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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 29.12.2012

Marie-Luise Scherer - Die Bestie von Paris und andere Geschichten
Sonja Baude

Ihre Reportagen sind Schauplätze der Sprache, auf denen sich ganze Welten auftun: meisterhaft sachlich und bestechend lebendig. Vier Pariser Geschichten der Journalistin sind erneut erschienen.



"Zwei gute Sätze an einem Tag sind ein Glück." Dieser Satz stammt von der Autorin und mit ihm erklärt sich also ihr schmales und hervorragendes Werk, denn in keinem ihrer Texte hat sie sich je mit einem weniger guten Satz zufrieden gegeben. Die gebürtige Saarbrückerin, die zuletzt im November 2012 mit dem Kunstpreis des Saarlandes ausgezeichnet wurde, hat vielfach Beachtung gefunden ob ihrer präzisen Beobachtungs- und Wahrnehmungsgabe und deren Versprachlichung. Bei Matthes und Seitz sind nun vier ihrer Geschichten erneut erschienen. Alle vier Reportagen wurden erstmalig im SPIEGEL veröffentlicht, wo Scherer in den Jahren von 1974 bis 1998 arbeitete, und dann 2004 nebst weiteren Geschichten in Der Anderen Bibliothek des Eichborn Verlages herausgegeben.

Die hier ausgewählten Texte haben den Schauplatz Paris gemein, ansonsten aber könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Die titelgebende Reportage rekonstruiert eine spektakuläre Mordserie, die in Paris an über 20 älteren Damen verübt wurde. Ein Kriminalfall, der Frankreichs Gesellschaft in den 1980er Jahren in Schrecken und Aufruhr versetzt hatte. Marie Luise Scherer rollt jeden einzelnen Tathergang minutiös von Seiten der – und das ist sicher die unvermutete und eben auch so besondere Herangehensweise – Täter auf. Neben der kaum aushaltbaren mörderischen Kaltblütigkeit entwirft sie zeitgleich eine Sozialskizze, indem sie Herkunft und Hintergründe der Täter beleuchtet, nicht als Rechtfertigung, sondern um des Verstehens willen.

Die Besonderheit ihrer Beschreibung liegt nun in der Detailgenauigkeit, in der schichtenweisen Abtragung und also Sichtbarmachung von Realität. Sie geht vor wie eine Archäologin, untendenziös, nicht wissend oder vorahnend und also absolut wertfrei. Dieses Schreiben besticht schonungslos. Es ist klar, frei von Sentimentalität, und es herrscht eine sezirerische Kühle, die eine/n das Grausen lehrt. Als Journalistin prangert sie nicht an, verweist nicht auf richtig und falsch und nimmt auch sich selbst ausgezeichnet zurück.

Allein ihr genaues, ihr ganz eigenartiges Schauen greift die Begebenheiten so an, als führte sie ihre LeserInnen gleichsam in sie hinein. Das zeichnet auch die anderen Texte dieses Bandes aus. Sie ist immer der Wirklichkeit auf der Spur, nimmt jede Geste wahr und übersetzt sie meisterhaft in Sprache, findet die guten Sätze, um ein Erleben zu ermöglichen.
Großartig führt sie das vor in der Geschichte "Kleine Schreie des Wiedersehens". Ein anderes, wenn auch nicht mörderisches, so doch vielfach von Kaltblütigkeit geprägtes Milieu wird hier bloßlegt. Es ist die Pariser Modewelt, die zusammenkommt am Louvre und eine dunkle Masse bildet, "so schwarz, wie ein Mohnfeld rot ist, das heißt auch ein paar Kornblumen stehen dazwischen." Und im flirrenden, fassadenhaften Durcheinander fasst Scherer mit analytischem Scharfsinn sämtliche Einzelheiten, die, gerade im Verzicht, ein Ganzes allgemein beschreiben zu wollen, sehr lebhaft die Atmosphäre spürbar werden lassen. Da heißt es über das Begrüßungsritual der Haute Couture: neben jeder Wange ein in die Luft gedrückter Kuss, wobei der Blick der Küssenden und der nicht wirklich Geküssten schon anderswo am Kontaktieren ist, lächelnd hinübernicken und in Erwartung des zurückkommenden Lächelns zur Seite sagen: ´Das ist eine ganz Böse´." Scherer tut nichts mehr, als solche Beobachtungen niederzuschreiben, sie bleibt also in Distanz, stülpt keiner Szenerie eine moralische Bewertung über, ist sachlich, und legt so den LeserInnen das Beobachtete wie unter einer Lupe vor. Das ist sagenhaft gut!

Gleiches gilt auch für die beiden Reportagen aus dem literarischen Milieu. Da ist zum einen die außergewöhnliche Annäherung an Marcel Proust an das Paris seiner Zeit. Hier nimmt sie den eigenartigen Weg über Volker Schlöndorffs Verfilmung "Eine Liebe von Swann". Scherer gelingt eine überraschende, dramaturgisch unbedingt überzeugende, Gleichzeitigkeit des zu Beschreibenden. Nicht nur werden Hintergründe der Verfilmung beleuchtet, sondern darin verwoben führt sie in die Proustsche Welt, in die reale genauso wie in die fiktive. In der vierten Reportage begegnet sie dem letzten Surrealisten, dem Dichter Philippe Soupault, und von ihm ausgehend entwirft sie ein hervorragend recherchiertes Bild vom Surrealismus an sich. Auch hier begeht sie wieder den Königsgrat, ohne je durch ein falsches Wort ins Straucheln zu geraten: sie trifft den Ton analytischer Distanz und ermöglicht so die schonungslose Nahaufnahme der Verhältnisse.

AVIVA-Tipp: In Marie-Luise Scherers Reportagen fügen sich feinster Journalismus und Literatur meisterhaft ineinader. Ihre Texte sind, obwohl vor langer Zeit für den SPIEGEL geschrieben, zeitlos und also unbedingt lesenwert, heute und zu jeder Zeit.

Zur Autorin: Marie-Luise Scherer wurde 1938 in Saarbrücken geboren und schrieb über zwei Jahrzehnte lang literarische Reportagen für den SPIEGEL. Für ihre Texte wurde sie vielfach ausgezeichnet. Darunter 1994 mit dem Ludwig-Börne-Preis, 2008 mit dem Italo Svevo Preis, 2011 mit dem Heinrich Mann Preis und 2012 mit dem Kulturpreis des Saarlandes. Sie lebt heute im niedersächsischen Damnatz an der Elbe.

Marie-Luise Scherer
Die Bestie von Paris und andere Geschichten

Matthes und Seitz, erschienen November 2012
Gebunden, 151 Seiten
ISBN: 978-3-88221-966-1
16,90 Euro

Literatur Beitrag vom 29.12.2012 Sonja Baude 

   




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