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AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 17.12.2012

Josha Zwaan - Parnassia
Dana Strohscheer

In ihrem literarischen Debut widmet sich die Autorin einem bisher kaum bekannten Thema: der Umerziehung jüdischer Kinder während der nationalsozialistischen Besatzungszeit in den Niederlanden.



Um ihre Söhne und Töchter vor der Deportation zu bewahren, gaben um 1942 Hunderte jüdischer Eltern ihre Kinder in die Obhut christlicher Pflegefamilien in der Hoffnung auf ein Wiedersehen. Doch gab es neben der Ermordung noch andere Ursachen dafür, dass es für diese Familien kein Wiedersehen geben sollte.
Oftmals wurde den leiblichen Eltern die Rückgabe verweigert, und die Kinder ihrer religiösen und kulturellen Wurzeln beraubt.

Die Autorin Josha Zwaan nimmt sich in ihrem Erstling "Parnassia" dieser bislang wenig erforschten Thematik an und erzählt in Rückblenden die Geschichte von Rivka und Anneke. Diese beiden sind ein und dieselbe Person.

Kindheit und Krieg

Rivka ist ein jüdisches Mädchen, das von ihrem Vater vor der drohenden Verhaftung und der anschließenden Deportation in Sicherheit gebracht wird - bei einer kinderlosen, christlichen Pfarrersfamilie. So wird aus Rivka Anneke, das lang ersehnte Wunschkind der neuen Eltern. Ihre jüdische Herkunft vergisst das Kind in der neuen Umgebung schnell. Diese wird ihr auch beharrlich vom Ziehvater ausgetrieben, der es als Gottes Auftrag ansieht, das Kind auf den Weg der "einzig wahren Kirche" zu führen. Mit der Zeit verleugnet Anneke selbst ihre Herkunft, sie möchte einfach nur dazu gehören und nicht anders sein als die anderen Kinder im Dorf.

Als ihr leiblicher Vater nach Kriegsende bei den Eheleuten erscheint, um seine Tochter mitzunehmen, sträubt sich Anneke. Ihre Pflegeeltern haben sie zu einer "guten Christin" umerzogen, die inzwischen selbst große Ressentiments gegenüber dem Judentum hegt. So bleibt Rivka/Anneke bei ihren Zieheltern und lässt sich erst im fortgeschrittenen Alter darauf ein, ihre Geschichte zu hinterfragen.

Erste Liebe und Verdrängung

Als junge Frau verliebt sich Anneke in Joost. Sie weiß nicht, dass er als jüdisches Kind im KZ um sein Überleben kämpfte. Die beiden heiraten, doch Joost ist schwer traumatisiert und kann seine Erlebnisse nicht mit seiner Umwelt teilen. Als das erste gemeinsame Kind geboren wird, verstärken sich seine manisch-depressiven Phasen, er entfernt sich immer weiter von seiner Familie. Auch Anneke ist in ihrer Sprachlosigkeit gefangen. Sie bringt Kinder zur Welt, ohne eine innere Verbindung zu ihnen aufzubauen. Die Beziehung zu ihrem Mann ist von Körperlichkeit geprägt, die im Laufe der Jahre abnimmt. Ebenso spürt Joost, dass seine Frau ein Geheimnis hat, er versucht jedoch vergebens, es ihr zu entlocken - Anneke bleibt ebenso stumm wie er.

Kriegstraumata und historische Fakten

Die Eheleute entfernen sich immer mehr voneinander und es kommt zu Misshandlungen, sowohl zwischen dem Ehepaar, als auch gegenüber den Kindern. Da Joost die Kinder auf "das Schlimmste" vorbereiten will, müssen diese mitunter splitternackt im Freien ausharren und dürfen nur Rationen von trockenem Brot und Wasser zu sich nehmen, um "abgehärtet" zu werden.
Auf der anderen Seite verspürt Joost den Wunsch, so viele Kinder wie möglich in die Welt zu setzen, um Nachkommen des jüdischen Volkes zu zeugen, ohne zu wissen, dass auch seine Frau Jüdin ist.

Zwaan erzählt in Rückblenden, beginnend mit dem ersten Treffen zwischen Mutter und Tochter nach vielen Jahren der Sprachlosigkeit auf beiden Seiten. Eindringlich schildert die Autorin die große Distanz und das Nicht-Verstehen-Wollen. Beide sind nicht nur Opfer, sondern müssen sich auch ihrem eigenen Handeln stellen.

Auch die unrühmliche Rolle offizieller niederländischer Gremien wird durch Zwaans Erzählung deutlich, wie die Ermutigung von behördlicher Seite an christliche Eltern, jüdische Pflegekinder auf den "richtigen moralischen Weg" zu bringen. Hier zitiert die Autorin historische Dokumente und verknüpft sie mit persönlichen Erlebnissen Betroffener, die sie selbst über einen Zeitraum von mehreren Jahren interviewte.

AVIVA-Tipp: Sachlich und ohne Pathos schildert Zwaan die Befindlichkeiten ihrer Figuren und enthält sich jedweder Wertung. Gerade dadurch gewinnen die persönlichen Dramen ihrer ProtagonistInnen an Dringlichkeit und machen deutlich, wie sehr längst überwunden geglaubte Traumata auch die Generationen der Kinder und Kindeskinder beeinfluss(t)en.

Zur Autorin: Josha Zwaan geboren 1963, lebt in Zutphen in der Provinz Gelderland in den Niederlanden. Sie schreibt regelmäßig für Zeitungen und arbeitet zudem als Coach und Prozessbegleiterin. "Parnassia" ist ihr erster Roman. Zuvor hat sie sich eingehend mit der Geschichte jüdischer Heimkinder befasst, die während des Zweiten Weltkrieges in christlichen Pflegefamilien aufwuchsen.
Weitere Infromationen zur Autorin finden Sie unter:
www.joshazwaan.nl (in niederländischer Sprache)
(Quelle: Verlagsinformationen)

Zur Übersetzerin: Christiane Kuby, Jahrgang 1952, studierte Romanistik und Germanistik in Amsterdam , wo sie auch heute lebt. Sie ist frei- und hauptberufliche Redakteurin und Übersetzerin aus dem Niederländischen und Französischen ins Deutsche für Belletristik und Sachbücher über Kulturgeschichte und Philosophie. Kuby ist Mitglied im Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V.

Josha Zwaan
Parnassia

Originaltitel: Parnassia
Aus dem Niederländischen übersetzt von Christiane Kuby
Berlin Verlag, erschienen 01. Oktober 2012
Gebunden, 352 Seiten
ISBN: 978-3-827-010926
19,99 Euro
www.berlinverlag.de

Weitere Informationen zum Schicksal jüdischer Kinder, die während der Shoah von christlichen Pflegeeltern adoptiert wurden:

www.hagalil.com

www.juedische-allgemeine.de

www.ifs.uni-frankfurt.de

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Literatur Beitrag vom 17.12.2012 Dana Strohscheer 

   




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