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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 10.03.2014

Sheila Heti - Wie sollten wir sein? Ein Roman aus dem Leben
Claire Horst

Die New York Times nahm "Wie sollten wir sein" in die Liste der 100 besten Bücher des Jahres 2013 auf, auch der New Yorker und weitere Zeitungen lobten es in den höchsten Tönen. Und auch in ...



... Deutschland soll an diesen Erfolg angeknüpft werden: So hat der Rowohlt-Verlag eigens einen Blog für das Buch angelegt und preist es als "literarische Sensation".

Die Erwartungen sind also hoch.

"Ein Roman aus dem Leben" ist das Buch untertitelt und einer Freundin der Autorin gewidmet, die zugleich eine der Protagonistinnen darstellt. Sheila, Margaux und ihre FreundInnen leben als KünstlerInnen, AutorInnen oder irgendwie herumlavierende Hipster in Toronto und machen sich Gedanken über den Sinn des Lebens, ideale Identifikationsfiguren auch für viele junge BerlinerInnen also.

Auf der Höhe der Zeit ist die Autorin aber nicht nur thematisch: Grundlage des Buches sind Tonbandaufnahmen von Gesprächen mit ihren FreundInnen, und auch diese Aufnahmen werden von den ProtagonistInnen reflektiert. Ein Künstlerinnen-Porträt in Zeiten von Youtube – Selbstbespiegelung und die Vermischung von realer und Kunstfigur sind da wohl unausweichlich.

Dass auch Hetis Freundin Margaux Williamson einen Film gedreht hat, in dem Sheila Heti und weitere ProtagonistInnen des Romans eine Rolle spielen, lässt die Grenzen zwischen Roman und Wirklichkeit endgültig verschmelzen.

Wie sollten wir denn nun leben? Dass Sheila sich diese Frage überhaupt stellt, hängt mit ihrer kreativen Blockade zusammen: Für eine Theatergruppe soll sie ein feministisches Theaterstück schreiben und schreibt seither überhaupt nicht mehr. Denn von Feminismus, von Frauen hat sie keine Ahnung, meint sie – und hat sich bislang auch eher mit Männern beschäftigt als mit Freundschaften zu anderen Frauen.

Die Leitfrage beantwortet sie für sich zunächst mit "wie Berühmtheiten". Leider fallen ihr neben männlichen "Genies" von Oscar Wilde bis Andy Warhol aber keinerlei weibliche Vorbilder ein, und die zentrale Kunstform der Gegenwart ist ihrer Meinung nach der Blowjob. So sarkastisch das gemeint sein mag, Sheilas devote Beziehung zu Männern ist ähnlich nervig wie die der Protagonistin von "Shades of Grey", und die Schilderungen von erniedrigendem Sex, der ihr noch nicht einmal Spaß macht, sind so unnötig wie eintönig.

Die Beziehung zu ihrem Lover Israel erschöpft sich in Selbstverachtung und Unterwürfigkeit. Selbst aus der Ferne befolgt sie noch seine Anweisungen – ob er ihr befiehlt, sich ein Pornoheft einzuführen oder sich ohne Unterwäsche und mit gespreizten Beinen in ein Café zu setzen. Mag sein, dass das eine Möglichkeit ist, die eigene Abhängigkeit zu reflektieren. Spannend oder in irgendeiner Weise emanzipatorisch wirkt es aber nicht, weil weder Motivation noch Reiz daran nachvollziehbar geschildert werden.

Glücklicherweise ist das aber nur eine Nebenhandlung des Buches. Stellenweise witzig, wie etwa im Wettbewerb der FreundInnen Sholem und Margaux um das hässlichste Bild der Welt, stellenweise nachdenklich, lässt "Wie sollten wir leben" neben der Schilderung ziellosen Herumwanderns vor allem einen Gedanken nachklingen: Freiheit ist nicht darin zu haben, sich vor allen Entscheidungen zu drücken. Wer sich für nichts entscheidet, steht irgendwann mit leeren Händen da.

Etwas irritierend sind dabei bedeutungsschwangere Sätze, die sich meist in belanglosen Binsenweisheiten erschöpfen: "Wir kennen die Wirkung nicht, die wir auf andere haben, doch wir haben eine." Was Sheila Heti jedoch überzeugend beschreibt, ist die große Unsicherheit, die wir alle in Bezug auf das "richtige" Leben haben. Besonders berührend ist das, wenn sie von ihrer aufkeimenden Freundschaft zu Margaux schreibt. "War sie meinetwegen hier herausgekommen? Allein der Gedanke machte mich ganz aufgeregt. Aber ich sagte kein Wort. Stattdessen rauchten wir schweigend, und als sie den Rauch ausatmete, berührten sich die Zweige der Bäume im Wind."

Glücklicherweise wird die Aufgeblasenheit einzelner Passagen durch die selbstironische, humorvolle Haltung der Erzählerin meist wieder aufgefangen. So ist Sheilas Job in einem Friseursalon nicht nur eine Einkommensquelle: "Als ich Geburtstag hatte, schenkte Misha mir das Buch "Hair Heroes", mit Porträts der bedeutendsten Coiffeure des zwanzigsten Jahrhundert. Darin wird einer von ihnen mit den Worten zitiert: ´Ich kenne alle Geheimnisse der westlichen Welt – aber ich werde sie niemals verraten!´ Die Geheimnisse der westlichen Welt! Ich war auf Geistesverwandte gestoßen."

AVIVA-Tipp: Die Euphorie, mit der das Buch in den USA und Kanada aufgenommen wurde, ist schwer nachzuvollziehen. Für eine "Momentaufnahme einer Generation", wie die "New York Times" schrieb, bietet es zu wenig Tiefschürfendes. Als selbstironischer Unterhaltungsroman über Hipster auf der Suche nach dem richtigen Leben ist es sehr gelungen – auch wenn das reale Sexleben junger Frauen heutzutage hoffentlich etwas selbstbestimmter aussieht als das der Protagonistin.

Zur Autorin: Sheila Heti, geboren 1976 in Toronto, wo sie auch heute lebt, veröffentlichte außer dem Roman "Ticknor" und dem Erzählungsband "The Middle Stories" gemeinsam mit Misha Glouberman eine Art künstlerischen Lebensratgeber, "The Chairs Are Where the People Go", der vom New Yorker zu einem der besten Bücher des Jahres 2011 erkoren wurde. Sie organisiert in Toronto die stets ausverkauften "Trampoline Hall"-Vorlesungen, in denen Leute über Themen referieren, von denen sie keine Ahnung haben – eine Feier des Exzentrischen und des Einfallsreichtums. Ihr Roman "Wie sollten wir sein?" war 2012, als er in den USA erschien, eine literarische Sensation. (Verlagsinformationen)

Die Autorin im Netz: www.sheilaheti.net und www.howshouldapersonbe.com

Sheila Heti
Wie sollten wir sein? Ein Roman aus dem Leben

Originaltitel: How Should a Person Be?
Aus dem Englischen von Thomas Überhoff
Rowohlt Verlag, erschienen am 07.03.2014
336 Seiten
ISBN 978-3-498-00407-1
19,95 Euro


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Literatur Beitrag vom 10.03.2014 Claire Horst 

   




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