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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 20.04.2013

Alice Schwarzer (Hg.) - Es reicht! Gegen Sexismus im Beruf
Julia Lorenz

Die EMMA-Herausgeberin verdichtet Stimmen aus Vergangenheit und Gegenwart des feministischen Protests zu einem Abriss der Geschichte des Alltagssexismus. Ein kollektiver "Aufschrei" war das Ziel...



... des Unterfangens - das Kollektiv blieb dabei auf der Strecke.

Alice Schwarzer scheint vorerst genug vom Dasein als einsame K├Ąmpferin zu haben. Nachdem die "Mutter des Deutschen Feminismus" (Sabine Mohamed ├╝ber Schwarzer) bereits f├╝r die Publikationen "Die gro├če Verschleierung" auf die Unterst├╝tzung von zahlreichen Co-AutorInnen setzte, f├╝hrt sie dieses Prinzip nun fort. Warum sich einem Problem, das Frauen aller Altersgruppen und sozialen Milieus gleicherma├čen betrifft, allein annehmen? Insgesamt f├╝nfzehn AutorInnen schreiben in "Es reicht!" ├╝ber und gegen Diskriminierung, Sexismus und Machotum in Berufsleben und Alltag.

Schwarzer selbst ist dabei mit einem Beitrag zum Fall Dominique Strauss-Kahn vertreten, ansonsten ├╝berl├Ąsst die Publizistin ihren MitstreiterInnen die B├╝hne: Michaela Rosenberger beleuchtet das Sexismus-Problem aus Sicht einer Gewerkschafterin, der finnischst├Ąmmige Journalist Mikael Krogerus zeigt in einem sehr lesenswerten Beitrag Unterschiede zwischen Deutschland und Schweden im Miteinander der Geschlechter auf und Philosophin Petra Gehring seziert pointiert Laura Himmelsreichs "Herrenwitz".

"Bei der sexuellen Bel├Ąstigung geht es nicht um Begehren, sondern um Macht" ist der Leitsatz, unter dem - laut Klappentext - Texte von heute mit Beitr├Ągen aus den 1970er und 1980er Jahren vereint werden sollen. Aufmerksame LeserInnen sollten sich jedoch recht schnell wundern, wo letztere abgeblieben sind: Alle Stimmen zur Ersten Protestwelle stammen aus den 1990er und 2000er Jahren, den Entwicklungen in vorausgegangenen Jahrzehnten kommt die Herausgeberin mit einer klassischen Kurzchronik bei. Auch wenn die versprochene "beklemmende Aktualit├Ąt" gleicherma├čen bei einer zeitnahen Publikation nachdenklich stimmen sollte, w├Ąre ein umfassenderer historischer L├Ąngsschnitt sicherlich interessant(er) gewesen.

Auch ein Dialog der Generationen bleibt aus: Bis auf ein Interview mit Anne Wizorek, Initiatorin der "#aufschrei"-Aktion, finden sich keine Wortmeldungen von BloggerInnen und InternetaktivistInnen, mit deren "Feminismus 2.0" Alice und EMMA bekanntlich ihre liebe Not haben. Ein Vers├Ąumnis? Durchaus: Auch wenn Aktualit├Ąt nicht automatisch ein Kriterium f├╝r G├╝te ist, sollte der Beitrag jener neuen Generation zur heutigen Diskussion nicht unter den Teppich gekehrt werden.

Ebenso wenig scheint die Publikation gesteigerten Wert auf das Problem der Intersektionalit├Ąt zu legen. Ausschllie├člich eine Journalistin mit j├╝dischen Wurzeln ist mit Susan Faludi vertreten, andere von Marginalisierung bedrohte Gruppen bleiben unterrepr├Ąsentiert: People of Colour, Muslima, oder Trans-Frauen, denen noch immer mehr Hass und Gewalt entgegenschl├Ągt als Menschen, die sich in das System der bin├Ąren Geschlechterordnung einf├╝gen, kommen nicht zu Wort. Daf├╝r jedoch Ursula von der Leyen, die sich f├╝r die vielbel├Ąchelte "Political Correctness" ausspricht. W├Ąhrend die konservative Ex-Familienministerin einen informativen Abriss ├╝ber die rechtliche Entwicklung der Sexismus-Problematik liefert, erz├Ąhlt Journalistin Sarah-Marie Deckert ├╝ber ihre Kindheit im Postfeminismus - und entf├╝hrt die LeserInnen in eine wunderliche Gender-Wellness-Traumlandschaft:

"Im Kindergarten konnten Jungs mit Puppen spielen, ohne dass der stolze Vater sich gr├Ąmte, und M├Ądchen mit dem Fu├čball (oder meinetwegen Jungs mit Baukl├Âtzen und M├Ądchen mit Pl├╝schh├Ąschen). In der Grundschule duften M├Ądchen gut in Mathe sein und Jungs gut in Handarbeit (oder Jungs beim Schlagzeugspielen und M├Ądchen im Sch├Ânschreiben). Es wohnte sogar ein Junge in der Stra├če, der Primaballerino wurde. Ein dorfeigener Billy Elliot. Und alle w├╝nschten ihm viel Gl├╝ck auf der Ballettakademie", berichtet Deckert ├╝ber die Zust├Ąnde in der pr├Ą-pubert├Ąren Zeit.
Zur├╝ck bleibt die Frage, ob jener "Billy Elliot" in anderen D├Ârfern ebenso wohlwollend verabschiedet worden w├Ąre - und ob ein Feminismus, der von einer Realit├Ąt ausgeht, in der Geschlechtsunterschiede erst mit dem Eintritt ins Arbeitsleben evident und schmerzhaft werden, tats├Ąchlich eine einen Diskurs begr├╝ndet, in den wir einsteigen wollen.

Doch nicht alle Beitr├Ąge folgen diesem Tenor. Umso ├Ąrgerlicher, dass Alice Schwarzers Vorwort einige junge InteressentInnen noch vor Beginn der eigentlichen Lekt├╝re vor den Kopf sto├čen k├Ânnte. So erinnert sie sich an die Situation, die sie zur Arbeit an ihrer j├╝ngsten Ver├Âffentlichung inspirierte: "Wir (Schwarzer und die G├ĄstInnen einer Talkrunde im Zuge der Br├╝derle-Debatte, Anm. d. Red.) standen nach der Talkshow noch auf ein Glas Wein zusammen. Und ich machte die j├╝ngeren Frauen in der Runde darauf aufmerksam, dass es so eine Protestwelle wie nach dem Br├╝derle-Eklat gegen sexuelle Bel├Ąstigung im Beruf schon einmal gegeben habe: in den1970er/1980er Jahren Ob sie sich dar├╝ber nicht einmal informieren wollten, um darauf aufbauen zu k├Ânnen?", erkundigte sich die Publizistin bei ihren Gespr├Ąchspartnerinnen. Selbstverst├Ąndlich wurde ihr Ratschlag begeistert aufgenommen, wie Schwarzer berichtet: "`Klar┬┤, strahlte da die eine. ┬┤Das k├Ânnen wir bestimmt gut gebrauchen. Kannst du uns da nicht mal was zusammenstellen, Alice?┬┤", soll die Antwort gewesen sein.
H├Ątte nicht Kristina Schr├Âder durch den Titel "Danke, emanzipiert sind wir selber" ihres antifeministischen Buchs diesen Satz mit einer durch und durch negativen Konnotation versehen, w├╝rde frau an dieser Stelle gern dasselbe entgegnen.

AVIVA-Fazit: Deutschland hat eine neue Sexismus-Debatte, die sich nach nunmehr drei Monaten bereits zu ersch├Âpfen droht: Bei Sandra Maischberger res├╝mierten die Talk-G├ĄstInnen die Problematik j├╝ngst in einer Sendung zum Thema "Die Sexismus-Debatte: Was hat sie gebracht?". Der Wille zur Aktualit├Ąt ist Alice Schwarzers Publikation zwar hoch anzurechnen, jedoch liefert "Es reicht! " aufgrund der beschr├Ąnkten Perspektive wenige sonderlich neue Erkenntnisse. Obwohl das Werk so manch aufschlussreichen und beachtlichen Beitrag bereith├Ąlt, d├╝rften sich gender-and-diversity-sensible LeserInnen unter anderem ├╝ber despektierliche Begriffe wie "Putzfrau" ├Ąrgern oder die ethnische Homogenit├Ąt der AutorInnen kritisieren.

Zur Herausgeberin: Alice Schwarzer, geboren 1942 in Wuppertal, ist Herausgeberin der EMMA, Publizistin und Buchautorin. Seit den Anf├Ąngen der neuen Frauenbewegung ist sie aktiv dabei und 1975 ver├Âffentlichte Schwarzer mit "Der kleine Unterschied und seine gro├čen Folgen", den ersten feministischen Bestseller in Deutschland (├╝bersetzt in 12 Sprachen). 2005 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.
Weitere Infos zur Herausgeberin unter: www.aliceschwarzer.de und www.emma.de

Alice Schwarzer (Hg.)
Es reicht! Gegen Sexismus im Beruf

KiWi Paperback, K├Âln, erschienen im April 2013
176 Seiten, Paperback
8,99 Euro
ISBN 978-3462045888
Weitere Infos unter:
www.kiwi-verlag.de

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Na endlich - die Sexismus-Debatte

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Literatur Beitrag vom 20.04.2013 AVIVA-Redaktion 

   




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