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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 22.04.2013

Marina Lewycka - Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere
Dana Strohscheer

Kaninchen, Hamster und Schildkröten bevölkern diesen Roman - als putzige Wesen halten sie Einzug in das Leben von Kindern, innig geliebt und doch manchmal einem tragischen Schicksal ausgeliefert.



Denn die possierlichen Tierchen spielen in den Erinnerungen der inzwischen den Kinderschuhen entwachsenen ProtagonistInnen eine wichtige Rolle.Sie schmuggeln sich immer wieder in Form von Alpträumen in deren Bewusstsein. So möchte Clara, nunmehr erwachsen und als Grundschullehrerin tätig, ihren SchülerInnen lieber nicht erklären, warum es keine gute Idee ist, den gemeinschaftlichen Klassenhamster über das Wochenende in ihrer Obhut zu lassen - höchstwahrscheinlich wird er es nicht überleben. Ebenso hat ihr "kleiner" Bruder Serge, 28 Jahre, ein traumatisches Ereignis mit fluffig weißen Kaninchen zu verarbeiten, das mit einem Gemetzel und in einem Blutbad endete, als er gerade einmal zehn Jahre alt war.


Dies alles bildet jedoch eher eine Rahmenhandlung im neuen Roman der britischen Erfolgsautorin Marina Lewycka. Denn eigentlich geht es um ganz andere, hoch komplexe und spannende Dinge: Die weltweite Finanzkrise ab dem Jahr 2008, den berechnenden Umgang der Londoner Bankenwelt damit und die Auswirkungen auf die "kleinen Leute". Ganz nebenbei nutzt die Künstlerin ihren Roman als Abrechnung zwischen den gesellschaftlichen Idealen, die vor vierzig Jahren gegolten haben, und dem monetären Zynismus unserer Zeit.

So meint Serge´s Freund Otto während einer Unterhaltung mit ihm über die Elterngeneration: "Aber weißt du was, Bruder? Ich beneide den ganzen Haufen irgendwie - die hatten etwas, woran sie geglaubt haben" - "Ich weiß. Werte und sowas. Kommt einem heute total retro vor! Sie lachen über die Rückständigkeit ihrer Eltern".

Mit großer Melancholie, schwarzem Humor und einer gewissen Abgeklärtheit entwirft Lewycka das Bild einer Gesellschaft, die sich nicht zu genügen scheint, die so divergent ist, dass die verschiedensten Lebensentwürfe zwar bestehen können, aber trotzdem niemand so recht zufrieden ist. Denn die Suche nach Liebe eint die verschiedenen Generationen, und jedeR versucht, auf ihre/ seine Weise damit umzugehen.

Ob nun Doro, die kommunenerprobte Mutter von Clara und Serge, noch einmal die freie Liebe praktizieren möchte oder Serge selbst trotz großer Ambivalenz in moralischen Fragen hoffnungslos in seine Kollegin Maroushka verliebt ist, die ihn jedoch eiskalt abblitzen lässt - sie alle wollen immer ein klein wenig mehr als das, was sie haben.

So handelt dieses unterhaltsame Buch einerseits von den skurrilen, herrlich den englischen Humor zitierenden Sinnkrisen der ProtagonistInnen, andererseits nimmt Lewycka die LeserInnen mit auf eine Reise durch Gesellschaftsansprüche und Erziehungsmethoden der letzten vierzig Jahre, ohne sich zur Richterin über einen Gesellschaftsentwurf aufzuschwingen:

"Clara war das erste Baby in der Kommune, an ihr haben alle ihre Elternkompetenzen ausprobiert, vielleicht ist sie deswegen so dickköpfig geworden. (…) Schließlich war sie nicht einfach ein Kind, sie war der Prototyp eines neuen Menschengeschlechts - die Fackelträgerin der nicht-bürgerlichen, nicht-privaten, nicht-nuklearen, nicht-monogamen, rivalitätsfreien, gewaltfreien Gesellschaft, die zu schaffen sie ausgezogen sind. Armes Kind."

Gleichzeitig schildert die Autorin mit einer ganz eigenen Nonchalance komplizierte Trading-Vorgänge an der Börse so, als habe sie ihr Leben lang nichts anderes getan, als mit Wertpapieren zu handeln. Auch wenn es etwas stereotyp wirkt, wie der Zynismus der Businesspeople ausgestellt wird, kommt mensch nicht umhin, den geschickten Umgang Lewyckas mit den Fachbegriffen der Finanzwelt zu bewundern und ihre Fähigkeit, mit diesen eine ganz eigene Sprachmelodie zu entwickeln.

Daher ist es mehr als schade, wenn sich Interessierte die Inhaltsangabe des Verlags durchlesen, denn diese weist eindeutig in Richtung "seichte Unterhaltung", was dem Buch allerdings nicht gerecht wird. Vielleicht bestand seitens des Verlages die Angst, dass allein schon der lange Titel potentielle LeserInnen abschrecken könnte (mensch kann sich förmlich vorstellen, wie die Autorin in Zeiten markiger Slogans um ihren Buchtitel kämpfen musste). Doch das Herunterbrechen dieses Buches auf eine simple Handlung - Serge als Finanzjongleur muss seinen Hippie-Eltern beichten, dass er Geld verdient – streift die eigentlich verborgene Geschichte dahinter nur am Rande. Schade!

AVIVA-Tipp: Ein Buch über Hippie-Eltern und Normalo-Kinder, über Konsum, Finanzkrise und über die Sehnsucht nach dem Besonderen im Leben. Mit warmer Sprache und großer Detailkenntnis lädt auch die neue Erzählung der englischen Bestsellerautorin zu einer unterhaltsamen und gleichzeitig ernsthaften Gesellschaftsanalyse in der heutigen Zeit ein. Wunderbar zu lesen!

Zur Autorin: Marina Lewycka wurde 1946 in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren. Ihre Eltern emigrierten nach Großbritannien, als sie etwa ein Jahr alt war. Dort zog sie mehrmals um, 1964 begann sie ihr Studium der englischen, russischen und französischen Sprache an der Keele University in Staffordshire. Als Teil der StudentInnenbewegung der 1970er Jahre lebte sie eine Zeitlang in einem besetzten Haus. Später heiratete sie, brachte eine Tochter zur Welt und unterrichtete an der Sheffield Hallam University/Yorkshire, wo sie heute noch lebt und arbeitet. Nebenher schrieb Lewycka Erzählungen und Prosatexte, allerdings ohne Erfolg. Erst im Jahr 2005 veröffentlichte Viking Press ihren Roman "A short history of Tractors in Ukrainian" (Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch). Sie gewann mehrere Preise mit ihrem Debut, wie den Bollinger Everyman Wodehouse Prize. Zudem wurde der Roman 2005 für den Man Booker Prize nominiert und ist inzwischen in 35 Sprachen übersetzt. Im Jahr 2007 folgte "Two Caravans ("Caravan"), der es auf die Shortlist des Orwell Prize für politisches Schreiben schaffte. 2009 erschien "We are all made of Glue" ("Das Leben kleben") und 2012 "Varous Pets Alive and Dead".
Zudem engagiert Lewycka sich für Oxfam. 2009 steuerte sie zu der von der Organisation veröffentlichten "Earth-Collection" eine Kurzgeschichte bei. Neben ihrer literarischen Arbeit veröffentlichte Lewycka einige Ratgeber zur Pflege von Angehörigen. Zu ihrem späten literarischen Ruhm schreibt sie: "I`ve been a `successful´ writer for almost five years now, but I never forget that I was an unsuccessful writer for more than fifty. It helps to keep things in perspective." (Quelle: Verlagsinformationen, Homepage der Autorin)
Weitere Infos unter:
marinalewycka.com und lewycka.de

Zur Übersetzerin: Sophie Zeitz, Jahrgang 1972 und in Frankfurt/ Main geboren, studierte Amerikanistik, Romanistik und Philosophie in Heidelberg, Granada und München. Von 1998 bis 2001 arbeitete sie als Lektorin bei dtv in München. im Jahr 2001 wagte sie den Schritt in die Selbständigkeit als Literaturübersetzerin und zog nach Berlin. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter. Von Marina Lewycka hat sie bereits "Das Leben kleben" ins Deutsche übersetzt. (Quelle: Verlagsinformationen)
Weitere Infos unter:
sophiezeitz.de

Marina Lewycka
Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere. Roman

Originaltitel: Various Pets, Alive and Dead
Aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz
Deutscher Taschenbuch Verlag, erschienen 01. Februar 2013
Gebunden, 464 Seiten mit Lesebändchen
ISBN: 978-3423280068
19,90 Euro
dtv.de






Literatur Beitrag vom 22.04.2013 Dana Strohscheer 

   




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