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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 08.12.2014

Lorenz S. Beckhardt - Der Jude mit dem Hakenkreuz. Meine deutsche Familie
Claire Horst

Mit 18 Jahren erf├Ąhrt Lorenz Beckhardt zuf├Ąllig, dass er Jude ist. Und zun├Ąchst passt diese Information ├╝berhaupt nicht zu dem, was er von seiner Familie wei├č. Sein Gro├čvater Fritz war einer der...



... h├Âchst dekorierten Kampfflieger im Ersten Weltkrieg, ein deutscher Patriot, und Lorenz Beckhardt selbst hat ein katholisches Internat besucht.

Diese Familie soll j├╝disch sein? Beckhardt kann es kaum glauben, und viele Jahre lang nimmt das neue Wissen keinerlei Einfluss auf sein Leben. Erst als ein bislang unbekannter Onkel auftaucht, ein unehelicher Sohn des Gro├čvaters, beginnt er zu recherchieren.

Wie das geht, wei├č Beckhardt: Der ausgebildete Journalist leitet die nano-Redaktion beim WDR. Das ist ein Gl├╝ck f├╝r die Leserin, denn Beckhardt versteht es meisterhaft, die Geschichte seiner Familie erz├Ąhlend mit der Geschichte des deutschen Judentums zu verkn├╝pfen. Und beide Geschichten verfolgt er bis weit hinter die Geburt seines Gro├čvaters, des "Juden mit dem Hakenkreuz", zur├╝ck. Seine pers├Ânliche Suche nach Antworten bildet dabei den roten Faden. Immer wieder tritt er als Autor selber auf, l├Ąsst die Leserin teilhaben an den eigenen Emotionen, an der eigenen ├ťberraschung oder dem eigenen Entsetzen.

Vorangestellt ist dem Buch ein Prolog, der die Beschneidung des Autors ÔÇô l├Ąngst ist er erwachsen ÔÇô schildert. In die eigentliche Handlung steigen wir dann im Jahr 1950 ein: Fritz Beckhardt hat die Schoah ├╝berlebt und ist nach Wiesbaden-Sonnenberg zur├╝ckgekehrt, wo er seinen Lebensmittelladen wiederer├Âffnet. Und in nur wenigen S├Ątzen wird das Entsetzliche deutlich, das mit dem Krieg l├Ąngst nicht vergangen ist ÔÇô der tiefsitzende Antisemitismus der nichtj├╝dischen Deutschen. "An jenem Herbsttag des Jahres 1950 stand Fritz in seinem Schaufenster, r├Âstete Kaffee und wartete auf Kundschaft, aber niemand kam. Es war der Tag der Wiederer├Âffnung des Gesch├Ąfts, das Fritz im Februar 1934 nach einem vernichtenden Boykott der ├Ârtlichen Bev├Âlkerung hatte schlie├čen m├╝ssen."

Die NS-Zeit ist vergangen ÔÇô doch die Deutschen sind die gleichen geblieben. Die Entt├Ąuschung der R├╝ckkehrerInnen stellt der Autor sehr plastisch dar: "Ich habe einen Traum", so beginnt ein Abschnitt, in dem Beckhardt fantasiert, wie die ideale Aufarbeitung der NS-Zeit h├Ątte aussehen k├Ânnen: J├╝dische HeimkehrerInnen werden zumindest finanziell entsch├Ądigt, ihr Leid wird in Zeitungen anerkannt und erinnert, sie erhalten gro├čz├╝gigen Wohnraum, ihre Kinder k├Ânnen in eigens eingerichteten Kursen die verpasste Schulbildung nachholen, und der Staat verpflichtet die "Mitglieder von NS-Organisationen zu Hilfsdiensten in den Haushalten der ├╝berlebenden Juden". Leider folgt auf diesen Traum die ├╝ble Realit├Ąt im Nachkriegsdeutschland. In dieser Realit├Ąt k├Ąmpft die Familie jahrelang um R├╝ckerstattung, wird von den gleichen NachbarInnen boykottiert wie vor dem Krieg, bereut Fritz` Sohn Kurt, der Vater des Autors, seine R├╝ckkehr aus England und geht Fritz schlie├člich an Entt├Ąuschung und unterdr├╝ckter Wut zugrunde, einen Herzinfarkt nach dem anderen hat er im Kampf mit B├╝rokratie und Ablehnung erlitten.

Doch Beckhardts Erz├Ąhlung reicht viel weiter zur├╝ck. Bis ins 16. Jahrhundert verfolgt er die Geschichte der ├Ârtlichen j├╝dischen Bev├Âlkerung in den Stadtarchiven zur├╝ck, schildert, wie seine Vorfahren Moses Abraham und Br├Ąunle Samuel im Jahr 1829 heiraten und an welche Sondergesetze sie gebunden sind. Dabei z├Ąhlt er niemals nur reine Daten auf, sondern l├Ąsst seine Figuren lebendig werden, imaginiert sie zu Menschen aus Fleisch und Blut.

Immer wieder versucht Beckhardt, das so schwer Vorstellbare durch Einf├╝hlung vorstellbar zu machen. Manchmal geht er dabei ein bisschen zu weit, wenn er etwa die Begeisterung der Jugend f├╝r die NS-Ideologie mit seiner eigenen jugendlichen Begeisterung f├╝r antiimperialistische Parolen vergleicht, an die er in den 80er Jahren glaubte.

Und dennoch sieht der Autor einen Hoffnungsschimmer f├╝r die Zukunft. Am Ende seines Buches steht die Freude dar├╝ber, dass sein Vater heute seine Lebensgeschichte an Schulen erz├Ąhlt. Und diese Erfahrung macht Hoffnung, denn die Kinder haben weder Ber├╝hrungs├Ąngste noch Vorurteile. "`Die Evolution fordert ihre Opfer┬┤, sage ich leise. `Die Arier┬┤ sterben aus.`"

AVIVA-Tipp: "Der Jude mit dem Hakenkreuz" verbindet zwei Str├Ąnge: Die pers├Ânliche Geschichte des Autors und seiner Familie und die Geschichte der deutschen J├╝dinnen und Juden seit dem Mittelalter werden miteinander verkn├╝pft. Sehr deutlich wird dabei, dass der Antisemitismus der Nazis keineswegs aus dem Nichts kam. Mit Anfeindungen und Ausgrenzungen mussten sich schon die Vorfahren der Beckhardts auseinandersetzen. Ein hochspannendes und wichtiges Buch, das sich trotz der riesigen Materialf├╝lle sehr gut lesen l├Ąsst.

Zum Autor: Lorenz S. Beckhardt, geb. 1961, Diplom-Chemiker und Journalist, Leiter der nano-Redaktion beim WDR. Recherchierte f├╝r den WDR-Dokumentarfilm "Der Jude mit dem Hakenkreuz" (WDR 2007) ├╝ber seinen Gro├čvater. (Verlagsinformationen)

Der Autor im Netz: https://twitter.com/LorenzBeckhardt

Lorenz S. Beckhardt
Der Jude mit dem Hakenkreuz. Meine deutsche Familie

Aufbau Verlag, erschienen im Oktober 2014
Gebunden mit Schutzumschlag, 480 Seiten
ISBN: 978-3-351-03276-0
24,95 Euro

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Literatur Beitrag vom 08.12.2014 Claire Horst 

   




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