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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 20.09.2014

Paula Fox - Die Zigarette und andere Stories
Teresa Lunz

Momentaufnahmen, teils autobiographisch, teils exemplarisch und aus dem Leben erdacht, bildet die 1923 in New York geborene Autorin in ihren Kurzgeschichten durch scharf gezeichnete Figuren ab.



Die Shortstorys, Erz├Ąhlungen und Essays, entstanden zwischen 1965 und 2010, spiegeln wieder, was die Autorin, Journalistin und Essayistin bewegte. Gezeigt werden die "Risse" und ihre m├Âglichen Auswirkungen, die jede Existenz in sich tr├Ągt. Scheinbar verfolgt ihre Anordnung kein bestimmtes Ziel: Die/der LeserIn steigt ein mit der titelgebenden Story "Die Zigarette", in der Paula Fox erz├Ąhlt, wie sie zur Raucherin wurde: Der unkonventionelle Vater n├Âtigte zum Rauchen in dem Glauben, er erspare es ihr so, es heimlich zu tun. Und sie schildert, wie sie es gut ein halbes Jahrhundert sp├Ąter, ebensowenig durch eine freie Willensentscheidung, wieder aufgab: Durch einen Stra├čen├╝berfall in Jerusalem erlitt sie eine Hirnblutung, die eine Odyssee durch Kliniken und Pflegestationen nach sich zog. Erinnerungen, Bewegungs-, Ausdrucksf├Ąhigkeit kehrten schrittweise zur├╝ck, das Verlangen zu rauchen nicht.

Schnitt. Es folgt eine Geschichte, in der der Protagonist w├Ąhrend der Beerdigung seines Sohnes nicht weinen kann, weil er anscheinend die Grausamkeit der Welt zu gew├Âhnt ist, um noch Ersch├╝tterung zu empfinden. Erst als er mit seiner Tochter einen Zeichentrickfilm anschaut, bricht er zusammen, denn nun wird ihm die allgemeine Sinnentleerung bewusst. Schnitt. Gerald bricht die Korrespondenz mit einem alten Freund ab und verweigert ihm ein Wiedersehen. Kann er es nicht ertragen, den eigenen Werdegang in dem gespiegelt zu sehen, den der Bekannte aus diesem fr├╝heren Leben verk├Ârpert? Schnitt. Eine Frauenstimme erz├Ąhlt ├╝ber ihre ungelebte Liebe zu einem alten Mann, dessen Haushalt sie f├╝hrt. Obwohl ihr K├╝stendorf, nunmehr von ├ľlteppichen umsp├╝lt, langsam dahinstirbt, ist sie unf├Ąhig, ihm in die Stadt zu folgen, wo die Zukunft wartete. Schnitt. Schlie├člich schwenkt Paula Fox wieder zur eigenen Erfahrung um. Erz├Ąhlt von ihrer unter ├Ąrmlichsten Verh├Ąltnissen zugebrachten Kindheit mit der Gro├čmutter. Von ihrer Anstellung im Kinderheim. Von der Kraft der Worte. Vom Fehldenken hinter der Zensur. Von ihrem Schwager Clem, der bei aller Selbstgef├Ąlligkeit doch scharfes Urteilsverm├Âgen besa├č. Davon, wie jede/r sich darum bem├╝hen sollte, gl├╝cklich zu leben und zu akzeptieren, was das v├Âllige Gl├╝ck st├Ârt, auch wenn es nicht immer ganz leicht f├Ąllt.

Sobald die Autorin davon abweicht, ├╝ber Selbsterlebtes zu berichten, w├Ąhlt sie ausschlie├člich m├Ąnnliche Protagonisten. Was tut Paula Fox in diesen Geschichten? Sie ermutigt die LeserInnen, Fragen zu der Situation, der Figur, letztlich dem eigenen Leben zu stellen, die im Alltag untergehen. Jede Geschichte k├Ânnte auch isoliert gelesen werden, gemeinsam sind ihnen die "Risse im Leben". Es bedarf sensibler BeobachterInnen, um sie einzufangen. Paula Fox gelingt dies meisterlich, bei verschiedenen Personen, in verschiedenen Lebenslagen, durch die Jahrzehnte hinweg. Sie konfrontiert uns in diesen 17 kurzen Texten, Erz├Ąhlungen oder autobiographischen Episoden, mit den verborgenen Abgr├╝nden in jeder vermeintlichen Alltagsidylle. Unaufgeregt, frei von rei├čerischen Untert├Ânen ÔÇô selbst wenn von der seelischen Not der in Konzentrationslagern geborenen Kinder oder einem unter ihrem Fenster in Manhattan ver├╝bten Mordanschlag erz├Ąhlt wird - aber immer mit Feingef├╝hl f├╝r das Wesentliche.

Die Literaturkritikerin Bernadette Conrad gibt uns mit ihrem Nachwort einen wertvollen Leseschl├╝ssel in die Hand, der es erm├Âglicht, der Lekt├╝re vertiefende Reflexionen zu Paula Fox selbst und der "Geschichte hinter den Geschichten" folgen zu lassen. Sie hebt auf die scheinbare Zuf├Ąlligkeit ab, die der Konzeption dieses Bandes zugrunde liegt. "Sicher scheint allein die Magie der Geschichte selbst" und die "Leidenschaft der Suche", die der Autorin innewohnt, die nie eine Chance hatte, Glauben an absolute Sicherheit zu entwickeln.

Als Kind lernte Paula solche nie kennen. Als Erwachsene, als Autorin bleibt sie sensibel f├╝r die Unsicherheit in allem Alltagsgeschehen, in jeder pers├Ânlichen Geschichte, in jedem kleinen Momenterlebnis. Sie kreidet nicht an, will keine ├ängste sch├╝ren. Doch sie sensibilisiert ihren LeserInnen und ermutigt, nach der tieferen Wahrheit in jedem Ereignis zu fragen. "Offenheit f├╝r das Unertr├Ągliche", mit Bernadette Conrads Worten gesprochen, wird eingefordert, keine Verzweiflung daran.

AVIVA-Tipp: Auf jeweils maximal 25 Seiten gelingt es Paula Fox immer wieder neu, ihre LeserInnen zu fesseln, mit ihnen zu kommunizieren und ├ťberlegungen anzuregen.

Zur Autorin: Paula Fox wurde 1923 als Kind eines irisch-englischen Vaters und einer kubanischen Mutter in New York City geboren. Sp├Ąter war sie als Journalistin und Essayistin bei verschiedenen Zeitungen t├Ątig, ver├Âffentlichte sechs Romane, zuletzt "Lauras Schweigen", sowie zahlreiche Kinderb├╝cher, f├╝r die sie mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis ausgezeichnet wurde. Paula Fox ist verheiratet, hat drei Kinder und mehrere EnkelInnen, darunter die S├Ąngerin Courtney Love. Bei dtv erschienen von ihr auch: "Der Gott der Alptr├Ąume", "In fremden Kleidern", "Der k├Ąlteste Winter", "Pech f├╝r George", "Luisa" und "Was am Ende bleibt". (Verlagsinformationen)
Mehr Informationen zu Paula Fox unter: www.dtv.de


Paula Fox
Die Zigarette und andere Stories

Originaltitel: News from the World: Stories and Essays
Deutscher Taschenbuch Verlag, erschienen September 2014
Taschenbuch, 225 Seiten
ISBN 978-3-423-14340-0
Euro 9,90


Weiterlesen: "Zum 90. Geburtstag von Paula Fox" in der Frankfurter Allgemeinen vom 22.04.2013: www.faz.net

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Alice Munro - Liebes Leben. 14 Erz├Ąhlungen

Literatur Beitrag vom 20.09.2014 Teresa Lunz 

   




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