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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 29.09.2014

Julia Trompeter - Die Mittlerin
Claire Horst

"Ich hab nie ein Vorbild gehabt und auch nie eins wollen." Dass die Autorin ihrem Buch ausgerechnet dieses Thomas-Bernhard-Zitat als Motto voranstellt, ist ein gelungener Witz – denn schon auf...



... den ersten Seiten stellt sich heraus, dass Bernhard nichts anderes ist als das größte, unerreichbare, bewundernswerte Vorbild von Autorin und Protagonistin.

Bernhard-EpigonInnen gibt es viele, und nicht alle kopieren den Meister der selbstreflexiven Bandwurmsätze so gekonnt wie Barbi Markovic in ihrem Roman Ausgehen.

Mag sein, dass Julia Trompeter kein Vorbild will. Von Bernhard kommt sie dennoch genauso wenig los wie von Aristoteles und Platon, an denen sie im Rahmen ihres Philosophiestudiums hängengeblieben ist. Und genauso geht es ihrer Hauptfigur, die wie sie selbst als Lyrikerin und promovierte Philosophin in Berlin wohnt, sich mit mehr oder weniger erfüllenden Jobs durchschlägt und von einer Agentin, der titelgebenden Mittlerin, den Auftrag erhalten hat, einen Roman zu schreiben. Sie kann nur Lyrik, erklärt sie der Agentin in ausufernden Telefonaten, nur um sich dann mit ihr in möglichst bernhardesk-wienerischen Kaffeehäusern in Kreuzberg zu treffen und die Unmöglichkeit des Auftrags weiter zu verhandeln – und am Ende zuzusagen:

"Dann waren wir doch durch die dreckigen Straßen von Kreuzberg gelaufen und hatten ein Kaffeehaus aufgesucht, eines, das dem Wiener Hawelka möglichst nahe kommen sollte, damit ich, damit wir uns einfühlen können sollten, denn Bernhard war, wie die Mittlerin unmittelbar einsah, ein hochsensibles, man könnte sagen, ein zerbrechliches Thema, das wir, um es nicht zu zerreden, am besten in einem Kaffeehaus zur Sprache bringen sollten, da, im Geklapper alter Kannen, würde es sich vielleicht heimisch fühlen, würde es die hallenartigen Wände emporsteigen können `wie Pfeifenqualm`, hatte ich zur Mittlerin gesagt, und ich hatte gesehen, dass sie angesichts dieser vorzüglich gewählten Metapher meinerseits wieder Hoffnung geschöpft hatte, Hoffnung, dass ihre Hoffnungen in mich nicht in den Winde gesetzt waren, natürlich nur sofern es möglich ist, auf die Hoffnung zu hoffen."

Um den "unmöglichen" Auftrag in die Tat umzusetzen, fehlt ihr nur ein winziges Element: ein Plot. Und spätestens hier kommt Bernhard ins Spiel. Denn ihre um die Frage nach dem Plot kreisenden Gedankengänge teilt die Hauptfigur in ebenso verspulten Satzkonstruktionen mit wie der verehrte Autor. Auf dem Weg zur Arbeit in einem Start-Up-Unternehmen, beim Trinken in einer verrauchten Kneipe, beim ernüchternden Aufwachen neben einer nächtlichen Eroberung: Der Suche nach dem Plot geht sie so lange nach, bis sich aus ebendieser Suche ein Plot ergibt – und der ist tatsächlich buchfüllend und stellenweise sehr komisch. Wie zum Beispiel bei der Überlegung, wie die Umsetzung des Romanprojektes aussehen könnte. So träumt die Protagonistin von einem AutorInnenteam,

"damit ich mein bescheidenes Unterfangen, die Geschichten eines halben Nachmittags aufzuzeichnen, würde in die Tat umsetzen können. Geschichten eines halben Nachmittags, eine Anthologie in 1552 Bänden, würde ich das Buch nennen, und es würde sich, nehme ich an, rasend gut verkaufen, weil ja ein jeder Mensch ein Stückchen Geschichte, eine kleines Scheibe dieses Nachmittags in seinem eigenen Leben wiederfinden könnte und dieses Kunstwerk somit ein hohes Identifikationspotenzial in sich trüge."

Nur wenig verrät die Erzählerin über sich selbst. Aus ihren Selbstzweifeln und Assoziationen wird erkennbar, dass sie allein lebt, sich übergewichtig findet, mehrere Jobs jongliert. Viel mehr Informationen gibt es nicht – und das ist auch nicht wichtig. Denn trotz der überdeutlichen Absage an einen "Plot", an das Konzept Unterhaltungsroman, hat Julia Trompeter einen höchst unterhaltsamen Roman geschrieben, der einzig im Nachdenken über die Idee "Unterhaltungsroman" besteht. Nicht nur der verehrte Thomas Bernhard, dem sie einen Großteil ihrer Gedanken widmet, auch die von ihr verachtete Virginia Woolf und weitere AutorInnen werden zu ProtagonistInnen ihrer Gedankengänge, was unvermeidlich zur gedanklichen Vorwegnahme möglicher Einwände der Mittlerin führt. Was wird die wohl sagen, wenn sich auch noch Platon in die sowieso schon kaum verkäufliche Geschichte mischt?

AVIVA-Tipp: Mit ihrem Debütroman gelingt Trompeter genau das, was die Romane von Bernhard so auszeichnet: So sehr jeder einzelne Satz eine Verweigerung an Sinnerwartungen darstellt, so deutlich beweisen die gleichen Sätze auch die Suche der Hauptfigur nach dem Sinn – der Literatur, der Berliner Literaturszene und des eigenen Lebens.

Zur Autorin: Julia Trompeter wurde 1980 in Siegburg geboren. Sie studierte Philosophie, Germanistik und Klassische Literaturwissenschaft in Köln und promovierte in Berlin und Bochum. Seit 2009 tritt sie in dem performativen Projekt Sprechduette zusammen mit Xaver Römer auf. 2010 war sie Finalistin des open mike, 2012 erhielt sie das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln, 2013 für ihren Debütroman eine Förderung der Kunststiftung NRW. (Verlagsinformationen)

Julia Trompeter im Netz: www.sprechduette.de, www.poetenladen.de/julia-trompeter.htm

Julia Trompeter
Die Mittlerin

Schöffling & Co., Frankfurt a. M., erschienen 2014
Hardcover, 215 Seiten
ISBN: 978-3-89561-635-8
19,95 Euro

Ein Video der Sprechduette:

Julia Trompeter & Xaver Römer - Sprechduette

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Barbi Markovic – Ausgehen

Literatur Beitrag vom 29.09.2014 Claire Horst 

   




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