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AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 31.12.2012

Unda Hörner - Berliner Luft - Pariser Leben
Ingeborg Morawetz

Wer Paris mag, lernt Berlin zu lieben, wem Berlin vertraut ist, die kann es in dieser Lektüre in Paris wiederfinden. Die Autorin widmet sich nach Werken über Avantgarde und Bohème nun diesen zwei...



... besonderen Metropolen.

Es gibt gewisse Elemente, die mitteleuropäische BürgerInnen in einer Großstadt anzutreffen erwarten: Häuser, deren Etagenzahl in zweistellige Bereiche steigt, öffentliche Nahverkehrsmittel, mindestens eine bedeutungsträchtige Grünanlage und ein stehendes oder fließendes Gewässer, ein bis zwei Wahrzeichen künstlerischer oder geschichtlicher Natur und eine nicht zu schätzende Menge an kulturellen und politischen Einrichtungen. Aus diesen Bausteinen in moderner, sehr alter, verwahrloster oder gigantischer Ausführung lassen sich Metropolen zum Nachvollziehen zusammenstellen. New York, Kairo, Bangkok, Rom und Moskau präsentieren sich mit Skylines, Wolkenkratzern, Denkmälern, Flüssen, die ihre Namen tragen, und unzähligen Museen, Theatern und Opernhäusern.

Warum dennoch der Louvre in Paris dem Pergamon Museum in Berlin ähnlicher ist als dem Metropolitan Museum in New York, warum ein Vergleich zwischen dem Pariser Eiffelturm und nicht irgendeinem, sondern dem Berliner Funkturm nahe liegt und warum es nicht von der Hand zu weisen ist, dass weder Bangkok noch Moskau neben einer engen historischen Verbindung die evidenten Parallelen aufweisen können, die Paris und Berlin Seite an Seite schreiten lassen, erklärt Unda Hörner auf 144 Seiten "Berliner Luft- Pariser Leben" kurzweilig und aufschlussreich.

Zum 750. Geburtstag erhielt die Stadt Berlin im Jahre 1987 ein außergewöhnliches Geschenk: die Partnerschaft der französischen Hauptstadt auf dem Papier. Seit nunmehr 25 Jahren stehen die Städte in der engen Beziehung der sogenannten Städtepartnerschaft. Sie organisieren gemeinsam Veranstaltungen in den Bereichen Kultur, Jugend, Stadtentwicklung und Sport. SchülerInnen aus beiden Städten erhalten die Möglichkeit, in der jeweils anderen die Landessprache zu erlernen. Filme und Gemälde, die in Hochschulen entstehen, bekommen die Chance, auch über die Landesgrenzen hinaus von den Augen interessierter "NachbarInnen" gesehen zu werden.

Um das Ereignis der ein Vierteljahrhundert währenden Freundschaft zweier Städte, das bedeutet von insgesamt 5.754.166 EinwohnerInnen, gebührend zu würdigen, stand das Jahr 2012 unter dem Zeichen eines "Tandem Paris Berlin". Die Bürgermeister traten in die Pedale: unter der Schirmherrschaft von Bertrand Delanoë und Klaus Wowereit feierten die beiden Städte ihr Jubiläum getrennt, aber verschränkt. Berliner KünstlerInnen und FestrednerInnen traten in Paris auf, umgekehrt entsandte Paris eine bunte Vielfalt an TänzerInnen, SängerInnen/MusikerInnen und SchriftstellerInnen in die deutsche Hauptstadt.

In Hinblick darauf, dass Frankreich und Deutschland nicht nur in beiden Weltkriegen an entgegensetzten Fronten standen, sondern auch zu Zeiten Napoleons eine erbitterte Feindschaft pflegten, hat die heutige enge Verbundenheit einen noch viel größeren Stellenwert. Doch die ambivalente Geschichte beider Staaten bleibt selbst in harmonischen Jahren nicht unvergessen.
Gegensätze dominieren nach wie vor das Verhältnis, im 21. Jahrhundert werden sie aber nicht mehr als Zankapfel, sondern als Bereicherung behandelt. So führt Unda Hörner in ihrem handlichen Werk vor Allem konträre Paare auf. Von den zwölf Kapiteln teilen sich unter anderem Mona Lisa und Nofretete schwesterlich eines, ein anderes beherbergt das Brandenburger Tor und den Arc de Triomphe und auch Concierge und Hauswartsfrau schmiegen sich Schwarz auf Weiß zwischen zwei Buchdeckeln eng aneinander.

Die Zweigespanne wurden von der Autorin nicht allein wegen funktioneller und äußerlicher Ähnlichkeit zusammengefügt, sondern haben in den meisten der ausgewählten Fälle eine tatsächliche historische Gemeinsamkeit:
Hörner erzählt von der Schwanenwerder Havelinsel bei Berlin, auf der eine Säule zu finden ist, deren Inschrift auf die Pariser Seine verweist und die ursprünglich aus dem 1871 abgebrannten Tuilerienpalast stammt, und berichtet auch von dem Berliner Stadtplaner James Friedrich Ludolph Hobrecht.
Dieser orientierte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts bei seinen Umstrukturierungsvorhaben zur Entlastung der überbevölkerten Stadt an Baron Haussmann, einem Franzosen, der ebensolche Maßnahmen kurze Zeit vor ihm in Paris ergriffen hatte.
Die beiden glamourösesten Damen der Partnerstädte weisen geographisch die geringsten Überschneidungen auf, bieten jedoch die spektakulärsten Geschichten: Nofretete und Mona Lisa reisten beide weit, wurden verkauft, entführt und zurückerobert und sind nach wie vor heiß umkämpft. Nofretete jedoch hat die wenig schmeichelhafte Ehre, die Ältere der beiden Schönheiten zu sein, schon alleine ihr Fund jährt sich 2013 zum hundertsten Mal.

Unda Hörners Stil ist ungezwungen und leicht, sprachlich aber keineswegs bewusst locker oder unkompliziert gehalten. Anekdotenhaft greifen in den nur wenige Seiten umfassenden Kapiteln Zitate, Fakten und Beschreibungen ineinander. Ohne steife Gliederung und unnatürliche Absätze plaudert Hörner beinahe. Fließende Ort- und Zeitsprünge lassen weder Paris noch Berlin zu kurz kommen.
Historisch belegt erteilt Unda Hörner Walter Benjamin, Stefan Zweig und Jean Paul Sartre an den richtigen Stellen das Wort. Die typische Pariser Concierge wird gar gleich von drei SchriftstellerInnen charakterisiert und eingerahmt. Unterstützung holt sich Hörner hier auch bei der zeitgenössischen Autorin Muriel Barbery, die mit dem Roman "Die Eleganz des Igels" 2006 international auf sich aufmerksam machte.

Selbst wenn manch eines der in dem Büchlein dargestellten deutsch- französischen Paare auch mit einer anderen, eindeutig als solche zu identifizierenden Großstadt zu realisieren gewesen wäre, der Central Park in New York mit dem Grunewald nicht weniger vergleichbar ist als mit der Pariser Bois de Boulogne, würde das literarische Händchenhalten wohl mit keiner Metropole so charmant und liebenswürdig gelingen wie mit Paris für Berlin und mit Berlin für Paris.

Zur Autorin: Unda Hörner geboren 1961, promovierte über Elsa Triolet, ist Germanistin und Romanistin und eine renommierte Kennerin der 1920/30er Jahre. Neben mehreren Biographien u.a. "Die realen Frauen der Surrealisten", "Madame Man Ray. Fotografinnen der Avantgarde in Paris" und "Im Dreieck. Liebesbeziehungen von Nietzsche bis Duras" veröffentlichte sie im Herbst 2000 ihren ersten Roman "Unter Nachbarn" sowie 2010 Orte jüdischen Lebens in Berlin. Literarische Spaziergänge durch Mitte. Für ihre Kurzgeschichte Hangar für Hellermann erhielt sie 2001 den Bettina-von-Arnim-Preis. Sie lebt und arbeitet als freie Autorin, Herausgeberin und Journalistin und Übersetzerin in Berlin.

AVIVA-Tipp: Im ersten Moment eine scheinbar banale Sammlung unterhaltsam aufbereiteten Städtewissens entpuppt sich "Berliner Luft- Pariser Leben" schnell als mannigfaltiges Kleinod der Reiseliteratur. BerlinerInnen bekommen Lust, ihre Stadt aus französischer Perspektive zu erkunden, und auch die zahlreichen kulturellen Hinweise regen zum Forschen und Weiterlesen an.

Unda Hörner
Berliner Luft - Pariser Leben

Edition Ebersbach, erschienen Juli 2012
Hardcover,144 Seiten
978-3869150611
15,80 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Madame Man Ray von Unda Hörner

Auf nach Hiddensee! Die Bohème macht Urlaub von Unda Hörner

"Die letzte Delikatesse" von Muriel Barbery

Literatur Beitrag vom 31.12.2012 AVIVA-Redaktion 

   




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