Die AVIVA-Werkschau: 100 Jahre Meret Oppenheim - Zeit für einen Perspektivenwechsel. Retrospektive verlängert. Noch bis zum 6. Januar 2014 im Martin Gropius Bau - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 17.06.2013

Die AVIVA-Werkschau: 100 Jahre Meret Oppenheim - Zeit für einen Perspektivenwechsel. Retrospektive verlängert. Noch bis zum 6. Januar 2014 im Martin Gropius Bau
Veronika Siegl

Malereien, Zeichnungen, Collagen, Skulpturen, Objekte, Modeentwürfe, Gedichte, Traumaufzeichnungen – das Gesamtwerk der deutsch-schweizerischen Künstlerin ist nicht nur sehr umfangreich, sondern...



... auch sehr vielfältig. Und doch scheint dieses Werk bis heute – wie auch die starke und außergewöhnliche Persönlichkeit Oppenheims – hinter ihrer zum Symbol der surrealistischen Kunst stilisierten "Pelztasse" (eine Tasse überzogen mit dem Fell einer chinesischen Gazelle) zu verschwinden. Alle kannten das Objekt, kaum aber eine_r den Namen seiner Schöpferin.

1913 in Berlin geboren, wuchs Meret Oppenheim auf beiden Seiten der deutsch-schweizerischen Grenze auf. Durch ihre Großmutter Lisa Wenger-Rutz – Autorin, Malerin und Frauenrechtlerin – kam sie früh mit der Kunst in Berührung und folgte mit 18 Jahren dem Ruf in das damalige künstlerische Zentrum Paris. Sie war schnell in den Kreis der Surrealist_innen um André Breton, Dora Maar, Alberto Giacometti, Max Ernst und Leonor Fini aufgenommen. Ein Kreis, der sie inspirierte, aber auch einschränkte, denn Oppenheim wollte weder kategorisiert werden noch sich einer künstlerischen Bewegung verschreiben. Zeitlebens litt sie daher unter der ihr zugewiesenen Rolle als "Muse" und "femme-enfant" des französischen Surrealismus – ein Bild, das unter anderem durch die Erotisierung ihrer "Pelztasse" (Breton verlieh dem Objekt den Namen "Frühstück im Pelz") als auch durch die von Man Ray geschossenen Aktfotos genährt wurde. "Ich verabscheue Etiketten", schrieb sie noch kurz vor ihrem Tod im Jahr 1985, nachdem diese Etiketten lange Zeit den Blick auf den Rest ihres Schaffens verstellt und sie Ende der 1930er in eine lange Schaffenskrise stürzten. Diese verschärfte sich durch ihre prekäre Lebenssituation, da ihr als "halb-jüdisch" klassifizierter Vater seinen Beruf als Arzt nicht mehr ausüben und sie daher nicht mehr finanziell unterstützen konnte.

"Oppenheim hatte es extrem schwer, ernstgenommen zu werden", schreibt die Kunsthistorikerin Kathleen Bühler 2013. Und weiter: "Man warf ihr Richtungslosigkeit vor. Oppenheim ist die Künstlerin der tausend Sprachen und hunderttausend Dialekte, die Künstlerin, die sich kaum je wiederholte. Die jedem ihrer Kunstwerke absolute Autonomie zugestand, sodass diese nicht von einer Hand gefertigt scheinen, sondern jedes wieder von einer anderen." Erst in den 1960er und 70er Jahren erfuhren diese Aspekte in Meret Oppenheims Werk eine Würdigung und sie wurde als Künstlerin (wieder-)entdeckt.

In Anbetracht der Erfahrungen von Vereinnahmung in der Pariser Kunstszene, verwundert es nicht, dass sich Oppenheim auch gegen eine Aneignung ihrer Kunst und ihrer Person durch den Feminismus zur Wehr setzte. In einem Briefinterview mit der österreichischen Aktionskünstlerin VALIE EXPORT (1975) schreibt sie, dass Kunst keine Geschlechtsmerkmale habe und weigert sich, ihre Werke als "Frauenkunst" zu betiteln. Stattdessen entwickelt und lebte sie ein Konzept der "androgynen Kreativität", mit dem sie sich an die Überlegungen des Psychiaters C. G. Jungs anlehnte. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – stellte sie ab den 1970ern eine wichtige Figur innerhalb feministischer Bewegungen dar.

Am 6. Oktober 2013 wäre Meret Oppenheim 100 Jahre alt geworden. Das Jubiläum bietet den Anlass, einen Blick in Publikationen von und über die Künstlerin zu werfen, die den Blick von der "Pelztasse" abwenden und die Diversität in Oppenheims Werken aufzeigen.




Meret Oppenheim – Retrospektive

Der Bild- und Textband zur Jubiläumsausstellung in Wien und Berlin ist wohl eins der umfassendsten Publikationen über die Künstlerin. Nicht nur werden ihre zahlreichen Ausdrucksformen gewürdigt, sondern auch die unterschiedlichen Themen ihrer Werke. Neben Abbildungen ihrer Werke und Skizzen finden sich hier unter anderem Fotografien (die für die damalige Zeit skandalösen Aktfotos von Man Ray, aber auch private Aufnahmen), Oppenheims Rede anlässlich der Übergabe des Kunstpreises der Stadt Basel 1974 (der das berühmte Zitat entnommen ist: "Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen.") sowie der Leitfaden zum Interview, das VALIE EXPORT mit ihr 1975 führte.

Den Band durchziehen auch eine Vielzahl von Essays, beispielsweise über Oppenheims ambivalentes Verhältnis zum Thema Geschlecht, über ihre Selbstdarstellungen, die Bedeutung des Fetisch-Objekts und der Darstellung der Natur in ihrem Werk sowie der "Sprachmentalität" in Bezug auf ihre Gedichte und Traumaufzeichnungen. Die Texte liefern nicht nur erklärende und analytische Anregungen, sondern versuchen auch der Persönlichkeit der exzentrischen Künstlerin nachzuspüren.

Eine weitere textuelle Ebene ergibt sich durch Oppenheims Gedichte, die den Abbildungen gegenüber gestellt werden. "Von Beeren nährt man sich, Mit dem Schuh verehrt man sich, Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich", lauten die Zeilen eines ihrer Gedichte (1934), die auch namensgebend für ein Bild waren, das sie Max Ernst widmete.

AVIVA-Tipp: So abwechslungsreich wie Oppenheims Arbeiten ist auch diese Publikation, die weit über einen Ausstellungskatalog hinausgeht und Beiträge von Künstler_innen, Kunsthistoriker_innen, Familienangehörigen und Wegbegleiter_innen vereint. Der Band wird seinem Wunsch gerecht wird, das Leben und Werk der Künstlerin in seiner Vielfalt darzustellen.




Kunst zum Hören: Meret Oppenheim

Begleitend zur Publikation "Retrospektive", ist im Hatje Cantz Verlag ein Bildband mit inkludiertem "Audioguide" erschienen, der durch wichtige Arbeiten der Künstlerin führt und fast nebenbei zentrale Charakteristika ihres Schaffens aufzeigt.

Vorgestellt wird hier unter anderem die Skulptur "Der grüne Zuschauer oder Einer, der zusieht, wie ein anderer stirbt". Einen grün gemaserten Körper hat dieser Zuschauer, auf seinem kupfernen Gesicht zwei Spiralen. Die Künstlerin thematisiert mit dem Werk das Verhältnis von Menschen und Umwelt – ein ihr sehr wichtiges Thema. Ihr zufolge steht das Werk für "die Natur, welche den Tod und das Leben mit Gleichgültigkeit betrachtet". Die Entwicklung der Skulptur ist charakteristisch für Oppenheims Weiterführung von Ideen über mehrere Jahre oder Jahrzehnte. So hatte sie bereits in ihrer Pariser Zeit Entwürfe für die Skulptur gezeichnet, jedoch erst an der Kunstgewerbeschule Basel in den späten 1930er Jahren die entsprechenden Techniken zur Umsetzung erlernt.

Ein weiteres abgebildetes Objekt ist "Das Paar", zwei braune an der Spitze zusammengewachsene Schnürstiefel, die Oppenheim u.a. für die Inszenierung von Picassos Theaterstück "Wie man Wünsche am Schwanz packt" entworfen hatte. Die Künstlerin bezeichnet sie als ein "seltsames eingeschlechtliches Paar – zwei Schuhe, die unbeobachtet in der Nacht Verbotenes treiben". Die Kunsthistorikerin Andrea Zsutty sieht in dieser Erklärung eine Anspielung auf Oppenheims eigenes sexuelles Begehren.

AVIVA-Tipp: Lange Bildunterschriften und -erklärungen können schnell abschrecken und ermüden. Der Ansatz der Reihe "Kunst zum Hören" bietet da eine angenehme Abwechslung und spannt mit seiner reduzierten Auswahl dennoch einen weiten Bogen über Oppenheims Werke.




Isabel Schulz
Meret Oppenheim. Über den Bäumen


Dieser 32-seitige Katalog des Sprengel Museums in Hannover – in dem bis Anfang Mai 2013 die gleichnamige Ausstellung zu sehen war – erwähnt zwar die berühmte "Pelztasse", versteift sich aber nicht auf das vermeintliche Hauptwerk. Thematisch konzentriert sich der Band auf die Bedeutung der Natur und des Unbewussten in Oppenheims Arbeiten. Der Fokus liegt dabei auf ihren abstrakten Zeichnungen, wie beispielsweise der "Blume auf Hügel" (1964) – ein Rechteck, aus dem ein Kreis aus schattierten Sichelformen erwächst. Isabel Schulz, die Leiterin des Museums, schreibt über das Bild: "Bewegungen des Wachstums oder der Elemente Luft und Wasser werden bei Oppenheim zu abstrakten Formen verdichtet und in a-perspektivische, oft symmetrisch angelegte Kompositionen gesetzt."
Laut Schulz stellte die Zeichnung für Meret Oppenheim ein besonders wichtiges Ausdrucksmittel dar, weil sie durch ihren "experimentellen oder auch beiläufigen Charakter freier ist für Intuition und Wandelbarkeit".

Der Band inkludiert eine auch kleine Zeichnung, die Carl Fredrik Reuterswärd von Oppenheim anfertigte. Mit dem Ausstellungskurator und Künstler verband sie eine lange Freundschaft. Er war ebenfalls mit jungen Jahren nach Paris gegangen und bewunderte schon damals Meret Oppenheim für ihre rebellische Art – wie ein Punk sei sie gewesen, schrieb er in seinen Memoiren. 1967 organisierte Reuterswärd die erste Retrospektive ihres Werkes im Moderna Museet in Stockholm.

AVIVA-Tipp: Der Katalog will keine Übersicht über Oppenheims Leben und Werk darstellen, sondern greift spezifische Aspekte – wie die Papierarbeiten – heraus, die von poetischer und bildlicher Erläuterungen umrahmt und von Schwarzweiß-Fotografien der Künstlerin ergänzt werden.




Christiane Meyer-Thoss und Meret Oppenheim
Buch der Ideen. Frühe Zeichnungen, Skizzen und Entwürfe für Mode, Schmuck und Design


Wie eine Erzählung liest sich dieses Buch, das Oppenheims "spontan skizzierte Ideen" und "das Improvisierte, Modellhafte und Marginale" in ihren Arbeiten einfangen möchte. Es sind vor allem diese "Ideen" – mehr noch als ihre realisierten Werke –, die den Humor und die Phantasie der Künstlerin vermitteln. So der "Entwurf für Ohrschmuck" (1942)" – ein in der Ohrmuschel eingebettetes goldenes Vogelnest mit türkisem Emaille-Ei – oder die mit wenigen Bleistiftstrichen umrissene Skizze zu "Chapeau pour trois personnes" (Hut für drei Personen). Die Autorin und Herausgeberin Meyer-Thoss beschreibt in ihren Erläuterungen die Hintergründe der Skizzen und Entwürfe, setzt sie in Kontext mit dem Gesamtwerk und der Biografie Oppenheims, führt eine Vielzahl von Quellen zusammen und bringt auch ihre persönlichen Ansichten ein.

Neben diesen Entwürfen finden sich in dem Buch auch mehrere Ideen für die Renovierung und Einrichtung des Familienhauses Casa Costanza in Carona (Tessin, italienische Schweiz) sowie Fotografien ihrer dort aufgestellten Möbelstücke, unter anderem der berühmte "Tisch mit Vogelfüßen". In Carona verbrachte die Künstlerin während ihrer Kindheit viele Sommer, auch befindet sich hier das Familiengrab, wo Meret Oppenheim beigesetzt wurde.

Den Band rundet ein Gespräch ab, in dem Meret Oppenheim mit dem Journalisten und Kunstkritiker Robert Schmitz über ihr Werk und die große Wanderausstellung in den 1980ern spricht.

AVIVA-Tipp: Mit dieser Publikation kamen Mitte der 1990er Jahre viele Skizzen und Entwürfe Oppenheims zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Als enge Freundin der Künstlerin gelingt Meyer-Thoss eine sehr plastische und erzählerische Darstellung von Oppenheims Ideen, Leben, Persönlichkeit und Arbeit. Ein einzigartiges Buch.

Zur Autorin und Herausgeberin: Christiane Meyer-Thoss, geboren 1965, ist Kunsthistorikerin und Verlagslektorin. Sie hat mehrere Publikationen über Meret Oppenheim herausgegeben sowie das Buch "Konstruktionen für den freien Fall" (1992) über die Künstlerin Louise Bourgeois verfasst.




Meret Oppenheim: "Warum ich meine Schuhe liebe"

Auch dieses kleine, kunstvoll gestaltete Buch präsentiert frühe Schmuck- und Modeentwürfe sowie Gedichte der Künstlerin. Unter anderem werden hier Skizzen für Oppenheims Pelz-Accessoires (Ringe, Handschuhe, Sandalen) und ihre "Papierkleid-Kollektionen" abgebildet, die in Zusammenarbeit mit einer Papierfabrik in Düsseldorf entstanden. In ihren Notizen schreibt Oppenheim, sie müsse allein aus Kostengründen die "extremsten Modelle" aus Papier machen, zur einmaligen Verwendung, denn ein "auffälliges Kleid kann man eigentlich nur einmal tragen". Ein Foto bildet Oppenheim posierend mit einem dieser Kleider ab, auf der Nase die ebenfalls selbst entworfene "Sonnenschutz-(Halb-)Brille", die lediglich beim Blick nach oben Schutz zu gewähren scheint.

Das Buch versammelt auch Briefe der Künstlerin ("Itscheli") an ihre Mutter Eva Oppenheim-Wenger ("Mipsli"), in denen sie über ihr prekäres Leben und Arbeiten in Paris zwischen 1932 und 1936 schreibt. So verkaufte sie zwar einige Entwürfe und Realisationen an die Modedesignerin Elsa Schiaparelli sowie das Modehaus Rochas, von der Kunst allein konnte sie damals aber nicht leben. Dennoch schreibt Oppenheim über Paris in einem Brief vom März 1933: "Aber ich weiss jetzt, warum es nicht unnötig ist hier zu sein. Denn wenn ich auch nicht einen speziellen Lehrer habe, so habe ich doch viele, dadurch, dass ich hier viel sehe u. höre."

AVIVA-Tipp: Das Buch umfasst eine Auswahl der im "Buch der Ideen" darstellten Skizzen und gewährt einen kleinen, aber feinen Einblick in die Modeentwürfe Oppenheims. Was das Buch besonders macht, ist die Verbindung der Skizzen mit Gedichten – die im umfangreichen Gesamtwerk meist untergehen – und den Briefen aus Oppenheims früher Pariser Zeit.

Zur Herausgeberin: Christiane Meyer-Thoss, geboren 1965, ist Kunsthistorikerin und Verlagslektorin. Sie hat mehrere Publikationen über Meret Oppenheim herausgegeben sowie das Buch "Konstruktionen für den freien Fall" (1992) über die Künstlerin Louise Bourgeois verfasst.




Meret Oppenheim. Eine Portrait-Collage

Es sind Textfragmente aus Gesprächen, die in dieser Zusammenstellung eine große Bandbreite an Themen zur Diskussion stellen – angefangen von Oppenheims Rolle im Surrealismus, über den Einfluss von C. G. Jung, ihre diversen Liebschaften, die Bedeutung von Träumen, die Symbolik ihrer Werke und die Schaffenskrise bis hin zu ihrer Positionierung in Bezug auf feministische Strömungen.
Das Buch basiert auf den Erzählungen von zehn Menschen, die Meret Oppenheim nahestanden und eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielten. So unter anderem der Bruder Burkhard Wenger-Riesser, die Biografin Bice Curiger, der Künstler-Kollege Daniel Spoerri und der Galerist Thomas Levy.

In der "Collage" werden Aspekte thematisiert, denen andernorts nicht viel Aufmerksamkeit gezollt wird. Beispielsweise erwähnt die Kunsthistorikerin Christiane Meyer-Thoss, dass Oppenheim versucht hatte, sie zu verführen und Beziehungen mit Frauen hatte auch. Bice Curiger und Dominique Bürgi – Freundin und Mitarbeiterin von Meret Oppenheim – sprechen ihr politisches Engagement an. Letztere sagt: "Sie dachte, es wäre wichtig, sich einzumischen. Und sie hat immer seufzend gesagt, ach, ich muss wieder Briefe schreiben, ich will nicht schreiben, ich will spielen, ich will mit meinen Werken spielen, ich will nicht an solchen seriösen Sachen arbeiten."

AVIVA-Tipp: Eine ungewöhnliche Herangehensweise hat Elke Heinemann für dieses Buch gewählt. Auch wenn die Textelemente teilweise etwas zu disparat erscheinen, vermitteln sie als Einheit dennoch ein differenziertes Bild der Künstlerin. Die Erzählungen der Personen, mit denen Meret Oppenheim oft sowohl private als auch professionelle Beziehungen verband, berichten von sehr persönlichen Erlebnissen und Wahrnehmungen.

Zur Herausgeberin: Elke Heinemann wurde 1961 in Essen geboren. Nach literaturwissenschaftlicher Promotion, Ausbildung zur Redakteurin an der Henri-Nannen-Schule und längeren Aufenthalten in Paris und London lebt sie heute als Schriftstellerin in Berlin. Sie hat Hörspiele, Features, Essays und Prosa veröffentlicht. Mehr Informationen unter www.elke-heinemann.de




Meret Oppenheim – Worte nicht in giftige Buchstaben einwickeln

Zehn Jahre hat die Nichte der Künstlerin für dieses Buch recherchiert und mit den über eintausend abgetippten Briefe ganze siebzig Dekaden eingefangen. Siebenundzwanzig Jahre nach Meret Oppenheims Tod veröffentlicht Lisa Wenger, gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Martina Corgnati, nun Briefe von und an ihre Tante.

Der erste Teil des ca. 450 Seiten umfassenden Bandes widmet sich dem Briefwechsel zwischen Oppenheim und ihrem Ehemann Wolfgang La Roche sowie ihren Eltern. Mit "Liebstes Ilpistieren" (Abwandlung von "Iltis") beginnen viele ihrer Briefe an La Roche, er schreibt ihr mit "Liebstes Meressziem" oder "Allerliebste Oile" (Abwandlung von "Eule") zurück. Die Faksimiles einiger Briefe bilden Karikaturen dieser beiden Tiere ab – beispielweise Iltis und Eule gemeinsam beim Radausflug.
Besonders aufschlussreich – weil umfangreich und gut dokumentiert – ist vor allem der Austausch mit der Mutter, zu der Meret Oppenheim zeitlebens eine sehr enge Bindung hatte.

Der zweite Teil umfasst ein Faksimile des fast 100-seitigen Albums "Von der Kindheit bis 1943", eine Art Autobiographie mit Notizen, Zeichnungen und Fotos.

Im letzten Teil finden sich deutsche und französische Briefe von und an Freund_innen und Bekannten innerhalb wie außerhalb der Welt der (surrealistischen) Kunst – darunter mit Irène Zurkinden, Leonor Fini, Marcel Duchamp, André Breton und André Pieye de Mandiargues.
Unterhaltsam und zugleich interessant ist der Briefwechsel mit Max Ernst, mit dem Oppenheim eine kurze, aber leidenschaftliche Liebesbeziehung verband. "Ich kann Dir sagen", schreibt dieser, "ganz unsürrealistisch u. unplatonisch, dass ich kaum lebe, seitdem Du plötzlich weg bist". Auch wenn es sich im Kontext dieser Zeilen lediglich um eine kurze Trennung der beiden zu handeln schien, war es wenig später tatsächlich die 21-jährige Meret Oppenheim, die recht unvermittelt den fast doppelt so alten Ernst verließ. Sie hatte Angst, die Beziehung könne sie in ihrer persönlichen und künstlerischen Entwicklung behindern, hält Oppenheim in einer Notiz fest – "Es wäre das Ende dessen gewesen, was ich als mein in der Zukunft zu realisierendes Werk voraussah."

AVIVA-Tipp: Diese wunderschön gestaltete Sammlung von Briefen ist etwas ganz Besonderes. Durch die sorgfältige, geradezu wissenschaftliche, Aufbereitung, lernt die Leserin Meret Oppenheim nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Tochter, Ehefrau, Liebhaberin, Freundin und Kollegin von neuen Seiten kennen.

Zu den Herausgeberinnen: Lisa Wenger, geboren 1949, arbeitet im therapeutisch-erzieherischen Bereich sowie in einer Privatsammlung von Gegenwartskunst in Lugano. Als Nichte von Meret Oppenheim beschäftigt sie sich seit 1998 intensiv mit dem schriftlichen Nachlass der Künstlerin.
Martina Corgnati, geboren 1963, ist Kunsthistorikerin, Kritikerin, Kuratorin und Dozentin für Kunstgeschichte an der Accademia Albertina di Belle Arti di Torino.




Merets Funken. Die Sammlung Gegenwartskunst, Teil 2

Eine ganz andere Perspektive als die bereits vorgestellten Werke, nimmt der zweisprachige Bild- und Textband zur diesjährigen Ausstellung im Kunstforum Bern ein. In dieser Stadt unterhielt Oppenheim ab den 1950er Jahren ein Atelier und eine Wohnung, hier wurde auch 1983 am Waisenhausplatz der "Oppenheimbrunnen" eingeweiht.

Den Ausgangspunkt des Kataloges und der Ausstellung bildet die Frage nach der gegenwärtigen Bedeutung des Surrealismus und welche "Funken" von Oppenheims Schaffen auf die gegenwärtige Kunst übergegangen sind. Antworten werden in den Werken von fünf jungen schweizerischen Künstler_innen gesucht, die sich mit dem Absurden, Irrationalen und Traumähnlichen auseinandersetzen. Anlass dieser Spurensuche ist nicht nur das Jubiläumsjahr, sondern – laut Kuratorin – auch eine Art Neuentdeckung des Surrealistischen. In der heutigen von Ungewissheiten und Unsicherheiten geprägten Zeit, "wird der Traum wieder zu einem Reich, in dem eine Gegenwelt entworfen wird", eine gesellschaftskritische Utopie, so Kathleen Bühler.

Die Arbeiten – zum Teil eigens für die Ausstellung entwickelt – weisen Parallelen zu Oppenheims Werken auf, unter anderem in Bezug auf Materialien und Medien sowie auf Motive und Themen. Durch eine Gegenüberstellung der Werke sowie durch Gespräche mit den Künstler_innen, treten die zwei Generationen miteinander in Dialog und veranschaulichen, dass Meret Oppenheim "ohne Zweifel eine Künstlerin des 21. Jahrhunderts" ist.

AVIVA-Tipp: Eine spannende und anregende Zusammenstellung von künstlerischen Arbeiten und theoretischen Diskussionen, in der Meret Oppenheims Werk einen roten Faden bildet, aber den Arbeiten der jungen Kunstschaffenden dennoch viel Freiraum zugestanden wird.

Zur Kuratorin: Kathleen Bühler, geboren 1968, ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und Filmwissenschaftlerin. Seit 2008 ist sie Kuratorin und Leiterin der Abteilung für Gegenwartskunst am Kunstmuseum Bern. 2009 erschien ihr Buch "Autobiografie als Performance" über Carolee Schneemann.

Meret Oppenheim Ausstellung in Berlin:

16.8.2013 – 1.12.2013
Meret Oppenheim. Retrospektive (Martin Gropius Bau, Berlin)
Mehr Infos unter:
www.berlinerfestspiele.de

Die AVIVA-Werkschau-Literaturliste

Meret Oppenheim – Retrospektive
Hrsg.: Bank Austria Kunstforum (Wien) und Martin-Gropius-Bau (Berlin): Ingried Brugger, Heike Eipeldauer, Gereon Sievernich
Texte von Elisabeth Bronfen, VALIE EXPORT, Heike Eipeldauer, Matthias Frehner, Christiane Meyer-Thoss, Isabel Schulz, Abigail Solomon-Godeau, Lisa Wenger u.a.
Gestaltung: Susi Klocker
Hatje Cantz Verlag, erschienen 2013
Gebunden – 312 Seiten, 264 Abbildungen, Lesebändchen
ISBN: 9783775735100
39,80 Euro
www.hatjecantz.de

Diesen Titel können Sie online bestellen bei FEMBooks

Kunst zum Hören: Meret Oppenheim
Hrsg.: Bank Austria Kunstforum (Wien)
Text: Andrea Zsutty, Gestaltung: KOMA AMOK
Hatje Cantz, erschienen März 2013
Gebunden, mit CD – 48 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen
ISBN 9783775735582
16,80 Euro
www.hatjecantz.de

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Meret Oppenheim. Über den Bäumen
Ein Katalog von Isabel Schulz
Sprengel Museum, erschienen Februar 2013
Broschiert - 32 Seiten, 28 Abbildungen
ISBN: 9783891692288
10 Euro
www.sprengel-museum.de

Meret Oppenheim
Buch der Ideen. Frühe Zeichnungen, Skizzen und Entwürfe für Mode, Schmuck und Design.

Hrsg.: Christiane Meyer-Thoss
Mit Fotografien von Heinrich Helfenstein.
Gachnang & Springer Verlag, erschienen 1996
Gebunden - 156 Seiten, 16 farbige und 115 SW-Abbildungen und Faksimiles
ISBN 9783906127460
56 Euro
www.gachnang-springer.com

Meret Oppenheim
"Warum ich meine Schuhe liebe"
Mode – Zeichnungen und Gedichte

Hrsg. und Nachwort: Christiane Meyer-Thoss
Insel Verlag, erschienen März 2013
Gebunden – 96 Seiten
ISBN: 978-3-458-19374-6
13,95 Euro
www.suhrkamp.de

Meret Oppenheim. Eine Portrait-Collage
Hrsg.: Elke Heinemann
Gespräche mit Therese Bhattacharya-Stettler, Martin A. Bühler, Dominique und Christoph Bürgi, Bice Curiger, Ruth Henry, Thomas Levy, Christiane Meyer-Thoss, Daniel Spoerri, Burkhard Wenger-Riesser
Edition Nautilus (Verlag Lutz Schulenburg), erschienen Mai 2006
Kleine Bücherei für Hand und Kopf – Band 57
Broschiert – 155 Seiten
ISBN: 9783894015282
12,90 Euro
www.edition-nautilus.de

Meret Oppenheim – Worte nicht in giftige Buchstaben einwickeln
Hrsg.: Lisa Wenger und Martina Corgnati
Scheidegger & Spieß Verlag, erschienen 2013
Broschiert – 452 Seiten, 152 Abbildungen
ISBN: 9783858813756
68 Euro
www.scheidegger-spiess.ch

Merets Funken. Die Sammlung Gegenwartskunst, Teil 2
Hrsg.: Kunstmuseum Bern
Redaktion: Kathleen Bühler und Sarah Merten
Mit einem Vorwort von Matthias Frehner und Beiträgen von Kathleen Bühler
Gestaltung: Marie Louise Suter
Kerber Verlag, erschienen 2013
Gebunden – 156 Seiten, 137 Abbildungen
ISBN: 9783866786783
39,95 Euro
www.kerberverlag.com


Weitere Literatur von und über Meret Oppenheim:

Simon Baur/ Christian Fluri (Hg.)
Meret Oppenheim - Eine Einführung

Merian, Christoph Verlag, August 2013
Broschiert – 140 Seiten
ISBN: 9783856166328
24 Euro

Simon Baur/ Belinda Grace Gardner/ Christian Walda/ Werner Spies/ Lisa Wenger
Meret Oppenheim: Gedankenspiegel - Mirror of the mind

Hrsg.: Thomas Levy
Kerber Verlag, Juli 2013
Gebunden – 224 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 9783866788435
40 Euro

Das Ohr von Giacometti.
(Post-)Surreale Kunst von Meret Oppenheim bis Mariella Mosler

Hrsg.: Levy Galerie
Mit einem Textbeitrag von Belinda Grace Gardner
Kerber Verlag, erschienen Juli 2012
Hardcover, gebunden – 224 Seiten, 168 farbige und 8 s/w Abbildungen
Sprachen: Deutsch, Englisch
ISBN: 9783866784789
27,90 Euro

Meret Oppenheim: Brunnengeschichten
Hrsg.: Simon Baur und Martin A. Bühler
Texte von Simon Baur, Martin A. Bühler, Belinda Grace Gardner, Annemarie Monteil, Meret Oppenheim, Daniel Spoerri, Juri Steiner
Gestaltung von Nadine Schmidt
Hatje Cantz Verlag, erschienen 2010
gebunden - 128 Seiten, 55 Abbildungen
ISBN: 9783775725903
24,80 Euro

Jürgen Brodwolf
Das letzte Bildnis der Meret Oppenheim

Kerber Verlag, erschienen März 2008
Gebunden – 64 Seiten, 88 Abbildungen
ISBN: 9783866780552
26,50 Euro

Meret Oppenheim. Retrospektive "mit ganz enorm wenig viel"
Hrsg.: Therese Bhattacharya-Stettler und Matthias Frehner
Texte von Nathalie Bäschlin, Simon Baur, Therese Bhattacharya-Stettler, Matthias Frehner, Wanda Kupper, Isabel Schulz, Nicole Schweizer, Werner Spies, Lisa Wenger u.a.
Hatje Cantz Verlag, erschienen 2007
Gebunden – 360 Seiten, 312 Abbildungen
ISBN: 9783775717465
39,80 Euro

Karin Lerch-Hirsig und Beat Schüpbach
Das Urtierchen, der Prinz und die Pelztasse

Meret Oppenheim für Kinder
Ott Verlag, erschienen 2006
Hardcover – 28 Seiten
ISBN: 9783722500546
20 Euro

Meret Oppenheim. From Breakfast in Fur and Back Again
Hrsg.: Thomas Levy
mit Textbeiträgen von Belinda Grace Gardner
Galerie Levy, erschienen 2003
Hardcover, gebunden – 256 Abbildungen, Sprachen: Englisch und Deutsch
ISBN:9783936646290
29,90 Euro

Meret Oppenheim. Spuren durchstandener Freiheit
Hrsg.: Bice Curiger
Scheidegger & Spiess Verlag, überarbeitete Neuausgabe erschienen 2002
Gebunden – 144 Seiten, 112 Abbildungen
ISBN: 9783858811363
38 Euro

Meret Oppenheim
Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich: Gedichte, Prosa

Hrsg.: Christiane Meyer-Thoss
Suhrkamp Verlag, erschienen September 2002
Gebunden – 192 Seiten
ISBN 9783518413463
10,99 Euro

Isabel Schulz
"Edelfuchs im Morgenrot". Studien zum Werk von Meret Oppenheim

Verlag Silke Schreiber, erschienen 1993
Kartoniert – 184 Seiten, 75 Abbildungen
ISBN 9783889600301
24 Euro

Meret Oppenheim
Aufzeichnungen 1928-1985 – Träume

Hrsg.: Christiane Meyer-Thoss
Gachnang & Springer Verlag, erschienen 1991
Broschiert – 80 Seiten, 3 farbige und 12 sw Abbildungen
ISBN: 9783906127132
28 Euro

Meret Oppenheim
Kaspar Hauser oder Die Goldene Freiheit

Textvorlage für ein Drehbuch
Gachnang & Springer Verlag, erschienen 1987
Broschiert - 20 Seiten, 5 sw Abbildungen
ISBN: 9783906127149
14 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Meret Oppenheim - Träume, Aufzeichnungen 1928-1985

Meret Oppenheim. The first Lady of MoMA - Ausstellung in der Galerie Schoen+Nalepa, 8. Juni bis 28. August 2004

Karoline Hille - Spiele der Frauen. Künstlerinnen im Surrealismus

Interview mit VALIE EXPORT

Double Sexus. Louise Bourgeois, Hans Bellmer




Literatur Beitrag vom 17.06.2013 AVIVA-Redaktion 

   




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