert sein durfte, als ihr Vater in New York verschwand - aber auch das durfte sie nicht. Menschen wie sie taten gut daran, ihren Vater genauso schnell zu vergessen wie einen Geschäftstermin."

Kurts Tochter Luise, die sich vorher vom Familienunternehmen eher fern gehalten hat, wird plötzlich zur letzten Hoffnung von Tietjen und Söhne. Nachdem Versuche scheitern, ihren Vater zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen, übernimmt sie schließlich hinter Kurts Rücken die Geschäftsführung. Ihr anfänglicher Optimismus, die Firma retten zu können, wird jedoch schnell durch einen Blick auf die Finanzen zerstört. Luise - inzwischen durch und durch skrupellose Geschäftsfrau - versucht es trotzdem und schreibt das letzte Kapitel der ernüchternden Unternehmensgeschichte.

Nora Bossong beschreibt überragend treffsicher ein Unternehmen, das nur noch aus einer Fassade besteht. Hinter dem traditionsreichen Namen verbergen sich Billigproduktion, Bestechungen und andere fragwürdige Geschäftspraktiken und vor allem eine erschreckende Blindheit der Realität gegenüber. Das Wohl der Firma steht an erster Stelle, das Individuum und letztendlich alles Menschliche müssen auf der Strecke bleiben. Luise und Kurt sind beides Figuren, die sich mit ihren vorgefertigten Lebensläufen schwer tun, doch letztendlich gelingt es beiden, nicht dem Schicksal, das der Name Tietjen mit sich bringt, zu entkommen. Selbst Kurts extreme Maßnahmen schützen ihn nicht davor, irgendwann wieder von dem Unternehmen eingeholt zu werden.

Wirkliche SympathieträgerInnen gibt es im Roman nicht. Wenn die Figuren an wenigen Stellen etwas von ihrer Kälte ablegen, kann mensch zwar schon manchmal so etwas wie Mitgefühl empfinden, doch die meiste Zeit verleiten sie eher zum Kopfschütteln. Hier werden Personen geschildert mit denen mensch lieber nichts zu tun haben möchte und ihnen trotzdem nicht entkommt, da es sie überall gibt. Gerade deswegen faszinieren die Figuren so: Sie sind nicht greifbar aber trotzdem irgendwie vertraut.

Tietjen und Söhne ist ein fiktives Unternehmen. Aber es kann stellvertretend für andere, sehr reale, Firmen gelesen werden, für die es in den letzten Jahren häufig ebenso steil bergab ging wie für den Frotteehersteller im Roman. Gesellschaft mit beschränkter Haftung kritisiert sowohl die Auswirkungen, die eine immer größer werdende Konkurrenz auf die Produktionsbedingungen hat, als auch das starre Festhalten an längst überholten Werten und Vorstellungen. Bossong fängt ohne zu moralisieren sehr genau ein, was in der Wirtschaft falsch laufen kann.

AVIVA-Tipp: Es ist schon fast etwas verwunderlich, wie mühelos es Nora Bossong gelingt, hundert Jahre Unternehmens-, Zeit-, Familien- und Wirtschaftsgeschichte zu schildern, gleichzeitig glaubwürdige psychologische Portraits zu liefern, die Stadt New York so einzufangen, dass mensch sie direkt vor Augen hat und dabei auch noch unterhaltsam zu sein. Das können nur herausragende ErzählerInnen, zu denen Nora Bossong ohne Zweifel gehört.

Zur Autorin: Nora Bossong, 1982 in Bremen geboren, studierte in Leipzig am Deutschen Literaturinstitut und an der Humboldt-Universität in Berlin Philosophie und Komparatistik. Sie veröffentlichte die Romane "Gegend" (2007) und "Webers Protokoll" (2009). Bei Hanser erschien zuletzt der Gedichtband "Sommer vor den Mauern" (2011), der mit dem Peter Huchel-Preis 2012 ausgezeichnet wurde. (Verlagsinformationen)

Nora Bossong
Gesellschaft mit beschränkter Haftung

Hanser Verlag, erschienen 2012
Gebunden, 304 Seiten
978-3-446-23975-3
19,90 Euro

Literatur Beitrag vom 07.12.2012 Annika Hüttmann 

   




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