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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 03.04.2013

Zeina Abirached - Das Spiel der Schwalben
Julia Lorenz

Die Stadt ist ein Irrgarten, die Kindheit ein Versteckspiel vor der Gefahr: Erinnerungen an den Libanesischen Bürgerkrieg sind grau für Zeina. Doch in Krisenzeiten nehmen Liebe und Solidarität...



...besondere Formen an - so wie in dieser kunstvollen Graphic Novel:

"In den Vierteln nahe der Demarkationslinie amputieren Mauern aus Sandsäcken die Straßen. Container von den Kais des verlassenen Hafens stehen auf den Straßen, um die Einwohner von den Kugeln der Heckenschützen abzuschirmen. Die Häuser verbarrikadieren sich hinter Mauern aus Betonsteinen und Metallfässern", erinnert sich die Erzählerin. Besagte Linie, besser bekannt als "Green Line", trennte von 1975 bis 1990 das vorrangig muslimische West-Beirut von der christlichen Bevölkerung im Osten der Stadt. Besuche bei Verwandten wurden zur lebensgefährlichen Mission, ein Kopfsalat zum begehrten Gastgeschenk und Wohnräume schrumpften auf die Größe einer Abstellkammer. Mehr als fünfzehn Jahre lang herrschte Bürgerkrieg im Libanon.

Autorin und Zeichnerin Zeina Abirached, geboren 1981 in Beirut, wuchs im Epizentrum des Kampfs konkurrierender Religionen und Ideologien auf, erlebte, wie die Straßen ihrer Heimatstadt zum undurchdringbaren Labyrinth wurden - und arbeitet nun ihre Kindheit mit Graphic Novels und Kurzcomics auf. Besonders interessiere sie bei ihrer Arbeit der "Alltagsaspekt in Zeiten des Krieges", wie sie im Interview mit MDR-Figaro erklärte. Schließlich sind Granatenhagel und Bombenanschläge nur der medial präsente Aspekt des Bürgerkriegs, die latente Angst vor dem Sturm nach der Ruhe ein anderer. "Wie haben die Menschen fünfzehn Jahre lang mit diesem Krieg gelebt?" will Künstlerin Abirached wissen. Die Antwort gibt sie mit ihrem neuen Werk selbst: "Das Spiel der Schwalben" erzählt eine so einfache wie zutiefst berührende Geschichte.

Als die Eltern der damals siebenjährigen Zeina von einem Besuch bei ihrer Großmutter nicht zurückkehren, kommen die NachbarInnen in der winzigen Wohnung der Abiracheds zusammen, um den Kindern Beistand zu leisten: Chucri, der Sohn der Hausmeisterin, dessen Vater im Krieg spurlos verschwand, Anhala, das ehemalige Kindermädchen und Ernest Challita, ein liebenswerter Intellektueller, sind nur einige der Charaktere, die von der libanesischen Künstlerin in Wort und Bild zärtlich portraitiert werden.

Bemerkenswert ist dabei vor allem die visuelle Umsetzung Abiracheds sinnlicher Wahrnehmungen, Erinnerungen und Assoziationen: Wenn "Heckenschützen, Metallfässer, Container, Stacheldraht, Sandsäcke, [...] aus der Stadt eine neue Geographie heraus[schneiden]", verknappt sich die Sicht der BetrachterInnen auf Beiruts Architektur. Auch an anderen Stellen fungiert die Bildkomposition bei Zeina Abirached als Stimmungsbild: Das unerbittliche Ticken der Uhr, Soundtrack zum quälenden Warten auf die Heimkehr der Eltern, lädt die Atmosphäre derart auf, dass sie unter dem Gewicht der Ungewissheit zusammenzubrechen droht. Dichte und Chaos in der Gestaltung der Szene lassen die Beklemmung der Beteiligten greifbar werden.
Die Schwarzweiß-Optik ist dabei eine Entscheidung zugunsten des Understatements: Die Zeichnerin habe sich von allem verabschieden wollen, was nicht unerlässlich für die Erzählung ist, und so sei "die Farbe zuerst über Bord gegangen".

Zugegeben: Besonders neu dürfte Abiracheds graphischer Stil zumindest KennerInnen der großartigen Marjane Satrapi nicht erscheinen. Mit ihren linolschnittartigen Bildern beschwört diese Künstlerin jene unheilvolle und zugleich tröstliche, zwischen Dynamik und Paralyse oszillierende Stimmung herauf, die bereits "Persepolis" so faszinierend machte. Die eigene Handschrift der Künstlerin trägt die Graphic Novel "Das Spiel der Schwalben" dennoch unverkennbar. Obwohl sie die ornamentale Ästhetik aufgreift, die gern mit der Kultur des Nahen und Mittleren Ostens assoziiert wird, bleibt kein Zweifel daran, dass die Geschichte nicht in Tausendundeiner Nacht, sondern im Bürgerkrieg angesiedelt ist. Schrecken und Furcht, Wärme und Hoffnung manifestieren sich in Zeina Abiracheds Zeichnungen, die im Libanon nicht umsonst als wertvoller Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung gehandelt werden: "Das Spiel der Schwalben" gehört in der Heimat der Autorin zur Schullektüre.

AVIVA-Tipp: "Sterben wegziehen wiederkehren - das ist das Spiel der Schwalben" ist auf einer Mauer zu lesen, die Zeina und ihre Familie auf dem Weg aus dem krisengeplagten Beirut passieren. Ebenso unprätentiös, poetisch und persönlich wie Florian, der ominöse Urheber des Graffito, erzählt auch die libanesische Künstlerin von der Tragik des Kriegs. Mit feinem Witz und frei von Selbstmitleid gelingt Zeina Abirached ein liebevolles Plädoyer für Menschlichkeit und Zusammenhalt.

Zur Autorin: Zeina Abirached zog nach ihrem Studium an der Académie Libanaise des Beaux-Arts ALBA mit Anfang Zwanzig nach Frankreich, um ihre Ausbildung an der École nationale supérieure des arts décoratifs fortzusetzen. "Das Spiel der Schwalben" ist ihre erste Veröffentlichung in deutscher Sprache. Zeina Abirached lebt und arbeitet in Paris.
Website der Autorin: www.zeinaabirached.ultra-book.com

Zeina Abirached
Das Spiel der Schwalben

Originaltitel: Mourir partir revenir. Le jeu des hirondelles
Erste Auflage erschienen 2007 bei Cambourakis, Paris
Aus dem Französischen von Paula Bulling und Tashy Endres
Avant-Verlag, Berlin, erschienen im März 2013
182 Seiten, Schwarz-Weiß, Munken Pure, 130g/qm, Softcover
ISBN 978-3939080770
www.avant-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sticheleien von Marjane Satrapi

Persepolis von Marjane Satrapi

LEBANON von Samuel Maoz

Blutspuren von Rutu Modan




Literatur Beitrag vom 03.04.2013 Julia Lorenz 

   




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