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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 07.03.2013

Saphia Azzeddine - Zorngebete
Julia Lorenz

Jbara will Joghurt und bietet dafür Sex. Sie ist eine Sünderin - zumindest, wenn es nach ihrem Vater geht. Und allen anderen Männern. Wäre da nicht Allah, der zwar eine Menge um die Ohren hat,...



...aber immer Zeit für ihre wütenden, hoffnungsvollen, unverblümten Anrufe findet.

Jbara Ait Goumbra ist schön, sie weiß es nur nicht. Denn dort, wo sie aufwächst - in Tafafilt, einem ärmlichen Dorf, umgeben von Wüste, Bergen und Schafen - hat Schönheit keine Bedeutung. Im Zweifelsfall ist alles haram, Sünde, "Selbst ich bin haram", meint Jbara, "aber auch das weiß ich nicht". Es gilt das Gesetz ihres Vaters, den sie verachtet, und das Wort Allahs, der ihr einziger Vertrauter inmitten der Einöde ist. Für Jbara schmeckt das gute Leben nach Granatapfeljoghurt - ein kleiner Luxus zwischen Armut, Schmutz und Gottesfurcht - den sie sich mit körperlichen Diensten bei dem Hirten Miloud verdient.

Die einzige Verbindung zur Welt außerhalb Tafafilts ist ein Bus, der zweimal wöchentlich das Dorf passiert. Eines Tages fällt der Koffer einer amerikanischen Touristin vom Dach des Gefährts, den Jbara daraufhin wie einen Schatz hütet und der ihr Begleiter auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt wird: Von Miloud geschwängert, wird sie von ihrer Familie verstoßen und begibt sich auf die Suche nach Erfolg und Eigenständigkeit. Dabei wird sie zu Scheherazade und Khadija, arbeitet als Dienstmädchen und Prostituierte, hadert mit Allah und sich selbst, verliert jedoch nicht ihren Glauben.

Saphine Azzeddines Jbara ist kein fragiles Wüstenpflänzchen, das sich selbstmitleidig durch ihre Underdog-Geschichte lamentiert, sondern ein ein angry young girl im wahrsten Sinne des Wortes: Sie poltert, flucht und stellt gleich zu Beginn klar: "Ich werde keine Poesie hineinlegen, wo keine ist".
Lakonisch, direkt und gnadenlos ehrlich teilt sie ihr Schicksal mit Allah, der für sie nicht jener zornige, strafende Gott ist, der ihre Mutter in die totale Unmündigkeit drängt, sondern ihr Verbündeter, dessen Urteil für sie größte Relevanz hat - ohne jedoch über ihren eigenen Bedürfnissen zu stehen. Ihre Liebe entspringt keiner Furcht, keinem aus Angst geborenem religiösen Fanatismus, sondern ihrem Grundvertrauen in Allahs Beistand. Instinktiv lehnt sie formelhaften, blinden Gehorsam ab und fordert: "Hört auf, um die Kaaba herumzulaufen, lauft lieber um die Welt herum. Lauft um die Anderen herum, lauft um euch selbst herum!"
Glauben und autonomes Denken stellen für Jbara keinen Widerspruch dar.

Autorin Saphia Azzeddine selbst wuchs in Marokko laut eigenen Angaben behütet "in einer Art arabischen Version von ´Unsere kleine Farm´" auf und emigrierte mit neun Jahren nach Frankreich. Die Existenzangst ihrer Protagonistin, ihre ohnmächtige Wut über ihr Schicksal dürften ihr also fernliegen. Jedoch ist "Zorngebete" nicht nur die Geschichte einer jungen Frau am Rande der Gesellschaft, die von sozialem Aufstieg, Produkten aus Werbeanzeigen und Jennifer Anistons Haaren träumt: Azzeddine beschreibt vor allem die Emanzipation von gesellschaftlichen und religiösen Zwängen.

Jbara ist weit gekommen: Sie begreift intuitiv, dass sie sich - entgegen aller restriktiven Moralvorstellungen von außen - zuallererst vor sich selbst rechtfertigen muss. Mit Sex als Dienstleistung kann sie leben, mit einer Vergewaltigung ihres reichen Hausherren hingegen nur schwer - das passt nicht zusammen? In einer Welt, in der Frauen nicht selbst bestimmen dürfen, was mit ihrem Selbstverständnis vereinbar ist, natürlich nicht.

AVIVA-Tipp: Junges Mädchen aus dem Maghreb verlässt ihr Elternhaus und versucht, autonom und frei zu leben - hat frau schon tausendmal gelesen? So bestimmt nicht. Saphia Azzeddines Debutroman ist eine Ohrfeige: Uneitel, schamlos und ohne Larmoyanz schildert Protagonistin Jbara ihre Tour de Force und fragt dabei nicht nach Absolution, sondern nach Halt und Hoffnung. Ein kraftvoller Beitrag zur Debatte um Frauenrechte im Islam.

Zur Autorin: Saphia Azzeddine, Tochter einer französisch-marokkanischen Mutter und eines marokkanischen Vaters, wurde 1979 in Agadir/ Marokko geboren. Im Alter von neun Jahren zog sie nach Frankreich. Azzeddine, die mittlerweile Mutter ist, möchte nicht auf ihre orientalische Herkunft reduziert werden und identifiziert sich stark mit ihrer französischen Heimat. Sie studierte Soziologie, verlebte ein Jahr in Texas und arbeitete als Diamantschleiferin in Genf, bevor sie sich als Journalistin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin in Paris einen Namen machte, wo sie noch heute lebt. Ihr Debutroman "Zorngebete" wurde in Avignon als Theaterstück umgesetzt und bereits ins Spanische, Italienische, Hebräische und Schwedische übersetzt. Die Verfilmung ihres zweiten Romans "Mein Vater ist Putzfrau", bei der sie selbst Regie führte, war auch in den deutschen Kinos zu sehen.

Saphia Azzeddine
Zorngebete

Originaltitel: Confidences à Allah, erschienen 2008 bei J´ai Lu
Aus dem Französischen von Sabine Heymann
Wagenbach Verlag, Berlin, erschienen 2013
128 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag
16,90 Euro
ISBN 978-3803132482

Weitere Infos unter:

www.wagenbach.de

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Literatur Beitrag vom 07.03.2013 Julia Lorenz 

   




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