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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 09.04.2014

Aharon Appelfeld - Auf der Lichtung
Judith Kessler

Aharon Appelfeld (81) hat mit seinem philosophisch anmutenden Partisanenroman "Auf der Lichtung" ein still anrührendes Buch über das Gute in Zeiten den Bösen vorgelegt.



Die Verzweiflung ist unser größter Feind

Edmund ist 17, als er sich der jüdischen Partisanengruppe im karpatischen Sumpf anschließt, ein Gymnasiast, frisch verliebt in eine ukrainische Schönheit, der Deportation entronnen, weil seine Eltern ihn anflehten aus dem Ghetto zu fliehen, bevor sie selbst abgeholt wurden...

Aharon Appelfeld, heute 81, ist wie sein Protagonist Edmund in Czernowitz geboren, verlor seine Eltern wie Edmund und war wie er in den Wäldern versteckt. Sein lakonisch-sachlicher Roman in einfachen Sätzen ist eine Art Tagebuch Edmunds, in der Ich-Form und im Präsens verfasst, um später den Eltern berichten zu können...

Die zusammengewürfelte Truppe, die Edmund aufnimmt, hat einen Anführer, Kamil, der in seinem früheren Leben Architektur studiert hatte. Kamil ist ein vorausschauender, strategisch denkender Mann, der seine Kämpfer täglich trainieren lässt, der Rituale einführt, der Gefallene beerdigen und die Grabstellen auf einer Karte eintragen und jeden Schabbat an jeden einzelnen von ihnen erinnern lässt, einer, der Gott anruft.

Die Gruppe überfällt Bauernhäuser, auf der Suche nach Lebensmitteln, Hausrat und Bekleidung, nimmt aber immer nur soviel wie sie braucht. Bei einem der Raubzüge findet Kamil auch Bücher: "Ein großer Schatz... wir werden versuchen, uns seiner würdig zu erweisen."
Mit den Büchern verändern sich die Männer, die eben noch mit dem Wald zusammenzuwachsen schienen, "als säße man in einem Sessel oder im Garten."
Als ihnen ein Hebräisch-Wörterbuch in die Hände fällt, beginnen einige einzelne Wörter zu lernen und als Parolen zu benutzen, während die Kommunisten und Bundisten darauf bestehen, lieber Jiddisch zu lernen, "die Sprache der Gequälten".
Man streitet über Martin Buber und Karl Marx, über Religion und Tradition. "Wir haben das Ghetto verlassen, um ... als freie Menschen zu leben" und "Wir werden die Wunden nicht mit einem falschen Verband heilen!" wehren sich die Einen. Jemand sagt jedoch auch: "Man kann Gott auf verschiedene Arten dienen".
Und selbst Karl, dem Kommunisten – der mit seinen Schulfreunden im Namen der Partei Synagogen überfallen und Rabbiner verhöhnt hatte –, dämmert jetzt, wie hochmütig und dumm sie gewesen waren.

In der Gruppe lebt auch die uralte Großmutter Zirl, die von den Kämpfern in einer Art Sänfte von Ort zu Ort getragen wird, eine weise Frau mit einem großen Gedächtnis und Herzen, die "die Wunder preist, die sie umgeben" . Sie gibt den Männern Halt und führt sie zu den Wurzeln und Traditionen zurück, zu dem "was wir von unseren Vätern ererbt haben".
Auch Raw Chanoch ist eine bemerkenswerte Gestalt. Blind von Geburt, war er bei der Deportation vom Wagen gefallen war und von Kamil entdeckt worden. Hier nun strickt er Tag und Nacht für die Truppe Mützen, Socken, Schals und Handschuhe.
Milio, ein Zwei- oder Dreijähriger, der stumm zu sein scheint, wird liebevoll umsorgt, von der ganzen Truppe, vor allem aber von Danzig, dem ehemaligen Buchhändler, der zu seinem Vater wird. Ein weiterer Junge, der 8-jährige Michael, wird von verschiedenen Gruppenmitgliedern unterrichtet, in Bibelkunde, Mathematik, Geographie und Französisch.
Sogar ein Ukrainer, Viktor, läuft zu den jüdischen Partisanen über, weil er die Bilder nicht los wird, wie alle Juden aus seiner Umgebung Gruben ausheben mussten und dann erschossen wurden.

Appelfeld zeichnet das Bild einer beinahe idealen Gemeinschaft – wäre da nicht "das da draußen", das Trauma, der Druck, die Gefahr besiegt zu werden, die Schuldgefühle, das Wissen um die geringe Überlebenschance und um den Tod der Lieben...

Edmund beschreibt, wie "einer unser schlimmsten Feinde", die Depression, einzelne Kämpfer, die an ihre verlorenen Familien denken müssen, lähmt. Auch der Kommandant leidet an Depressionen. Auch Edmund quält sich und leidet darunter, dass er noch lebt. Ihn plagen wie viele seiner Kameraden Schuldgefühle – dass er sich nicht um seine Mutter gekümmert hat, die schwerkrank war, dass er sich von seinen Eltern entfremdet hatte in seiner Verliebtheit, vor allem dass er sie allein zurück gelassen hat.
Doch Großmutter Zirl sagt ihm: "Die Verzweiflung ist unser größter Feind. Sie macht uns blind und verschließt unsere Seelen. Man darf sie nicht in sich eindringen lassen."

Bevor sie stirbt, gibt sie den Männern auf den Weg: "Frühere Generationen haben Gott an jedem Ort erkannt, sogar im kleinsten Unkraut, in unserer Generation sind hingegen viele blind... Macht die Augen auf und schaut in euer Inneres, Gott ist in Euch". Der Atheist Isidor bekennt: "Die Gebete sind in mir, der Glaube ist es nicht".

Die Partisanen um Kamil greifen deutsche und ukrainische Patrouillen an, um Waffen und Munition zu erbeuten, sie bringen Todeszüge zum Entgleisen, um Männer, Frauen und Kinder zu befreien, sie nehmen Soldaten, Späher und Zivilisten gefangen, um Informationen über die Lage in der Umgebung und den Frontverlauf zu bekommen. Jubel bei der Niederlage der Deutschen vor Stalingrad. Die Rote Armee kommt näher – nicht schnell genug. Noch immer bringen die Deutschen jeden Juden um, dessen sie habhaft werden können.
Die Menschen, die Kamils Leute aus den Zügen retten könne, sind krank und entkräftet, dem Tod näher als dem Leben, und ohne jeden Lebensmut. Die Nahrungsmittel werden knapp und die Überlebenschancen vieler Entronnener sind gering. Doch Kamil macht seinen Leuten nachdrücklich klar: "Das Leben ist teuer, das Leben ist heilig, und wir werden uns den Kranken hingebungsvoll widmen." Und die Kameraden zeigen weder Abscheu noch Ekel, berichtet Edmund, der hier zum Mann reift.

Kamil sagt den ungläubig lauschenden Menschen aus den Todestransporten: "Die Welt beruht auf dem Einzelnen, und wir bewachen jeden Einzelnen wie unseren Augapfel ... In den Augen der Feinde waren wir Untermenschen; sie haben Nummern aus uns gemacht. Jetzt wird jeder wieder seinen Namen und den Namen seiner Familie tragen. Wir sind Kinder von Eltern und Eltern von Kindern.... Helft uns den Bund zwischen uns und unseren Namen zu erneuern." Sachor. Tikkun Olam.

Sogar ein ukrainischer Arzt wird aus einer naheliegenden Stadt entführt, um die Verwundeten zu operieren und die Sterbenden zu versorgen. "Wir erwarten, dass Sie sich wie ein Arzt verhalten", verlangt Kamil von dem entrüsteten Mann. Doch der Arzt bleibt bis zu seiner Flucht ein Judenhasser, wehrt sich dagegen, Juden behandeln zu müssen und kann nicht verstehen, dass diese Juden seinen Erwartungen nicht entsprechen.

Immer wieder begegnen sie erstaunten Menschen, die ihnen sagen: "Die Juden treiben Handel, sie sind keine Kämpfer" oder "Juden akzeptieren ihr Schicksal widerspruchslos." Das tut diese Gruppe nicht, keinen Moment. Auch der Vorwurf, keine Europäer zu sein und nicht dazuzugehören – sie, die Dostojewski und Proust gelesen hatten – macht sie nicht schwach, sondern führt sie letztlich zu ihrer jüdischen Identität zurück. Die Abende am Feuer vergehen mit Lernen und Diskussion, das schwere Tagwerk mit dem Versuch zu überleben und zu helfen.

Letztlich ist Edmunds Tagebuch eine Aneinanderreihung unzähliger Anekdoten über Helfende, Antisemiten, Plünderer, Unentschlossene, Ja-Sager und willige Befehlsempfänger... "Was hast du gedacht, als du jeden Tag Juden getötet hast?" – "Ich habe nichts gedacht, erst kommt der Befehl."

Am Ende wird ein Teil der Truppe bei einem Angriff der Deutschen kurz vor "Toresschluss" noch getötet, auch Kamil, auch Mirjam, auch Karl. Die Toten werden mitgeschleppt und am Fuße einer Pappel begraben.
Dann ist die Rote Armee da. Die Gruppe kann ihr letztes Versteck auf dem Berg verlassen. Die Männer und Frauen haben Mühe, sich voneinander zu trennen, wie symbiotische siamesische Viellinge sind sie zusammengewachsen in der Zeit des Kampfes.

"Als wir noch auf dem Gipfel waren, hatten wir geglaubt", schreibt Edmund, "unser Leben würde sich von einem Tag auf den anderen ändern, wir wären Freunde der Befreier und würden Menschen begrüßen, die aus den Lagern kämen, wir wären alle ein Herz und eine Seele, und der Kummer würde sich in Freude auflösen".
Doch es gibt kein Zuhause mehr und auch der Antisemitismus bleibt Ihnen nach der Befreiung.

AVIVA-Tipp: Ein höchst philosophisches, fast spiritueller Text, der das Gute in Zeiten des Bösen preist, den Einzelnen in der Masse, den Zusammenhalt, die Erinnerung, die "Kultivierung des Herzens".

Zum Autor: Aharon Appelfeld wurde 1932 in Czernowitz geboren. Nach Verfolgung und Krieg, die er im Ghetto, im Lager, dann in den ukrainischen Wäldern und als Küchenjunge der Roten Armee überlebte, kam er 1946 nach Palästina. In Israel wurde er später Professor für Literatur. Seine hochgelobten Romane und Erinnerungen sind in vielen Sprachen erschienen. Aharon Appelfeld, unter anderem Träger des Prix Médicis und des Nelly-Sachs-Preises, wurde 2013 für den Man Booker International Prize nominiert. Er lebt in Jerusalem.

Aharon Appelfeld
Auf der Lichtung

Originaltitel: Ad chod haza ´ar
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Rowohlt Berlin, erschienen Januar 2014
Gebunden, 320 Seiten, mit Lesebändchen
19,95 Euro


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Aharon Appelfeld – "Katerina"

Aharon Appelfeld - "Die Geschichte meines Lebens"

Aharon Appelfeld - "Blumen der Finsternis"



Literatur Beitrag vom 09.04.2014 AVIVA-Redaktion 

   




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