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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 10.04.2013

Grace Paley - Die kleinen Widrigkeiten des Lebens
Sabine Reichelt

"Grace Paley bringt mich zum Weinen und zum Lachen – und zur Bewunderung", sagte Susan Sontag einst über die Autorin, deren Erzählungsband jetzt in einer Neuübersetzung von Sigrid Ruschmeier...



... vorliegt. In den darin enthaltenen Storys verwandelt Paley Alltägliches in Poesie.

Über bedeutende und einflussreiche Menschen, die im Laufe ihrer aufregenden Leben großen FeindInnen trotzen müssen, wird viel geschrieben. Über weniger bedeutende Menschen hingegen, deren Einflusssphäre am heimischen Spülbecken oder den Hosenträgern des Ehemannes bereits endet, und die lediglich den Preiserhöhungen des Seifenhändlers und dem widerspenstigen Personal der Fürsorge trotzen müssen, wird weniger geschrieben. Das war auch schon 1959 so, als Grace Paley ihren ersten Band mit Storys veröffentlichte. Die Autorin hatte zuvor beinahe ausschließlich Lyrik verfasst, verspürte nun aber den Drang, Geschichten zu schreiben, sich, wie sie selbst in einem Interview sagte, dem "Druck der Thematik" beugend, um "das Leben von Frauen und Männern und besonders von Frauen in der Zeit damals" zu erzählen.

Es ist eine bunte Vielfalt an Charakteren, die der Leserin in den Geschichten Paleys entgegentritt: Tante Rosie, die im Alter doch noch ihre Jugendliebe, den Schauspieler Volodya Vlashkin, heiratet, Shirley Abramowitz, die mit ihrer lauten Stimme die Hauptrolle im Weihnachtsspiel der Schule ergattert, Virginia, die erst von ihrem Mann mit vier Kindern sitzengelassen wird, dann aber in John einen großzügigen Liebhaber findet oder Eddie Teitelbaum, dessen jugendlicher Erfindergeist eine ganze Zoohandlung das Leben kostet. All diese Figuren sind "kleine Leute" und in die USA eingewandert, meist mit jüdisch-osteuropäischen Wurzeln.

Paley gelingt es, jeder Figur ihre eigene und unverwechselbare Stimme zu geben. Tragisch oder zumindest wenig glücklich sind dabei häufig deren Lebensumstände, die Schilderungen oft aber auch sehr komisch. Beim Blick auf ihren Liebhaber geht einer Figur, kurz bevor sie mit ihm ihren Ehemann betrügen wird, Folgendes durch den Kopf: "Anna hatte gelesen, dass Kannibalen, die einmal Mensch probiert haben, ihn danach als großes Schwein betrachten, als zartrosa Braten." Und in einer anderen Erzählung heißt es: "Einmal hat mir mein Mann zu Weihnachten einen Besen geschenkt. Das war nicht recht. Keiner kann mir erzählen, er hätte es nett gemeint" und die Diele wird treffend und poetisch beschrieben als "ein (...) Ort für lärmende Kinder und vergessene Schirme."

Aus Alltagsszenen und -situationen dieser Art setzen sich die Storys zusammen und sind doch niemals banal, weder inhaltlich noch stilistisch. Paleys Metaphorik verweist noch auf ihre lyrischen Anfänge, mancher Absatz mutet wie ein Gedicht an. Und wer kann schon einer Geschichte widerstehen, die so vergnügt beginnt: "Zartgrün begrüßte ihn, schmuddelige Knospen an den Nussbäumen. Mit seinem Lunch schlenderte Peter in den Park. Er trat die enttäuschten Eicheln beiseite und schenkte zwei jungen Mädchen ein großes Bewunderungsgrinsen." Es ist das große Verdienst der Übersetzerin Sigrid Ruschmeier, dass diese Sprachkraft in der deutschen Version nicht verlorengeht.

Zur Autorin: Grace Paley wurde 1922 als Tochter russisch-jüdischer EinwandererInnen in New York in eine sozialistische Familie hineingeboren. Die Mutter zweier Kinder war neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit in der Friedens-, Frauen- und Bürgerrechtsbewegung aktiv. Im Zuge dessen reiste sie in Länder wie Vietnam, die Sowjetunion und Nicaragua. Während ihres Studiums besuchte sie einen Kurs bei W. H. Auden, der sie im Schreiben ermutigte. Sie veröffentlichte zahlreiche Shortstorys – in den Bänden "The Little Disturbances of Man", "Enormous Changes at the Last Minute" und "Later the Same Day" – sowie Gedichtbände, und erhielt mehrere bedeutende Auszeichnungen und Preise für ihr Lebenswerk. Grace Paley starb 2007 in Vermont. (Verlagsinformation)

Zur Übersetzerin: Sigrid Ruschmeier, geboren 1945, lebt in Berlin. Studium der Germanistik und Politologie, Verlagstätigkeit, seit 1988 Übersetzerin aus dem Englischen, u. a. von Elizabeth Bowen, Jennifer Egan, Arthur Phillips, Fay Weldon, Barbara Gowdy, Sebastian Haffner, Bill Bryson und Sybille Bedford. (Verlagsinformation)

AVIVA-Tipp: Grace Paley macht Unsichtbares sichtbar, wertet Alltägliches auf. Ihre Geschichten sind, und das findet nicht nur Susan Sontag, lustig, traurig, erfrischend und unbedingt eine Empfehlung wert. Poetische Ausdrucksstärke trifft hier nicht nur auf eine gute Beobachtungsgabe und das Talent zum genauen Hinhören, sondern außerdem auf eine politische – antimilitaristische und feministische – Haltung. Im Interview mit Vermont Woman sagte Paley kurz vor ihrem Tod: "I think young women shouldn´t lose what the women´s movement has gained. Don´t make light of that sisterhood we found. They should keep their loyalty to each other, as women, and not give it away."

Grace Paley
Die kleinen Widrigkeiten des Lebens

Originaltitel: The Little Disturbances of Man (1959)
Aus dem Englischen neu übersetzt von Sigrid Ruschmeier
Schöffling & Co, erschienen am 04.02.2013
256 Seiten, Leinen, Lesebändchen
ISBN: 978-3-89561-235-0
19,95 Euro
www.schoeffling.de

Weitere Informationen finden Sie unter:

Jewish Women`s Archive

We Remember

Eine Story Paleys auf der Seite des New Yorker

Interview Paleys mit The Paris Review

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Literatur Beitrag vom 10.04.2013 Sabine Reichelt 

   




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