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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 31.03.2014

Stefanie de Velasco - Tigermilch
Julia Lorenz

Ein Berlin-Roman ohne Berghain und Hipster-Bashing, dafür mit Drama, Verve und Ringelstrümpfen: Stefanie de Velascos Debut spaltete die Literaturressorts. AVIVA-Berlin hat noch einmal nachgelesen.



Keine Kritik ohne Referenz. Sobald einem bis dato unbekannten jungen Talent ein hinreichend großer Wurf gelingt, verausgabt sich der Feuilleton regelmäßig im Vergleichs-Marathon und entdeckt "die neue Judith Herrmann", "die Christa Wolf der Nullerjahre" oder gar "den weiblichen Christian Kracht". In Stefanie de Velascos Fall hat dieser Automatismus eher geschadet als genützt: Kaum eine Buchbesprechung ihres Debuts "Tigermilch" kam ohne Vergleiche mit Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick" aus, der den im letzten Jahr verstorbenen Autor zum Shootingstar der jungen deutschen Literaturszene machte. Und kaum eine Buchbesprechung vermerkte nicht, dass de Velascos Roman eine "weibliche" und aus diversen Gründen schlechtere Version von Herrndorfs Coming-of-Age-Odyssee sei. Warum eigentlich?

Wie "Tschick" bedient sich auch "Tigermilch" dem Muster der Culture-Clash-Freund(innen)schaft: Die Protagonistinnen Nini und Jameelah, beide vierzehn, beide unerschrockene Ringelstrumpfträgerinnen im postethnischen Berlin, haben beschlossen, erwachsen zu sein. Deshalb mischen sie auf der Schultoilette heimlich harten Alkohol mit Maracujasaft und fahren mit ihrer im Müllermilchbecher versteckten "Tigermilch" zum Einkaufszentrum an der Wilmersdorfer Straße, um Modeschmuck zu klauen und ihre Sorgen zu vergessen: Während Nini unter Eltern leidet, die mal mental, mal physisch abwesend, hat Jameelah eine liebevolle, resolute Mutter, die allerdings in ständiger Angst vor der Abschiebung lebt. Bei ihrem Vorhaben, die großen Sommerferien zu nutzen, um endlich ihre "Unschuld" zu verlieren, schrecken Jameelah und Nini weder vor okkulten Ritualen noch vor Praxiserfahrungen auf dem Straßenstrich an der Kurfürstenstraße zurück - bis eine Familientragödie in ihrem Umfeld die Agenda ändert: Inmitten von Polizeiermittlungen und Schuldzuweisungen offenbart sich den Mädchen, dass das Ende der Kindertage nicht nur Annehmlichkeiten mit sich bringt.

Der Vergleich mit Herrndorf scheint den RezensentInnen des Romans einerseits unausweichlich zu erscheinen - gleichzeitig wird er de Velasco jedoch zum Vorwurf gemacht: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kritisierte, die Autorin kopiere Herrndorfs Jugendslang, ohne jedoch über seine Gelassenheit zu verfügen, die Süddeutsche Zeitung spricht dem Roman jegliche Ambivalenz ab. Sicher: Der naseweise Weltschmerz, den Stefanie de Velasco - wie von J.D. Salinger bis Helene Hegemann die meisten "Jugendroman"-AutorInnen - ihren pubertären Heldinnen andichtet, mag manchmal enervierend sein. Auch die sprachlichen Spielereien, die die Autorin Nini und Jameelah in den Mund legt, erfüllen meist keine andere Funktion, als die Eloquenz ihrer Erschafferin unter Beweis zu stellen.

Dennoch tut die Rezeption des Romans als "Tschick"-Epigone der Autorin und ihren Charakteren Unrecht: De Velasco wählt einen anderen Ansatz als Herrndorf, stellt weniger die ProtagonistInnen und ihr Verhältnis zu sich und der Welt, sondern vielmehr die Verhältnisse selbst in den Mittelpunkt. Soziale Spannungen und Probleme wie Abschiebung und mangelnde Inklusion, aber auch die Gelassenheit, mit der junge Menschen in der mittlerweile dritten MigrantInnengeneration mit gesellschaftlichen Widersprüchen umgehen, fügen sich zum stimmigen Portrait einer Jugend zwischen den Kulturen. Dem Roman Naivität und mangelnde Ambivalenz vorzuwerfen, ist - angesichts der Tatsache, dass er aus Ninis Perspektive erzählt wird - kaum gerechtfertigt: Wie soll es ausgerechnet einem vierzehnjährigen Mädchen gelingen, ein Gleichgewicht im komplizierten Spannungsverhältnis von Kulturrelativismus und Ethnozentrismus zu finden?
Was jenseits aller Vergleiche bleibt, ist ein mal irrwitziger, mal bemüht wirkender, in seinen besten Momenten jedoch sensibler und poetischer Debutroman, der für sich selbst stehen dürfen sollte.

AVIVA-Tipp: Stefanie de Velascos Debutroman "Tigermilch" als "aufgebrezelte Talentprobe" (FAZ) abzutun, mag einfach sein: Mit einem Figurenensemble, das von Ehrenmördern bis wohlstandsverwahrlosten SchulschwänzerInnen nahezu alle Prototypen der VerliererInnen im urbanen Kulturen-Schmelztiegel versammelt, macht es sich die Autorin nicht einfach. Sich dennoch auf die Geschichte einzulassen, lohnt sich - denn mutiger und erhellender als das Gros der aktuell unvermeidlichen, pseudo-ironischen Romane über die Befindlichkeiten weißer Berghain-AbenteurerInnen ist "Tigermilch" allemal.

Zur Autorin: Stefanie de Velasco wurde 1978 in Oberhausen geboren. Sie studierte Europäische Ethnologie und Politikwissenschaft in Bonn, Berlin und Warschau. Nachdem sie 2011 den Literaturpreis Prenzlauer Berg für den Anfang ihres Debutromans erhalten hatte, wurde sie 2012 Stipendiatin der Jürgen Ponto-Stiftung, 2013 Stipendiatin des Künstlerdorfes Schöppingen. Aktuell ist sie Stipendiatin der Drehbuchwerkstatt München. Stefanie de Velasco lebt und arbeitet in Berlin.

Stefanie de Velasco
Tigermilch

Kiepenheuer und Witsch, Köln, erschienen 2013
288 Seiten, gebunden
16,99 Euro
ISBN 978-3-462-04573-4
Weitere Infos unter:
www.kiwi-verlag.de

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Literatur Beitrag vom 31.03.2014 Julia Lorenz 

   




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