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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 23.05.2013

Alles hat seine Zeit. Rituale gegen das Vergessen. Herausgegeben von Felicitas Heimann-Jelinek und Bernhard Purin
Madeleine Jeschke

Der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, die vom 18. Oktober 2013 bis 9. Februar 2014 im J├╝dischen Museum Berlin zu sehen war, befasst sich mit Form und Herkunft j├╝discher ├ťbergangsriten und...



... Passagen, sowie mit deren individuellen und kollektiven Bedeutung gegen das Vergessen.

Dem gegen├╝ber stehen die Fotografien der New Yorker K├╝nstlerin Quintan Ana Wikswo, die aus ihrer pers├Ânlichen Perspektive tabuisierte Geschichte darstellt und neue Strategien der Erinnerung aufzeigt.

"Alles hat seine Stunde. F├╝r jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: / eine Zeit zum Geb├Ąren / eine Zeit zum Sterben, / eine Zeit zum Pflanzen / eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, / eine Zeit zum T├Âten / und eine Zeit zum Heilen,/ eine Zeit zum Niederrei├čen / und eine Zeit zum Bauen, [...]" hei├čt es im Tenach, Kohelet 3,1-8, der laut Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek den Impuls zur Ausstellung gab und an den sich der erste Teil des Titels "Alles hat seine Zeit" anlehnt. Heimann-Jelinek interpretiert diese Zeilen wie auch der britischen Rabbiner Jonathan Magonet als "ein Ringen mit der Zeit, um einen Sinn aus ┬┤endlosen Kreisl├Ąufen und Wiederholungen┬┤ ziehen zu k├Ânnen".

"Rituale helfen, den Wiederholungen einen Sinn zu geben."

Sie halten den Moment des ├ťbergangs von einer Zeit in die n├Ąchste fest und wirken dem Vergessen entgegen. Teil der Erinnerung sind Kult- oder Gebrauchsgegenst├Ąnde, die Rituale seit Tausenden von Jahren begleiten. Das Konzept der Ausstellung war es, diese der jeweils pr├Ągenden Zeit thematisch zuzuordnen und sie unter dem Titel "Erinnerung an" einzuf├╝hren. Die rund sechzig dargestellten Exponate aus ├Âffentlichen und privaten Sammlungen entstammen haupts├Ąchlich dem s├╝ddeutschen Raum aus der Zeit zwischen dem18. bis 20. Jahrhundert. Insgesamt gibt es f├╝nfzehn Themenbereiche, welche sich kapitelweise auch im Katalog wiederfinden und im Begleittext erl├Ąutert werden. So wird im Kapitel "Erinnerung an das Leben" eine Beschneidungsbank aus dem 19. Jahrhundert oder ein Kiddusch Becher von ca. 1790, als "Erinnerung an die Liebe" gezeigt. Es finden aber auch Objekte aus dem 21. Jahrhundert Eingang in die Ausstellung, wie ein Kidduschband aus dem Jahr 2012 als "Erinnerung an die Endlichkeit".

Neben individuellen ├ťbergangsriten werden auch kollektiv ritualisierte Passagen im religi├Âsen wie im s├Ąkularen Bereich pr├Ąsentiert. Zyklische Feiertage wie Pessach, Chanukka oder Sukkot erinnern an Begebenheiten, die schicksalhaft f├╝r die Gemeinschaft waren. Die dazu geh├Ârigen, in der j├╝dischen Liturgie verwendeten Objekte, wie die Pessach Haggada, ein Chanukka Leuchter oder eine Sukka werden in den Kapiteln: "Erinnerung an die Befreiung", "Erinnerung an den Sieg" und "Erinnerung an die Wanderung" behandelt.

In den Bereich kollektive s├Ąkulare Rituale f├Ąllt "Erinnerung an das Vaterland", ein Thema, das nach Aussage der Kuratorin Eingang in diese Ausstellung finden musste, da es direkt mit der Geschichte der Juden und J├╝dinnen in Deutschland und die des Antisemitismus gekn├╝pft ist. Hier wird eine Vielzahl von Objekten gezeigt, die die Verbundenheit der j├╝dischen Gemeinschaft mit ihrer Heimat verbildlichen und somit auf ihre nationale Identit├Ąt verweisen. Daf├╝r steht unter anderem eine Urkunde von 1871 ├╝ber eine Verleihung des "Verdienstkreuzes f├╝r Frauen und Jungfrauen", denn w├Ąhrend des Krieges schlossen sich viele j├╝dische Frauen den von Kaiserin Augusta 1866 ins Leben gerufenen Vaterl├Ąndischen Frauenvereinen an.

Bernhard Purin, Direktor des J├╝dischen Museums M├╝nchen, zufolge, ist eine neue ritualisierte Form der Erinnerung die an den Nationalsozialismus und an die Shoah, in der jedoch ebenfalls Strategien des Vergessens zu beobachten sind. Besonders die Opfergruppe der sexuell ausgebeuteten Frauen in den Konzentrationslagern in diesen ├Âffentlichen Erinnerungsritualen wurden lange Zeit ausgeblendet. Die transdisziplin├Ąr arbeitende New Yorker K├╝nstlerin Quintan Ana Wikswo schaffte sich, als Frau der dritten Generation Holocaust├╝berlebender, eine eigene Strategie gegen das Vergessen. In vierzehn gro├čformatigen Arbeiten erfasst sie fotografisch und literarisch zugleich das Nicht-Dokumentierte des sogenannten "Sonderbaus" in Dachau und thematisiert so Zwangsprostitution in den KZ-Bordellen. Sie nahm die Fotos mit einer Filmkamera auf, die Frauen, die nicht f├╝r das Vergewaltigungsbordell ausgesucht wurden, im Agfa-Au├čenlager als Zwangsarbeiterinnen herstellten. Die poetischen Texte, die ihre Bilder begleiten, sind Zitate aus Interviews, die Wikswo mit ├╝berlebenden Frauen des KZs gef├╝hrt hat, an die heute nichts mehr auf dem Gel├Ąnde erinnert. Dabei wollte sie keine Fotografien des Grauens oder des Voyeurismus kreieren, sondern Bilder "die dazu einladen einen anderen, eher nach innen gerichteten Ort der Reflexion und Meditation zu betreten."

AVIVA-Tipp: Die Ausstellung und der gleichnamige Bildband "Alles hat seine Zeit. Rituale gegen das Vergessen" zeigt nicht nur Bedeutung von Erinnerungskultur f├╝r eine Gesellschaft, sie wirft auch Fragen auf. Wer entscheidet, was erinnerungsw├╝rdig ist? Besonders die K├╝nstlerin Quintan Ana Wikswo nahm sich eindrucksvoll dem Tabu des Erinnerns an genderspezifische Verbrechen w├Ąhrend des Holocaust an, indem sie einen Weg fand, das Ausgel├Âschte wieder in das kollektive Ged├Ąchtnis zu r├╝cken.

Zur Herausgeberin und Autorin: Felicitas Heimann-Jelinek, Kuratorin der Ausstellung: "Alles hat seine Zeit. Rituale gegen das Vergessen." Sie studierte Judaistik und Kunstgeschichte in Wien und Jerusalem Chef-Kuratorin am J├╝dischen Museum der Stadt Wien (1993-2011). Heute arbeitet sie als freiberufliche Kuratorin und lehrt j├╝dische Kunstgeschichte.

Zum Herausgeber: Bernhard Purin studierte Empirische Kulturwissenschaft und Neuere Geschichte in T├╝bingen. 1996-2003 leitete er das J├╝dische Museum Franken in F├╝rth. Seit 2003 ist er Direktor des J├╝dischen Museums M├╝nchen.

Zur K├╝nstlerin: Quintan Ana Wikswo ist eine transdisziplin├Ąr, genre├╝berschreitend arbeitende K├╝nstlerin an den Schnittstellen visueller Kunst, Literatur, Film und Performance. K├╝nstlerisch wie intellektuell befasst sie sich mit Gender, Sexualit├Ąt, Macht und Kontrolle. Ihre pr├Ąmierten Projekte wurden bereits in renommierten Institutionen und Museen in den USA und Europa ausgestellt. 2013 hat Wikswo noch zwei weitere Solo Ausstellungen: Museum of Modern Art Ceret, Frankreich (01-30.August 2013) und im J├╝dischen Museum Berlin (1. Oktober 2013-15. Januar 2014).
Mehr Infos unter: www.quintanwikswo.com

Wegen des gro├čen Erfolgs im J├╝dischen Museum M├╝nchen, wo die Ausstellung vom 27.02.2013-01.09.2013 zu sehen war, kam sie ab Herbst auch nach Berlin.

Informationen zur Ausstellung (18. Oktober 2013 bis 9. Februar 2014) im J├╝dischen Museum Berlin finden Sie unter

www.jmberlin.de

Alles hat seine Zeit. Rituale gegen das Vergessen
Felicitas Heimann-Jelinek Bernhard Purin, [HG./ EDS]

Kehrer Verlag, erschienen 2013
Festeinband, 188 Seiten, 78 Farbabbildungen
Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-86828-399-0
36,00 Euro



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Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern

Robert Sommer - Das KZ-Bordell - Sexuelle Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern


(Quellen: Kehrer Verlag, Homepage von Quintan Ana Wikswo)


Literatur Beitrag vom 23.05.2013 AVIVA-Redaktion 

   




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