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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 04.04.2013

Marjorie Celona - Hier könnte ich zur Welt kommen
Claire Horst

Warum? Diese Frage beschäftigt Shannon, die Ich-Erzählerin des Romans, schon ihr gesamtes junges Leben lang. Doch nicht nur deshalb heißt das Buch im Original "Y". Der Buchstabe steht auch für das…



… YMCA, den Ort, an dem ihr Leben erst so richtig angefangen hat.

Denn Shannon wurde direkt nach der Geburt vor dem YMCA in Vancouver abgelegt. Wer ihre Eltern sind und warum sie ausgesetzt wurde, weiß sie nicht.

Shannons Geschichte und die ihrer leiblichen Mutter Yula erzählt Marjorie Celona in ihrem Debütroman parallel und in einer ungewöhnlichen Perspektive. Denn wie bei ihrer eigenen Geschichte ist Shannon auch bei der ihrer Mutter die Ich-Erzählerin – nur dass sie bei dieser Geschichte gar nicht anwesend ist.

Dass Celona ihr Metier versteht, ist keine Überraschung: Sie hat kreatives Schreiben studiert und unterrichtet das Fach heute an der Universität in Cincinnati. Einerseits ist das ein Vorteil – Celona weiß, wann ihr Text eine genauere Beschreibung der Umgebung oder der Personen braucht, wie ein Dialog aufgebaut sein sollte und wie ein Zeitensprung am besten eingebaut werden kann. Ein Nachteil ist es stellenweise, wenn der Text allzu gedrechselt erscheint. Vor allem weiß Celona aber, wie lebendige Figuren entstehen.

Eine magere, kleine Frau in einem Männer-Overall ist es, die das Baby auf der Treppe abgelegt hat. Sie lebt mit einem drogenabhängigen Mann und ihrem Vater zusammen außerhalb der Stadt. Einem Kind kann sie keine glückliche Zukunft bieten – und mit der Zeit wird immer deutlicher, warum Shannon mit ihrer Aussetzung tatsächlich ein besseres Los gezogen hat. Denn ihre Herkunftsfamilie hätte ihr kaum Positives vermitteln können.

Von Yula und Harrison, ihren leiblichen Eltern, weiß Shannon zu Anfang noch nichts. Wir lernen sie zunächst als Pflegekind kennen, das von Familie zu Familie weitergereicht wird, Gewalterfahrungen macht und schließlich eine körperliche Behinderung ertragen muss. Nur eins bleibt beständig gleich: Ihre Sehnsucht nach der leiblichen Mutter. Warum hat sie mich weggegeben? Diese Frage wird zu Shannons Leitmotiv. Und auch, als sie in Miranda eine liebevolle Ziehmutter findet, fühlt sie sich nie wirklich zu Hause.

Denn da ist auch noch Lydia-Rose, Mirandas leibliche Tochter. Für sie ist Shannon anfangs nichts als ein Eindringling, der ihr die Mutter wegnimmt. Shannons Kampf zwischen dem Wunsch, ein Zuhause zu haben, geliebt zu werden, und dem immer drängenderen Bedürfnis, ihre Wurzeln zu finden, erzählt Celona auf eine leise und dennoch eindringliche Weise. Shannon entwickelt sich zu einem Sonderling, einer Jugendlichen ohne enge Freunde und Freundinnen. Immer wieder läuft sie von zu Hause weg, probiert verschiedene Drogen, schwänzt die Schule.

Richtig deprimierend ist ihre Geschichte trotzdem an keiner Stelle. Denn Shannon ist stark, zu stark, um sich aufzugeben. In dieser Hinsicht erteilt sie ihrer Umgebung eine Lektion: Sehr früh gelingt es ihr, sich selbst zu akzeptieren – mit ihrem nicht perfekten Körper, mit ihrer Sehbehinderung und ihrer Verschrobenheit. Schließlich gelingt es ihr auch, Beziehungen aufzubauen, vor allem zu anderen AußenseiterInnen. Shannon wird es schaffen, davon ist nicht nur sie selbst trotz allem überzeugt. Mit ihr hat die junge Autorin eine Romanfigur erschaffen, die den LeserInnen noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Die zweite Geschichte, die dieser Roman erzählt, ist weniger optimistisch. Denn Yula, die Shannon als Achtzehnjährige zur Welt brachte, hat ebenfalls mit einigen Hypotheken zu kämpfen. Und anders als Shannon hat sie nicht genug Kraft, um sie abzuschütteln. Doch auch ihr kommt die Leserin sehr nahe, und das ist das Verdienst von Celonas geschulter Schreibe. Bildhaft und metaphernreich beschreibt sie ihre Figuren und trägt dabei nur manchmal etwas zu dick auf, wenn sie sich in den Beschreibungen verliert:

"(Yulas Mutter, Shannons Großmutter) war stürmisch, schnell erregbar, mit einem beängstigenden, unberechenbaren Temperament, und ihre Worte konnten, wenn sie wollte, tief verletzen. Weil sie andere Menschen eigentlich nicht brauchte, machte es ihr nichts aus, ihnen wehzutun. Es schien sie größer zu machen, ihr Kraft zu verleihen. Quinn sagte zu ihr, sie habe ´giftiges Blut´. Manchmal wurde sie so zornig, dass sich Schaum in ihren Mundwinkeln bildete."

AVIVA-Tipp: "Hier könnte ich zur Welt kommen" ist eine Familiensaga, ein klassisch erzählter Roman mit einigen ausgefallenen Elementen. Und vor allem ist er eine sehr unterhaltsame und fesselnde Lektüre – bei einem derart komplexen und nachdenklich machenden Thema keine leichte Aufgabe. Celonas Figuren begleiten die Leserin noch lange. Besonders Shannon ist so gelungen, dass wir ihr gerne auch in der Realität begegnen würden.

Zur Autorin: Marjorie Celona wuchs auf Vancouver Island auf und lebt in Cincinnati, wo sie an der Universität lehrt. Sie studierte am Iowa Writer´s Workshop, ihre Kurzgeschichten erschienen in verschiedenen Magazinen.

Marjorie Celona
Hier könnte ich zur Welt kommen

Originaltitel: Y
Aus dem kanadischen Englisch von Christel Dormagen
Suhrkamp / Insel Verlag, erschienen am 11.03.2013
Gebunden, 347 Seiten
ISBN 978-3-458-17562-9
19,95 Euro
www.suhrkamp.de


Weitere Informationen finden Sie unter:

marjoriecelona.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Das Ende der Stille

Die gläserne Karte. Von Jane Urquhart

Ein komplizierter Akt der Liebe. Von Miriam Toews


Literatur Beitrag vom 04.04.2013 Claire Horst 

   




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