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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 25.02.2013

Lucía Puenzo - Wakolda
Susann S. Reck

Josef Mengeles Ruf, als einem der brutalsten Massenmörder der Menschheit, eilt dem Roman der Drehbuchautorin von Fischkind ebenso voraus, wie die Frage, ob Fiktion die Realität der ...



... Konzentrationslager angemessen aufarbeiten kann.

Nach Auschwitz

Um kaum einen anderen NS-Verbrecher ranken sich im Südamerika der 60er und 70er Jahre so viele Legenden wie um Dr. Josef Mengele, den Arzt, der, aus dem bayerischen Günzburg stammend in Auschwitz mit Häftlingen experimentierte und als Todesengel sein sadistisches Unwesen trieb. Nach seiner Flucht 1951 aus Deutschland tauchte Mengele zunächst in Argentinien, später in Uruguay und Brasilien unter. Mengele starb, wie eine DNA-Analyse 1991 zweifelsfrei erwies,1979 im Badeurlaub in der Nähe von Sao Paulo.

In Argentinien

Der Roman Wakolda spielt in San Carlos de Bariloche, einem Wintersportparadies das an Tirol erinnert, jedoch im Süden Argentiniens liegt.
Die südamerikanische Perspektive des Holocaust nach dem Zusammenbruch des tausendjährigen Reiches gehört zu den interessantesten Aspekten des Romans. Sie erzählt von einem José, alias Josef Mengele, der versucht auf seiner Flucht alle Spuren seines bisherigen Lebens zu verwischen, aber trotzdem nicht aus seiner Haut kann, und von Menschen, die ihm ahnungslos begegnen.
Man weiß nie, wer der andere ist. Dieser Ausspruch bekommt in Wakolda eine unheimliche Dimension, denn im Gegensatz zu den ProtagonistInnen ahnen die LeserInnen bereits auf den ersten Seiten wer sich hinter José verbirgt.
Nicht zuletzt erzählt Wakolda auch von einem Staat Argentinien, der Nazi-Schergen wie Adolf Eichmann, Erich Priebke, Walter Rauff und Josef Mengele unter Zusicherung der Straffreiheit die Einreise ermöglichte.
Der Roman Wakolda ist mit dem Jahr 1960 in einer Zeit angesiedelt, in der Mengele bereits zehn Jahre ungestört in Südamerika leben konnte, bevor er nun für all jene ins Zentrum der Aufmerksamkeit geriet, die nach den Verantwortlichen für den Genozid an den europäischen Juden suchten. Im Mai desgleichen Jahres wurde Adolf Eichmann in Buenos Aires vom israelischen Geheimdienst Mossad aufgespürt und nach Israel gebracht, wo er nach einem fast zweijährigen Prozess gehängt werden sollte. Zu dieser Zeit verschwand Josef Mengele aus Buenos Aires.
Die sich aus diesen Tatsachen entspinnende Handlung des Romans bleibt überwiegend Fiktion. Laut einem Interview mit Lucía Puenzo behaupten zwar verschiedene Quellen, Mengele sei nach Eichmanns Ergreifung bei einer Familie im Süden des Landes untergetaucht. Keine dieser Quellen hat sich jedoch als glaubwürdig erwiesen. Josef Mengeles Aufenthaltsort nach Eichmanns Ergreifung ist bis heute nicht bekannt.

Experimente in Bariloche

José, ein deutscher Arzt, ist mit seinem Wagen unterwegs nach San Carlos de Bariloche. Da ihm das wüstenartige Land, das er auf dem Weg dorthin durchqueren muss, unbekannt ist, schließt er sich einer Familie mit zwei Kindern an. Die Frau ist, wie der Arzt sofort feststellt, mit Zwillingen schwanger, die Tochter, Lilith, im Gegensatz zu den anderen Familienmitgliedern blond, blauäugig und kleinwüchsig.
Angekommen in Bariloche sorgt José, der sich sowohl von Liliths Kleinwüchsigkeit als auch von der Schwangerschaft der Mutter unwiderstehlich angezogen fühlt, dafür, dass er in deren Pension unterkommt. Von nun an widmet er sich mit zunehmend manischer Besessenheit Vorbereitungen, die schon früher für seine Experimente notwendig waren. Dass mit "früher" Auschwitz gemeint ist, erschließt sich den LeserInnen ebenfalls schnell. Josés Ziel ist es, Liliths Wachstum durch Hormone voranzutreiben und die Zwillinge nach deren Geburt zu Objekten seiner Experimente zu machen.

Macht und Medizin

Der Roman Wakolda legt die Frage nahe, was und wie viel im Argentinien der 60er Jahre von Auschwitz bekannt war.
Laut Lucía Puenzo war San Carlos de Bariloche, eines der beliebtesten Ziele für Nazis auf der Flucht, zu dieser Zeit weitgehend von der Außenwelt isoliert. Den wenigsten Einheimischen war dort bekannt, dass es in Auschwitz medizinische Versuche gegeben hatte, die der Erschaffung des arisch perfekten Menschen dienten. So ahnten, laut Puenzo, Liliths Eltern zwar, dass es sich bei José um einen gesuchten deutschen Militär handelte. Gleichzeitig aber war ihr Pensionsgast ein Arzt und deshalb, im Sinne des bürgerlichen Wertekanons zunächst durchaus vertrauenswürdig. Dass es einen Zusammenhang zwischen militärischer Vergehen und Josés Tätigkeit als Mediziner geben könnte blieb ihnen verborgen, die Größe seiner Schuld unvorstellbar.
Für Lucía Puenzos literarischen Ansatz, José auch weiterhin sein Handwerk ausüben zu lassen, gibt es reale Vorbilder, oder zumindest handfeste Legendenbildungen. So halten sich in Südamerika hartnäckig Gerüchte, wonach Josef Mengele in einem brasilianischen Dorf namens Cândido Godói mit Zwillingen experimentiert haben soll. 1963 war Mengele als Rudolph Weiss in dem Dorf untergetaucht, wo er zunächst Kühe gegen Tuberkulose geimpft und später seine "Arbeit" an den Frauen begonnen haben soll. Seither, behaupten einige, kommen dort bei ca. jeder 5. Geburt Zwillinge zur Welt. Normalweise geschieht dies jedoch nur bei jeder achtzigsten Geburt.

Banalität des Monströsen

Einer der Hauptgründe für die Beschäftigung mit Josef Mengele war für Lucía Puenzo die Tatsache, dass er eine charismatische Ausstrahlung hatte, dass mensch ihm seine zutiefst menschenverachtende Kälte weder ansah noch anmerkte. Diese Monster sind umso monströser, als dass man das Monströse an ihnen nicht kommen sieht, erläuterte die Autorin in einem Interview mit der argentinischen Internet- Zeitung Pagina 12.

Fern des Ortes, an dem er schalten und walten konnte wie er wollte, Auschwitz, entfaltete diese Banalität des Monströsen, das perverse Zusammenspiel von medizinischem Experiment, Brutalität und Machtmissbrauch, im neuen, südamerikanischen Kontext eine besondere Dynamik, verdeutlicht sie doch wie naiv es war, von einer Gestalt wie der Josef Mengeles Reue zu erwarten. Menschen wie er, das erzählt Wakolda ebenso nüchtern wie eindrucksvoll, treiben ihr Unwesen wann immer sie Gelegenheit dazu bekommen, egal wann, egal wo.

Puppenfabrik

Es gehört zu den Tatsachen, dass Josef Mengele während seines fast 30 Jahre langen Aufenthaltes in Südamerika in einer Puppenfabrik oder in einem Spielwarengeschäft arbeitete. Davon inspiriert, lässt Lucía Puenzo ihre Romanfigur José denn auch mithilfe von Liliths Vater, einem passionierten Puppendoktor, arisch perfekte Puppen in Serie herstellen.
Das war der Gipfel der Perversion, oder nicht? Wie kann es sein, dass ein Typ der Jahrzehnte mit dem Versuch zubrachte ein Volk genetisch zu verändern, später mit Puppen arbeitet? Das war der Ausgangspunkt für meinen Roman.
(ff Interview Pagina 12).

Laut Puenzo gehörte die Darstellung von Josés Arbeit an den Puppen zu den schwierigsten Stellen während des Schreibens. Sie gehören auch zu den Gelungensten, da sie den die LeserInnen assoziativ zurück in die Vergangenheit, nach Auschwitz, führen.

Nora Eldoc

Kurz vor dem Ende holt das reale Auschwitz die Romanhandlung ein. Nora Eldoc ist neben Josef Mengele die einzig historische Gestalt in Wakolda.
Angestellt bei der Israel-Mission in Köln, die sich, solange das Nachkriegsdeutschland mit Israel noch keine diplomatischen Beziehungen unterhielt, für die wirtschaftliche Wiedergutmachung verantwortlich zeichnete, war Eldoc ein Opfer von Mengeles Experimenten in Auschwitz. Inwieweit sie für den Mossad arbeitete, wurde nie geklärt. Fest steht jedoch, dass Nora Eldoc 1960 nach Bariloche flog um ihre Mutter zu besuchen. Als sicher gilt zudem, dass sie mit Josef Mengele beim Tanzen gesehen und wenig später tot in den Bergen aufgefunden wurde.
Auch im Roman stirbt Nora nach der Begegnung mit José. Zwar erkennen beide im Verlauf der Begegnung wer der jeweils andere ist, mögliche Konsequenzen bleiben jedoch in der Schwebe. José flieht mit Hilfe seiner ehemaligen Kameraden Hals über Kopf aus Bariloche. Die Todesumstände von Nora Eldoc bleiben ungeklärt.

Der Roman Wakolda stellt vor allem die Frage nach dem Verbleib der TäterInnen des NS-Regimes nach 1945 und warum ganze Staaten diese deckten. Er wirft die Frage auf, warum ein NS- Scherge vom Format Josef Mengeles dreißig Jahre in Südamerika leben konnte ohne gefasst zu werden. Er beschreibt eindrucksvoll, dass ohne eine Justiz, die sich auf internationaler Ebene um das Ergreifen der TäterInnen kümmerte, diese auch weiterhin ihr Unwesen trieben, auf anderen Kontinenten, in neuen Zusammenhängen. Zwar ist Wakolda Fiktion. Dass es sich so zugetragen haben könnte wie in der Episode, muss nicht einmal wahrscheinlich sein. Trotzdem beschreibt sie, bei allem Respekt vor den realen Hintergründen, wie das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte auch zu einem Argentinischen werden konnte.

AVIVA-Tipp: Wakolda ist ein atmosphärisch sehr starker Roman, der Legende und Wirklichkeit perfekt auszuloten vermag. Die Beschreibung von Josef Mengele bleibt distanziert und schließt jede mögliche Empathie mit dem Todesengel von Auschwitz aus. Vor dem ungewöhnlichen Hintergrund Südamerikas gelingt die Fiktionalisierung dieser historischen Figur, die wie kaum eine andere Leid, Grauen und Kälte verkörpert.

Zur Autorin: Lucìa Puenzo wurde 1976 in Buenos Aires geboren. Die Schriftstellerin und Filmregisseurin studierte Literatur und Film. Bislang hat sie für folgende Filme die Drehbücher geschrieben und auch selbst inszeniert:
XXY lief 2007 bei den Filmfestspielen in Cannes, Fischkind wurde 2009 auf der Berlinale aufgeführt. Ihr nächstes Filmprojekt ist Wakolda.
Folgende Romane von Lucía Puenzo wurden bislang ins Deutsche übersetzt:
Fischkind, 2009, Der Fluch der Pichmahuida, 2010, Wakolda, 2012.
Alle Romane sind bei Wagenbach erschienen. Mehr Infos unter: www.wagenbach.de

Lucía Puenzo
Wakolda

Originaltitel: Wakolda, erschienen 2011
Aus dem argentinischen Spanisch von Rike Bolte
Wagenbach Verlag, Quartbuch, erschienen 2012
192 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag
18,90 Euro / eBook 13,99 Euro
ISBN 978-3-8031-3246-8

Weitere Informationen unter:
WIESENTHAL CENTER REGARDING NEW MENGELE REVELATION:"IT WAS A JUSTIFIED BUT TRAGIC DECISION": www.wiesenthal.com

WIESENTHAL CENTER PRAISES ACQUISITION OF MENGELE´S DIARY BY FAMILY PLEDGED TO KEEP IT SAFE IN JEWISH HANDS: www.wiesenthal.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Lucia Puenzo - Das Fischkind

Das Fischkind – in der Edition Salzgeber auf DVD erschienen

Lüge! Alles Lüge! Aufzeichnungen des Eichmann-Verhörers. Rekonstruiert von Bettina Stangneth

Hannah Arendt. Kinostart: 10. Januar 2013

Alle Zitate aus dem Interview mit Lucía Puenzo wurden von Susann S. Reck übersetzt.
Das Interview finden Sie unter: www.pagina12.com).





Literatur Beitrag vom 25.02.2013 Susann S. Reck 

   




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