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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 12.12.2012

Birgit Utz - Smalltown Blues
Gertrud Lehnert

Drei Frauen, drei Leben, drei Wendepunkte. Melanie ist 15 und auf der Suche nach ihrer Identität. Die wird nicht eben leichter dadurch, dass sie mit dem Girls´ Talk ihrer Freundinnen über Jungs...



... und Klamotten nichts anfangen kann und sich ohnehin schon immer anders gefühlt hat.

Ihre Schwester Bettina ist zwei Jahre älter und schon längst in die gesellschaftlich erwarteten Bahnen eingeschwenkt. Sie macht eine Friseurinlehre und plant ihr bürgerliches Heteroleben. Was ihr fehlt, ist nur noch der richtige Freund. Beider Mutter Vera wird von ihrem Mann Bernd, dem frommen Chorsänger, Knall auf Fall wegen einer anderen Frau verlassen und versucht mühsam, mit dem neuen Leben als Single zurecht zu kommen. Die Töchter kommen dabei ein wenig zu kurz.

Wir erleben ungefähr ein Jahr aus dem Leben der drei Frauen mit. So eng ihre Geschichten verwoben sind, geht doch jede ihre eigenen Wege. Und jede hat im Roman ihre eigene Stimme, mit der sie ihren Teil der Geschichte erzählt. Die Abschnitte wechseln sich ab, ohne dass eine übergeordnete Erzählinstanz sie verbinden oder kommentieren würde. Jede spricht sehr direkt, emotional und aus der Situation heraus über das, was gerade passiert und was sie bewegt. Die inneren Monologe lassen die Leserinnen ganz unmittelbar die Gefühle und Gedanken der Frauen miterleben. Die drei Stimmen sind unverwechselbar, so dass niemals Verwirrung aufkommt und man als Leserin immer weiß, in wessen Perspektive und an welchem Punkt der Geschichten man sich gerade befindet. Das macht den Roman von Birgit Utz ungemein lebendig und erfrischend.

Auch wenn alle drei Frauen gleich wichtig sind, liegt der Fokus doch auf Melanie, die schon äußerlich als Außenseiterin erkennbar ist mit ihrer für die süddeutsche Kleinstadt Gummadingen in den achtziger Jahren ziemlich schrägen, tendenziell punkigen Kleidung. Sie nimmt zuweilen Drogen, hat ein Baumhaus und streift gern allein durch den Wald. Jungen sind für sie bestenfalls gute Kumpel und keine potentiellen Liebespartner wie für die gleichaltrigen Mädchen, auch wenn sie mit ihrem Freund Max erste sexuelle Experimente macht. Aber als sie Bettinas Chefin Katja kennenlernt, passiert es: Sie verliebt sich in die schöne Mittzwanzigerin, die aussieht wie Annie Lennox. Wunderbar realistisch die Momente, in denen Melanie sich - bekifft oder nicht - ihrem Ärger über ihren treulosen Vater, der Enttäuschung über Max oder der Schwärmerei für Katja hingibt, immer unterbrochen von auftauchenden Gedankenfetzen an andere Dinge und von Zeilen aus aktuellen Songs. Melanie findet schließlich ihre Begabung, aus der sie einen Beruf machen kann, und den Weg in die Großstadt, wo sich ihr andere Perspektiven bieten als im provinziellen Gummadingen.

Die familienorientierte Bettina findet, dass die kleine Schwester von der Mutter vernachlässigt wird, und versucht, für sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten Verantwortung zu übernehmen. Sie trifft den abtrünnigen Vater und hält trotz eigener Eskapaden mit wechselnden Affären auf der Suche nach dem Märchenprinzen die Familie doch irgendwie zusammen. Vera versinkt zeitweise in ihren eigenen Problemen, trinkt zuviel Alkohol und ist mit den Töchtern überfordert, berappelt sich aber im Laufe der Monate wieder und findet neue Perspektiven.

Nicht nur die drei Protagonistinnen, sondern auch die anderen Figuren im Roman sind lebendig und lebensnah geschildert. Der duckmäuserische Vater, der sich seiner alten Familie gegenüber jeder Verantwortung entzieht, die herumzickenden ehemaligen Freundinnen Melanies, im Gegensatz dazu ihre neue Schulfreundin Chantal, die aus der DDR nach Gummadingen gekommen ist und ein politisches Interesse an den Tag legt, das Melanie ganz fremd ist. Der besitzergreifende Kontrollfreak, mit dem Bettina eine Zeitlang zusammen lebt, und viele andere unterschiedliche Typen, die die Kleinstadt bevölkern.

Der Roman ist, bei allen Problemen, die die Figuren haben, sehr amüsant. Er nimmt seine Figuren ernst und hat trotzdem viel Witz. Die Lektüre ist äußerst vergnüglich und kurzweilig und unbedingt zu empfehlen.

AVIVA-Tipp: Wendepunkte im Leben dreier ganz unterschiedlicher Frauen in der süddeutschen Provinz der achtziger Jahre. Mutter und zwei halberwachsene Töchter finden ihre Wege zwischen Anpassung und Revolte, zwischen bürgerlichem Familienleben, wechselnden Affären, lesbischem Coming-out und Aufbruch in ein (hoffentlich) freieres Leben in der Großstadt. Mit Humor und Witz sehr lebendig erzählt – lesenwert!

Zur Autorin: Birgit Utz, geboren 1970 in Karlsruhe, studierte zunächst Sozialpädagogik in Freiburg und anschließend Soziologie und Amerikanische Literatur in Hamburg. Seit 2007 arbeitet sie als freie Autorin, Lektorin, Redakteurin und Dozentin für Kreatives Schreiben. Smalltown Blues ist ihr dritter Roman.

Birgit Utz
Smalltown Blues

Roman
Verlag Krug & Schadenberg, erschienen 2012
268 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-930041-86-2
Euro 16,90
www.krugschadenberg.de

Literatur Beitrag vom 12.12.2012 AVIVA-Redaktion 

   




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