Hélène de Beauvoir - Souvenirs. Ich habe immer getan, was ich wollte - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD Happy End
Aviva-Berlin > Literatur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Chanukka 5778




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 23.04.2014

Hélène de Beauvoir - Souvenirs. Ich habe immer getan, was ich wollte
Bärbel Gerdes

Der Kampf um ihre Freiheit als Frau und Künstlerin war Lebensthema der Malerin. Mutiger und engagierter als ihre Schwester, die Schriftstellerin Simone, engagierte sie sich in der französischen ...



... Frauenbewegung.

HÉLÈNE de Beauvoir? Nie gehört!

Immer noch steht die um zwei Jahre jüngere, 1910 geborene Hélène de Beauvoir im Schatten ihrer Schwester. Dabei war sie eine durchaus angesehene und renommierte Malerin, die in ihrem Kampf um Freiheit oft rigoroser und konsequenter vorging als diese.
Die von der Kunstwissenschaftlerin Karin Sagner herausgegebene und von Elsbeth Ranke aus dem Französischen übersetzte Autobiographie beschreibt den Lebensweg de Beauvoirs bis zum Tode ihrer Schwester Simone im Jahr 1986.
Ihre Geburt wurde seitens der Eltern als Enttäuschung erlebt, da "diese großbürgerliche Familie ... als zweites Kind einen Jungen [erwartete], ja, sie verlangte ihn, und ich musste dafür büßen." Und da es bereits eine hübsche und intelligente Tochter gab, interessierten die Eltern sich nicht weiter für sie.

Ihre Rettung war Simone. Die untrennbaren Schwestern bestärkten sich im Kampf um ein bisschen Freiheit in der Familie und inspirierten sich gegenseitig. Auf Seiten Hélènes ist diese Zugewandtheit unverbrüchlich und loyal bis zum Schluss.
Die Entdeckung ihrer Begabung fürs Zeichnen und Malen ist für Hélène eine große Befreiung – auch von ihrer Schwester. Schon in Kinderjahren schreibt Simone, kann aber nicht zeichnen – endlich etwas, in dem sich die beiden unterscheiden. "... mir gestand man ein gewisses Talent zu. Etwas, was ich besser konnte als sie!"
In ihrer Autobiographie denkt Hélène darüber nach, ob sie sich ohne diese Schwester für das Schreiben entschieden hätte. Für sie ist es wichtig, sich abzuheben, denn "bis auf Simone sprach mein Umfeld mir ja eine eigene Persönlichkeit ab, und ich war drauf und dran es zu glauben."

So bestand der weitere Kampf nun darin, eine Kunstschule besuchen zu dürfen. Einhergehend mit ihrer Ausbildung, die sie mit den Worten "Zeichnen bis zur Trunkenheit" beschreibt, geht es ihr immer mehr darum, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Die Aufzeichnungen Hélène de Beauvoirs sind ein Schrei nach Freiheit. Gemeinsam mit ihrer Schwester erlebt sie einen "Rausch der Unabhängigkeit", entwickelt sie die "reinste Unabhängigkeitswut". Hélène tritt einem Ruderverein bei, spielt Volleyball, fährt Ski und Schlittschuhe. Klar ist für sie, dass sie niemals heiraten wird.

Simone de Beauvoirs Bekanntschaft mit Sartre führt beide in die intellektuellen Kreise Paris' ein. Doch trotz des gemeinsamen Weges unterscheidet sich die Entwicklung beider Schwestern grundlegend. Hélène de Beauvoir wird von keinem Mann protegiert, Frauen in der Malerei wird ein "schöpferisches Wesen" abgesprochen, das Malen erfordert Geld für Material und Atelier.
Hélène schreibt die Manuskripte ihrer Schwester ab; im Gegenzug unterstützt Simone sie finanziell.

Die Malerin kämpft sich durch und wird kühner im Ausdruck ihrer Bilder und Materialien. Für den Zwang, so gut wie ein Mann sein zu müssen, zahlt sie einen hohen Preis. Sie selbst äußert sich dazu: "Das war ein Grund dafür, dass ich lange verschult gearbeitet habe. Ich wollte lernen und verbat mir jede Verwegenheit, obgleich Malen Wagnis und Mut einfordert."
In dem kenntnisreichen Vorwort der Herausgeberin heißt es: "Viel zu lange behielt sie das kunsthistorische Absichern durch Festhalten an akademischen Traditionen bei."
Trotz dieser Hindernisse entwickelt sie sich als Künstlerin zunehmend weiter. Lernte sie zunächst das Zeichnen nach Filmen, ein perfektes Training, um Gesehenes schnell zu skizzieren, wandte sie sich daraufhin der Druckgraphik zu. Später stellte sie Aquarelle und Ölgemälde her. "Als ich zur Ölmalerei kam, war ich angekommen. Die Ölmalerei ist meine Droge […] ich mag ihre Geschmeidigkeit, die fließende Technik ...". Es folgen erste Ausstellungen in Paris.

Erstaunlich ist ihre Entwicklung in der Ehe mit dem Diplomaten Lionel de Roulet, den sie 1942 heiratet. Ohne es infrage zu stellen, zieht sie mit ihm von Land zu Land, was ihrer Karriere nicht eben förderlich ist. "Paris, das Zentrum der Kunst, aufzugeben, belastete mich."
Sie lebt in Portugal, im Wien der Nachkriegszeit, zieht nach Marokko, verliebt sich in Italien und lebt schließlich mit ihrem Mann im Elsass.

Diese Reisen und Aufenthalte führten sie in ihrer Kunst weiter. Thematisch wurden ihre Arbeiten zunehmend gesellschaftskritischer und politischer. In Portugal nahm sie den extremen Gegensatz zwischen der armen Bevölkerung und den "Damen vom ersten Stand" wahr und porträtierte die harte Feldarbeit portugiesischer Frauen. Früher als ihre Schwester Simone hatte die Malerin ein Verständnis für Geschlechterrollen. In Wien wird ihr die Arbeit übertragen, für die französische Bibliothek eine Wandmalerei mit vier Fresken herzustellen.

Ihren Aufenthalt in Marokko erlebt sie als Wendepunkt. Sie war entsetzt über ihre Landsleute. "Sie zeigten mir alles Hässliche, was der Kolonialismus mit sich brachte." Gleichzeitig war sie von der Schönheit des Landes, seiner Landschaften und Gärten fasziniert. Das Malerische dieser Landschaft barg in sich die Gefahr "dem Kitsch [zu] verfallen", so dass sie beschloss, ihre Maltechnik zu ändern. Sie begann flächiger zu arbeiten und benutzte reine Farben. Diese Gemälde, die sie 1951 in Paris ausstellte, fanden ein großes positives Echo.

Die ständigen Wohnsitzwechsel bedeuteten jedoch auch, dass sie in der Pariser Kunstszene wenig vernetzt war und keinen Mentor hatte, der ihre Arbeiten förderte. Dadurch und durch das Fehlen von Menschen, die ihren Nachlass nach ihrem Tod verwalteten, geriet ihr Werk schnell in Vergessenheit.

Dabei ist es ein erstaunliches: 1968 erregte sie mit einer dreißig Gemälde umfassenden Serie Aufsehen, die die StudentInnenrevolte und das harte Eingreifen der Polizei darstellt und die sie Wonnemonat Mai nennt. Ihre Teilnahme an Frauendemonstrationen gegen Abtreibung und gegen männliche Gewalt schlagen sich auch in ihren Bildern nieder. Werke mit den Titeln "Blick einer Frau auf die Welt der Männer" oder "Die Frauen leiden, die Männer richten" weisen auf dieses Engagement hin.

Zeitlebens bricht die Beziehung zu ihrer Schwester nicht ab, auch wenn sie sich weniger eng entwickelt. Hélène de Beauvoir zeigte sich auch noch nach der Veröffentlichung der Tagebücher Simones loyal, in denen sie lesen musste, dass diese ihr jegliches Talent absprach.

Der wunderbar gestaltete Band basiert auf Interviews, die der Autor und Herausgeber Marcelle Routier 1987 mit der Malerin führte. Ergänzt wird er durch zahlreiche Fotos, Bilder und Anmerkungen von ZeitzeugInnen über Hélène de Beauvoir und ihr Werk.

AVIVA-Tipp: In ihrer mit Verve geschriebenen Lebensgeschichte gelingt Hélène de Beauvoir das anschauliche Bild einer freiheitsliebenden Künstlerin und eine bewegende Darstellung zweier Schwestern, die für den Kampf um die Selbstbestimmung von Frauen brannten.

Zur Autorin: Hélène de Beauvoir, 1910 in Paris geboren, besuchte nach dem Abitur Kunstschulen und Akademien. 1936 erstes Atelier. 1936 erste Ausstellung in Paris. Danach weitere zahlreiche Ausstellungen in Portugal, Italien, Deutschland, Japan … Mitbegründerin des Straßburger Frauenhauses. 2001 stirbt sie im Alter von 91 Jahren in Goxwiller, Elsass.

Zur Herausgeberin: Dr. Karin Sagner, geboren 1955, studierte Kunstgeschichte und Germanistik und promovierte über Claude Monet. Sie ist freie Autorin und Kuratorin und berät als international anerkannte Kunstexpertin Museen und Kunsthäuser. Zudem ist sie Autorin mehrerer Bücher über französische und deutsche Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, konzipiert Ausstellungen und hält Vorträge.

Zur Übersetzerin: Elsbeth Ranke übersetzt aus dem Französischen. 2004 erhielt sie den Andre-Gide-Preis, der seit 1997 junge ÜbersetzerInnen im deutsch-französischen Literaturtransfer fördert. Sie lebt in Gouvieux bei Paris.

Hélène de Beauvoir
Souvenirs. Ich habe immer getan, was ich wollte. Die begabte Generation: Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Simone de Beauvoir, Pablo Picasso

Originaltitel: Souvenirs
Hrsg. von Karin Sagner. Übersetzung von Elsbeth Ranke
Elisabeth Sandmann Verlag, erschienen 2014
287 S.
ISBN 978-3-938045-89-3
24,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Simone de Beauvoir - 25. Todestag am 14. April 2011

Simone de Beauvoir zum 100. Geburtstag (2007)


Literatur Beitrag vom 23.04.2014 Bärbel Gerdes 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken