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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 26.08.2014

Karine Tuil - Die Gierigen
Dorothee Robrecht

Der f├╝r den Prix Goncourt nominierte Roman ist ein furioses Sittengem├Ąlde ├╝ber das Frankreich von heute ÔÇô ├╝ber Araber und Juden, ├╝ber Rassismus, ├╝ber den Zwang, Erfolg haben zu m├╝ssen und dar├╝ber,..



... was dieser Zwang mit Menschen macht.

Karine Tuil ist der Star der franz├Âsischen Literaturszene: Drei mal schon war die Pariserin nominiert f├╝r den Prix Goncourt, auch mit diesem, ihrem neunten Buch. Erschienen ist das franz├Âsische Original im Herbst 2013 unter dem Titel "L┬┤invention de nos vies", und auch wenn es den h├Âchsten Literaturpreis des Landes letztendlich nicht bekam ÔÇô das Medienecho war enorm. Ganz offenbar hat dieser Roman in Frankreich einen Nerv getroffen, und das wohl auch, weil einer der beiden M├Ąnner, um die es geht, ein sex-maniac ist, der an Dominique Strauss-Kahn erinnert.

Inspiriert allerdings, so Karine Tuil, habe sie nicht Dominique Strauss-Kahn, sondern das aktuelle gesellschaftliche Klima, in dem es vor allem darum gehe, Erfolg zu haben, hochzuklettern auf der sozialen Leiter, koste es was es wolle. Und tats├Ąchlich: In ihrem Buch ist Erfolg der Fetisch, nicht Sex. Was (Mi├č)Erfolg mit Menschen macht und vor allem auch, was Menschen machen, um Erfolg zu haben, beschreibt der Roman anhand der Geschichte zweier Freunde, die zusammen aufwuchsen in der Pariser Banlieu.

Der eine hei├čt Sam Tahar, ein ├Ąu├čerst viriler und ehrgeiziger Mann. Der Roman erz├Ąhlt, wie er, Sohn arabischer Immigranten, Jura studiert und trotz Bestnoten Probleme hat, eine Arbeit zu finden. ├ťberzeugt davon, seine arabische Herkunft sei schuld, gibt er sich als Jude aus, und diese L├╝ge fruchtet auch - zun├Ąchst zumindest. Sam Tahar macht eine geradezu unglaubliche Karriere, die ihn hochkatapultiert bis in die Gipfel der New Yorker High Society. Er heiratet eine Jewish American Princess, die Tochter eines der reichsten Unternehmer in den USA, hat zwei Kinder mit ihr und schl├Ąft ansonsten mit jeder, wirklich jeder Frau, die ihm halbwegs attraktiv erscheint. Gewalt anwenden muss er nicht. Einem Mann, der zutiefst ├╝berzeugt ist von sich und seiner sexuellen Attraktivit├Ąt, kann keine widerstehen, so zumindest beschreibt es der Roman.

Die zweite Geschichte ist die des Samuel Baron. Baron hat mit Tahar studiert, ist aber in Paris geblieben und fristet dort ein eher k├╝mmerliches Dasein. Sein Geld verdient er als Sozialarbeiter, als Schriftsteller ist er gescheitert. Samuel Baron ist Jude, kein Araber, doch an seiner Herkunft krankt auch er. Er schreibt ein Buch, in dem er sein Scheitern analysiert als Folge elterlichen Drucks, eines Drucks, der besonders stark war, weil seine Eltern Diskriminierung erlebten. Solche Eltern, so sein Fazit, erwarten die Rettung von ihren Kindern, sie brauchen deren Erfolg, um sich rehabilitiert zu f├╝hlen. Und ganz offensichtlich ist das eine Erfahrung, die auch die Autorin Karine Tuil gemacht hat:

"Meine Eltern, j├╝dische Einwanderer aus Nordafrika, hatten ein sehr starkes Bed├╝rfnis, sich zu integrieren und zu assimilieren. Deshalb interessiert mich das Thema Diskriminierung. Ich habe dieses Buch mit der sozialen Wut geschrieben, die ich in mir habe aufgrund meiner Herkunft."

W├╝tend ist ihr Buch tats├Ąchlich und furios der Stil ÔÇô ein Stil, der Rap zitiert, wenn er slashes setzt statt Punkt und Komma: ///. Psychologisch absolut ├╝berzeugend, liest es sich wie ein Krimi, und nicht selten stockt der Atem. Dann zum Beispiel, wenn die Vergewaltigung einer 13j├Ąhrigen durch eine Gang von Jungs beschrieben wird, als passierte sie im Hier und Jetzt. Dass Diskriminierung Gewalt bedeutet, macht das Buch ganz unmissverst├Ąndlich klar. Genauso auch, dass diese Gewalt oft eine sexualisierte ist und Frauen ganz besonders trifft. Gerade deshalb aber verwundert, wie blass die Frauen sind, die Karine Tuil in ihrem Roman beschreibt. Den "Bechdel-Test" jedenfalls w├╝rde er nicht bestehen. Drei Fragen nur stellt dieser Test: Kommen mindestens zwei Frauen vor? Sprechen sie miteinander? Wenn ja, nur ├╝ber M├Ąnner oder auch ├╝ber anderes?

Die Antwort auf die erste Frage ist: ja. Es gibt mehr als zwei Frauen in diesem Buch, drei sogar. Doch alle drei sind Statistinnen, definiert ausschlie├člich ├╝ber ihr Verh├Ąltnis zu einem der beiden M├Ąnner, als Mutter, Geliebte, Gattin. Nina zum Beispiel, die Frau, die beide lieben ÔÇô diese Nina hat nicht wirklich einen Charakter, den der Roman entwickeln w├╝rde. Sie ist sch├Ân, einfach sch├Ân, und ansonsten eher Klischee als Mensch: ein Model, das sich aushalten l├Ąsst, erstaunlich passiv ist und aktiv wird erst dann, als das Geld ausbleibt.

Zu Frage Zwei, der Frage danach, ob Frauen miteinander reden in diesem Buch: Nein, das tun sie nicht. Was vielleicht logisch ist, denn viel zu sagen haben sich Ehefrauen und Geliebte wohl nur selten. Und dennoch: W├Ąhrend die M├Ąnner im Buch Freunde haben mit denen sie reden, sind die Frauen allein, eine Freundin hat keine. Das Buch hat fast 500 Seiten, doch nicht eine gibt ein Gespr├Ąch zwischen zwei Frauen wieder. Womit auch Frage Drei beantwortet w├Ąre: Geredet wird in diesem Buch nur ├╝ber M├Ąnner - von einer Frau allerdings, die eine ziemlich fantastische Schriftstellerin ist.

AVIVA-Tipp: Brillant geschrieben (und ├╝bersetzt) - lesenswert besonders f├╝r Franko- und Androphile, die die diversen Anspielungen auf politische Skandale und Skand├Ąlchen zu sch├Ątzen wissen.

Zur Autorin: Karine Tuil, geboren 1972, studierte Jura in Paris und besch├Ąftigt sich derzeit in ihrer Doktorarbeit mit gesetzlichen Bestimmungen zu Wahlkampfkampagnen in den Medien. Sie ist Autorin mehrerer gefeierter Romane und lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Paris. (Verlagsinformation)
Die Autorin im Netz: twitter.com/karinetuil

Karine Tuil
Die Gierigen

Originaltitel: L┬┤invention de nos vies
├ťbersetzt von Maja Ueberle-Pfaff
Gebunden mit Schutzumschlag, 479 Seiten
Aufbau Verlag, erschienen 18. August 2014
978-3-351-03378-1
19,95 Euro
www.aufbau-verlag.de

Weiterf├╝hrende Links:

Karine Tuil im Interview mit Brigitte Bontour, Le Nouvel Observateur

Le Nouvel Observateur

Der Bechdel-Test, benannt nach der amerikanischen Cartoonistin Alison Bechdel, die in einem ihrer Comics eine Frau sagen l├Ąsst, sie sehe sich Filme grunds├Ątzlich nur dann an, wenn sie drei Bedingungen erf├╝llen: 1. Es m├╝ssen mindestens zwei Frauen vorkommen. 2. Die Frauen m├╝ssen miteinander reden, und das ÔÇô 3. ÔÇô nicht nur ├╝ber M├Ąnner.
Mehr unter www.dykestowatchoutfor.com









Literatur Beitrag vom 26.08.2014 AVIVA-Redaktion 

   




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