Lily Brett - Immer noch New York - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD Happy End
Aviva-Berlin > Literatur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J├╝disches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   J├╝disches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Chanukka 5778




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild f├╝r das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 10.11.2014

Lily Brett - Immer noch New York
Claire Horst

Ebenso viel wie ├╝ber New York erz├Ąhlt die j├╝disch-amerikanische Autorin in diesen Kolumnen ├╝ber sich selbst, ├╝ber ihre Marotten und die ihrer Bekannten. Der Trend zur Wahrsagerin oder pl├Âtzliche...



... Gel├╝ste nach Strudel werden dabei ebenso leichtf├╝├čig zu Geschichten verarbeitet wie ihre dramatische Familiengeschichte.

Der Mann mit dem Papagei auf dem Kopf, der abweisende und strenge Schuhmacher oder die Obdachlose mit dem "enzyklop├Ądische(n) Wissen ├╝ber amerikanische Filme", Lily Bretts Figuren sind skurril und vielschichtig ÔÇô eben genau wie in der Wirklichkeit. Ihr Blick auf ihre Umgebung ist pr├Ązise, aber nie verletzend. Dazu ist ihre Liebe zu der Stadt New York und zu den Menschen, die darin leben, viel zu gro├č.

Ihre Liebe zum Detail macht diese Geschichten zu etwas Besonderem, die Pr├Ązision, mit der sie allt├Ągliche Geschehnisse beobachtet und zu Literatur werden l├Ąsst. So widmet sie eine ganze Seite dem Streit zwischen zwei Unbekannten um die Sechzig, die sie auf der Stra├če sieht.

"Nun sah der Mann aus, als flehte er sie inst├Ąndig an. Sie sch├╝ttelte sehr entschieden den Kopf. Beide waren inzwischen regennass. Pl├Âtzlich fiel der Mann auf die Knie. Er hob die gefalteten H├Ąnde und sah zu ihr hoch. Mir war klar, dass er um Vergebung bat. Sie sch├╝ttelte wieder den Kopf und ging davon. Er blieb noch etwa eine Minute lang im Regen knien, bevor er aufstand und ihr nachlief."

Komik und leise Melancholie wechseln sich in den kurzen Texten ab. Eine der Kolumnen beginnt mit der Beschreibung einer grundlegenden Einsamkeit: "... Eine Einsamkeit, die so tief in meinem Inneren verwurzelt ist, dass sie sich ausnimmt wie ein Teil meines Kreislaufs oder meines H├Ârverm├Âgens oder meiner Blutgef├Ą├če. Es ist kein gutes Gef├╝hl." Die Unm├Âglichkeit, einen Glauben zu finden, der diese Einsamkeit lindern k├Ânnte, erkl├Ąrt Brett mit der Erfahrung ihrer Eltern, die Auschwitz ├╝berlebt haben: "Das ist vergiftetes Erbe meiner Eltern, die jeder f├╝r sich beschlossen haben, Gott zu entsorgen, als sie in der chaotischen und karzinomat├Âsen Welt von Auschwitz eingekerkert waren."

Aber, und das ist das Beeindruckende an den Texten von Brett, von der Beschreibung ihrer zahllosen Toten gelangt sie in nur zwei S├Ątzen zu dem Talent ihres fast hundertj├Ąhrigen Vaters, das Leben zu genie├čen, zu flirten und jeglichen Opferstatus vollkommen von sich zu weisen. Sein Umgang mit seiner Bettl├Ągerigkeit nach einem Unfall wird dabei zu einer Metapher f├╝r seinen ├ťberlebens- und Genusswillen. Denn statt sich von seinen Pflegerinnen f├╝ttern und zu ├ťbungen anhalten zu lassen, brummt er ihnen ein Gymnastikprogramm auf:

"Seine Pflegerinnen mussten sich auf sein Bett legen und die Beine in die Luft heben, zehnmal nacheinander, w├Ąhrend er im Sessel sa├č und ihre Haltung und ihre Bewegungen korrigierte. `Dr├╝cken Sie die Knie durch`, rief er in regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden. Manchmal ging die Begeisterung mit ihm durch, und er schrie seine Anweisungen. `Heben Sie das Bein h├Âher und halten Sie das Knie gut durchgedr├╝ckt`, schrie er mit dem Habitus und der Autorit├Ąt eines gut ausgebildeten und erfahrenen Physiotherapeuten. (...) Als die H├╝fte meines Vaters geheilt war, hatten beide Frauen mehr als zehn Pfund abgenommen."

AVIVA-Tipp: Komische bis banale Reflexionen ├╝ber Alltagserscheinungen wie Hunde in Pullovern oder Pferde in luxuri├Âsen St├Ąllen wechseln sich ab mit Betrachtungen zum allt├Ąglichen Antisemitismus oder dem immer noch grassierenden Sexismus in den Medien. Und dieser Wechsel ist positiv und negativ zugleich. Denn einerseits ist es sehr erfrischend, Bretts assoziativen Gedankeng├Ąngen zu folgen. Andererseits wirken einige der Texte auch etwas belanglos. Nicht jede dieser kleinen Geschichten h├Ątte unbedingt ver├Âffentlicht werden m├╝ssen. Trotzdem lohnt sich die Lekt├╝re schon aufgrund der Lacher, f├╝r die zumindest ein Teil der Geschichten sorgt.

Zur Autorin: Lily Brett wurde 1946 in Deutschland geboren. Ihre Eltern heirateten im Ghetto von Lodz, wurden im KZ Auschwitz getrennt und fanden einander erst nach zw├Âlf Monaten wieder. 1948 wanderte die Familie nach Brunswick in Australien aus. Mit neunzehn Jahren begann Lily Brett f├╝r eine australische Rockmusik-Zeitschrift zu schreiben. Sie interviewte und portr├Ątierte zahlreiche Stars wie Jimi Hendrix oder Mick Jagger. Heute lebt die Autorin in New York. In regelm├Ą├čigen Kolumnen der Wochenzeitung "DIE ZEIT" hat Lily Brett diese Stadt portr├Ątiert. Sie ist mit dem Maler David Rankin verheiratet und hat drei Kinder. (Verlagsinformationen)

Die Autorin im Netz: www.lilybrett.com

Lily Brett
Immer noch New York

Aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz
Suhrkamp, erschienen im Oktober 2014
Gebunden, 223 Seiten
ISBN: 978-3-518-42467-4
19,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

AVIVA-Interview with Lily Brett (2006)

Lily Brett - Lola Bensky. Roman und H├Ârbuch, gelesen von Magdalene Artelt

Lily Brett ÔÇô Chuzpe

Lily Brett - Alles halb so schlimm!


Literatur Beitrag vom 10.11.2014 Claire Horst 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken