Mara Hvistendahl - Das Verschwinden der Frauen. Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 25.01.2013

Mara Hvistendahl - Das Verschwinden der Frauen. Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen
Claire Horst

Dass viele werdende Eltern sich einen Sohn wünschen, ist nicht neu. Diese Bevorzugung besteht seit Jahrhunderten. Neu sind allerdings die Folgen ihrer Verbindung mit den technischen...



... Errungenschaften des 21. Jahrhunderts.

Seit die pränatale Geschlechtsdiagnostik möglich ist, nimmt die Abtreibung weiblicher Föten rapide zu. Die Ursachen für diese Diskriminierung von Mädchen sind vielfältig: Neben soziokulturellen und religiösen Gründen zählen dazu auch ganz praktische Faktoren. In Indien beispielsweise zahlen Eltern an den Bräutigam ihrer Tochter eine derart hohe Mitgift, dass sie sich häufig schon bei der Geburt einer Tochter verschulden müssen. In China hat die Ein-Kind-Politik den Wunsch verschärft, das einzige Kind möge ein Sohn sein.

Die Journalistin Mara Hvistendahl zeigt in ihrem ersten Buch auf, dass geschlechtsselektive Abtreibung jedoch weltweit verbreitet ist. In zahlreichen Ländern Ost-, Süd- und Westasiens, des Nahen Ostens, aber auch beispielsweise in Albanien und anderen Balkanländern hat sich das Geschlechterverhältnis stark verändert. In einigen Regionen kommen auf 100 Frauen schon 150 bis 170 Männer. Normal ist ein Verhältnis von 100:105 – weltweit liegt es heute bereits bei 100:107.

Hvistendahl untersucht die fatalen Folgen dieser Entwicklung und macht sich auf die Suche nach weiteren Ursachen. Dazu führt sie Gespräche mit Müttern und Vätern, MedizinerInnen und GenetikerInnen, WirtschaftswissenschaftlerInnen und DemografInnen in verschiedenen Ländern. Ihre These ist hochspannend: Schuld an diesem langsamen Verschwinden der Töchter sei nicht allein, nicht einmal in erster Linie, eine traditionelle Diskriminierung von Frauen in patriarchal geprägten Ländern. Denn gegen diese Interpretation spricht ihrer Meinung nach, dass in Ländern wie China und Indien gerade hochgebildete und gutverdienende Frauen fast ausschließlich Söhne zur Welt bringen.

Ursache sei vielmehr eine verfehlte Bevölkerungspolitik westlicher Geberländer und Entwicklungshilfeorganisationen. Denn über Jahrzehnte sei es deren vorrangiges Ziel gewesen, den Bevölkerungsanstieg in unterentwickelten Ländern einzugrenzen – auch aus machtpolitischen und rassistischen Gründen. "´Wir interessieren uns nicht in erster Linie für die soziologischen oder humanitären Gründe der Geburtenkontrolle´, vertrauten Moore und Clayton einmal Rockefeller an. ´Wir interessieren uns dafür, wie sich die Kommunisten in ihrem Welteroberungsdrang hungernde Menschen zunutze machen.´" Dass Hvistendahl Äußerungen wie dieses aus zweiter oder dritter Hand zitiert, macht leider einen etwas verschwörungstheoretischen Eindruck, selbst wenn ihre Kritik dieser postkolonialen Politik angebracht ist. So zeigt sie, dass Fördergelder häufig an die Bedingung geknüpft werden, den Bevölkerungsanstieg zu bekämpfen.

Diese Form der Machtpolitik steht für die Autorin in einer langen kolonialistischen Tradition: So habe es in Indien zwar schon vor der Kolonialisierung einzelne Bevölkerungsgruppen gegeben, die ihre Töchter töteten. Erst mit der britischen Herrschaft, die das Kastenwesen offiziell aufhob und hohe Steuern eintrieb, habe es eine Motivation zur vermehrten Tötung von Mädchen gegeben. Denn erst mit dem Verschwinden ganzer Berufszweige und zugleich den viel höheren Steuern sei es vielen Familien unmöglich geworden, für die Mitgift aufzukommen.

Obwohl Hvistendahl gleich zu Beginn feststellt, dass es ihr nicht um eine generelle Ablehnung der Abtreibung ginge und sie nicht in eine Diskussion über den Beginn des Lebens einsteigen wolle, kann sie moralische Argumentationen nicht ganz vermeiden. "Die Kombination von Ultraschalluntersuchungen und Abtreibung hat über 160 Millionen Frauen und Mädchen schon vor der Geburt als Opfer gefordert – und das allein in Asien.", solche Sätze widersprechen dem. Und bei Föten von "Mädchen und Frauen" zu sprechen, spielt konservativen AbtreibungsgegnerInnen in die Hände.

Hvistendahls Argumentation mag nicht in allen Punkten überzeugen. Dennoch sind es alarmierende Fakten, auf die sie hinweist: Schon heute ist in vielen Ländern ein grenzüberschreitender Frauenhandel zu beobachten, der den Heiratsmarkt decken soll. Die Lebensbedingungen für Frauen haben sich durch ihre Dezimierung nicht verbessert, sondern verschlechtert, etwa durch vermehrte sexuelle Ausbeutung. Ob eine geringere Anzahl von Frauen dagegen wirklich zu einer aggressiveren Gesellschaft führen wird, wie Hvistendahl mit Verweis auf Testosteronstudien in amerikanischen Gefängnissen behauptet, mag mensch bezweifeln. Viel dramatischer ist das, was die albanische Klinikleiterin Rubena Moisiu der Autorin sagt: Geschlechtsselektion bedeute, dass "Frauen schon im Mutterleib an Wert und Würde herabgesetzt werden. Dies ist eine Form von geschlechtsspezifischer Erniedrigung."

AVIVA-Tipp: Mit Verweis auf die Situation in den USA, wo Geschlechtsselektion im Gegensatz zu den genannten Ländern meist betrieben werde, weil die Menschen sich Töchter wünschen, will Hvistendahl zeigen, dass "der Kampf gegen die Geschlechtsselektion sich nicht einfach darin erschöpft, Geschlechterstereotypen aufzulösen." Wenn eine Technik legal sei, werde auch nach ihr verlangt, meint sie und malt ein furchterregendes Zukunftsszenario, in dem Designerbabys mit der Wunschaugenfarbe geboren würden. Mehr als ein Verbot der Selektion fällt ihr als Gegenmittel leider nicht ein.

Zur Autorin: Mara Hvistendahl ist eine vielfach ausgezeichnete amerikanische Wissenschaftsjournalistin. Sie unterrichtet Journalismus an der Fudan Universität Shanghai, ist Asien-Korrespondentin für "Science" und schreibt unter anderem auch für "Harper´s", "Scientific American", "Popular Science", die "Financial Times" und "Foreign Policy". "Das Verschwinden der Frauen. Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen" war 2012 unter den Finalisten des Pulitzer-Preises in der Kategorie "General Nonfiction". (Verlagsinformationen)
Mehr Infos unter: marahvistendahl.com

Mara Hvistendahl
Das Verschwinden der Frauen. Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen

Originaltitel: Unnatural Selection
Aus dem Englischen von Kurt Neff
Hardcover, 424 Seiten
24,90 Euro
ISBN 978-3-423-28009-9
DTV, erschienen im Januar 2013






Literatur Beitrag vom 25.01.2013 Claire Horst 

   




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