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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 03.01.2013

Ljudmila Petruschewskaja - Sie begegneten sich, wie das so vorkommt, beim Schlangestehen in der Bierbar. Russische Liebesgeschichten
Dana Strohscheer

Liebe ist nicht nur rosarot und himmlisch, sondern auch vereinnahmend, be├Ąngstigend, unverstanden und skurril. Eben diesen weniger popul├Ąren Formen der Liebe mit all ihren emotionalen Abgr├╝nden...



... widmet sich die vorliegende Erz├Ąhlsammlung.

Gro├čmutter Olja, die sich immer um alle k├╝mmert, verliebt sich im hohen Alter. Nicht in irgendjemanden, sondern in das amerikanische Leinwandidol Robert Taylor. Ohne Vorbereitung und ohne zu wissen, was mit ihr passieren wird, geht sie an einem Nachmittag ins Kino "und da erlosch auch schon das Licht, und das Paradies brach ein". Ab diesem Moment kann sich Olja nicht mehr von ihrem Helden l├Âsen. Abf├Ąllig betrachtet sie die anderen ├Ąlteren Damen, die schnatternd vor dem Kinoeingang auf eine erneute Vorf├╝hrung warten - was hat sie mit denen gemein? Wenn Olja etwas macht, dann richtig - sie organisiert Treffen, sammelt Zeitungsausschnitte und wirkt in ihrer Vitalit├Ąt um viele Jahre j├╝nger. Dass dabei einige Menschen, denen sie vorher selbstlos geholfen hat, auf einmal zu kurz kommen, liegt in der Natur der Sache...

Was auf den ersten Blick wie eine ├╝berzogene Phantasterei wirkt, birgt bei genauerem Hinsehen viele Parallelen zum heutigen Fantum - ob nun in sozialen Netzwerken den Idolen gehuldigt wird oder Stars zum Anfassen in Castingshows "gemacht" werden - hinter all dem steht die Sehnsucht nach dem Besonderen, nach der Erhebung ├╝ber den m├╝hevollen Alltag.

Erz├Ąhlungen wie diese machen auch das Buch von Ljudmila Petruschewskaja zu etwas Besonderem. Denn es gelingt ihr, allt├Ąglichen Geschichten immer auch eine tiefer gehende soziologische Komponente hinzuzuf├╝gen, die sich erst im Nachhinein offenbart. Es sind die abseitigen Gestalten, die in ihren Prosatexten vorkommen, seien es AlkoholikerInnen oder alte Menschen, denen niemand etwas geschenkt hat und die nun zusehen m├╝ssen, wie sie ├╝ber die Runden kommen. Sie alle "erwischt" es irgendwann, auf v├Âllig unerwartete Art und Weise.

So f├╝hrt Petruschewskaja den LeserInnen auch die alles erdr├╝ckende Mutterliebe vor Augen. Galja ist vollgepumpt mit Psychopharmaka und kann sich nur der aus der emotionalen Umklammerung der Mutter befreien, indem sie ihrem Leben ein Ende setzt. Diese Erz├Ąhlung tut weh, denn sie wird bis zur letzten Konsequenz durchdekliniert. Darin zeigt sich das Talent der Autorin: es gibt kein "Dazwischen", keine halben Sachen. Immer wieder kippen die Erz├Ąhlungen ins Groteske, ins Schaurig-Wahnhafte und offenbaren darin eine be├Ąngstigende Stringenz, gespickt mit Lebensweisheit.

So zeigt Petruschewskaja nebenbei auch immer wieder die Absurdit├Ąten des russischen Alltags. Sie ist Chronistin und Soziologin zugleich und erhebt sich nie ├╝ber ihre Figuren. Die LeserInnen leiden mit an den Abh├Ąngigkeiten der ProtagonistInnen in den sechzehn Geschichten und hoffen am Ende doch immer wieder auf ein Happy End. Meist jedoch vergebens.

Daf├╝r sorgt schon der lakonische Erz├Ąhlstil der Autorin, nichts scheint ihr fremd zu sein in ihrem literarischen Kosmos, der ein ganz eigener ist. Abgr├╝ndigkeiten und Frivolit├Ąten gehen einher mit der grunds├Ątzlichen ├ťberzeugung, gar nicht anders handeln zu k├Ânnen. So bleibt mensch ├Âfter das Lachen im Hals stecken, etwa wenn von "verschimmelten Verwandten" die Rede ist, um die sich gek├╝mmert werden m├╝sste. Petruschewskaja verpackt immer wieder gro├če Erz├Ąhlungen in kleine Geschichten, die genau auf den Punkt bringen, was an psychologischen Dramen im Unterbewusstsein abl├Ąuft. Nie verliert sie dabei die Liebe zu ihren AkteurInnen aus den Augen. Damit ist sie in der Tradition von Anton Tschechow zu sehen, der immer wieder menschliche Abgr├╝nde auf allzu menschliche Weise mit parodistischen Elementen versah.

AVIVA-Tipp: Die Liebe in vielen Facetten und Formen ist das Thema in den vorliegenden Kurzgeschichten der Grande Dame der russischen Erz├Ąhlkunst. Jede Erz├Ąhlung f├╝r sich ein Kleinod, die die zerst├Ârerische Kraft der Liebe aufzeigt. F├╝r FreundInnen des Grotesken ein Muss!

Zur Autorin: Ljudmila Petruschweskaja, 1938 in eine Moskauer Intellektuellenfamilie geboren, studierte Journalistik in der sowjetischen Hauptstadt und arbeitete f├╝r Rundfunk und Fernsehen. In den 1960er Jahren begann sie Prosatexte zu schreiben, die jedoch ├╝ber zehn Jahre nicht erscheinen durften. Im illegalen Selbstverlag Samizdat verbreitet, machten diese Erz├Ąhlungen sie zu einer der popul├Ąrsten AutorInnen des russischen literarischen Untergrundes. Heute z├Ąhlt Petruschewskaja zu den bekanntesten AutorInnen Russlands. 2003 erhielt sie den Puschkin-Preis, ein Jahr sp├Ąter folgte der Russische Staatspreis f├╝r K├╝nste und im Jahr 2010 der World Fantasy Award. Sie lebt und arbeitet in Moskau. (Quelle:Verlagsinformationen)

Zur ├ťbersetzerin: Antje Leetz, Jahrgang 1947, studierte Slawistik und Germanistik. Im Verlag Volk und Welt Berlin war sie f├╝nfzehn Jahre Lektorin f├╝r russische Literatur. Anschlie├čend arbeitete sie drei Jahre in einem Moskauer Verlag. Sie ├╝bertrug bereits Werke von Irina Ehrenburg, Ljudmila Petruschewskaja und Jelena Bulgakowa. Zudem ist sie Autorin von Radiofeatures zum Thema Russland. (Quelle:Verlagsinformationen)

Ljudmila Petruschewskaja
Sie begegneten sich, wie das so vorkommt, beim Schlangestehen in der Bierbar: Russische Liebesgeschichten

Aus dem Russischen ├╝bersetzt von Antje Leetz
bloomsbury taschenbuchverlag, erschienen 18. August 2012
Taschenbuch, 192 Seiten
ISBN: 978-3833308406
9,99,- Euro
www.berlinverlag.de

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Literatur Beitrag vom 03.01.2013 Dana Strohscheer 

   




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