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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 08.12.2014

Susanne Kippenberger - Das rote Schaf der Familie. Jessica Mitford und ihre Schwestern
Claire Horst

Erstaunlich, dass die Mitfords in Deutschland kaum bekannt sind. Eine derart schillernde Familie waren sie, dass sie in unz├Ąhligen britischen Dokumentationen und B├╝chern portr├Ątiert worden sind.



Nicht nur die unglaublichen Kontraste zwischen den sechs Schwestern, auch die Lebenswege jeder einzelnen geben genug her, um B├Ąnde zu f├╝llen.

"Ich bin normal, meine Frau ist normal, von meinen T├Âchtern aber ist eine verr├╝ckter als die andere", soll Baron Redesdale, der Vater der sechs Mitford-Schwestern, einmal gesagt haben. Verr├╝ckt" ist vielleicht das falsche Wort ÔÇô au├čergew├Âhnlich war diese Familie in jedem Fall. Neben Pamela, der h├Ąuslichen Schwester, die mit Pferden und Hunden auf dem Land lebte, waren da Diana, die Hitler verehrte und mit dem F├╝hrer der britischen Faschisten verheiratet war, und Unity Valkyrie, auch sie Hitler-Freundin. Sie schoss sich 1939 in den Kopf, nachdem Gro├čbritannien dem Deutschen Reich den Krieg erkl├Ąrt hatte und ├╝berlebte mit einer geistigen Behinderung. Erst im November 2014 starb mit Deborah die j├╝ngste der Schwestern, und die einzige, die ein klassisches Herzoginnen-Leben im Familienschloss gef├╝hrt hatte. Au├čerdem gab es Nancy, eine Erfolgsautorin, die den gr├Â├čten Teil ihres Lebens in Paris verbrachte. Der einzige Bruder, Tom, starb als Soldat im Zweiten Weltkrieg in Burma.

Kippenberger hat die rebellischste der Schwestern ausgew├Ąhlt. "Warum von den sechs Schwestern gerade sie? Weil Decca f├╝r mich nicht nur die faszinierendste, sondern auch die sympathischste ist", so die Autorin im Vorwort. Ihrer Biografie hat sie ein Zitat aus dem Film "Harold and Maude" vorangestellt ÔÇô eine Liedzeile von Cat Stevens: "If you want to sing out, sing out / And if you want to be free, be free." Zu ihrer Heldin passt die Zeile ganz wunderbar, denn Jessica (genannt Decca) Mitford lie├č sich nicht den Mund verbieten. Bis zu ihrem Lebensende ├╝berzeugte Kommunistin und B├╝rgerrechtlerin, Selfmade-Journalistin und Buchautorin, arbeitete sie vorrangig zu Themen, an denen sich andere nicht die Finger verbrennen wollten.

Schon mit 12 Jahren legte Decca ein "Weglaufkonto" bei der Privatbank ihrer aristokratischen Familie an, das sie mit 19 pl├╝nderte, um mit ihrem Cousin, den sie sp├Ąter heiratete, in den spanischen B├╝rgerkrieg zu ziehen. Gemeinsam gingen die Jugendlichen in die USA. Als ihr Mann im Krieg starb, schlug Decca sich zun├Ąchst mit Jobs durch, trat der KP der Vereinigten Staaten bei, schrieb Artikel und B├╝cher und solidarisierte sich mit der schwarzen B├╝rgerrechtsbewegung. Mit ihrem zweiten Mann, dem Anwalt Bob Treuhaft, unterst├╝tzte sie protestierende StudentInnen und MenschenrechtsaktivistInnen, die mit Repressionen zu k├Ąmpfen hatten.

Ohne selbst eine Schule besucht zu haben ÔÇô die Mutter hatte darauf bestanden, die T├Âchter zu Hause von Gouvernanten unterrichten zu lassen ÔÇô, wurde Decca zu einer bekannten Journalistin und Autorin. Ihre journalistische Arbeit war dabei immer eng verkn├╝pft mit ihrem politischen Aktivismus ÔÇô an das Credo, dass eine Journalistin stets Objektivit├Ąt wahren m├╝sse, glaubte sie nicht. So wurde sie 1967 gemeinsam mit eine Gruppe von "Freedom Riders", Menschen, die sich gegen die "Rassentrennung" einsetzten, vom Ku Klux Klan in einer Kirche in Alabama eingeschlossen und angegriffen. Ihre investigative Arbeit zur US-amerikanischen Bestattungsindustrie, "The American Way of Death", machte sie ber├╝hmt und f├╝hrte zu Anh├Ârungen im Kongress, die sich mit den unlauteren Praktiken vieler Bestatter besch├Ąftigten.

Kippenberger ist von ihrer Figur fasziniert, das ist dem Buch anzumerken, und doch verf├Ąllt sie nie in kritiklose Begeisterung. Ihre Jessica Mitford ist sich ihrer elit├Ąren Herkunft durchaus bewusst, und auch, wenn sie mit der Familie gebrochen hat, wei├č sie die Vorteile durchaus zu sch├Ątzen. Dass sie Kommunistin ist, hei├čt noch lange nicht, dass sie Luxus nicht genie├čen kannÔÇô und sie wei├č, was sie wert ist. So l├Ąsst Kippenberger die Redakteurin einer fast mittellosen linken Literaturzeitschrift zu Wort kommen, mit der Decca um jeden Cent Honorar feilschte, l├Ąsst auch Deccas Kinder und FreundInnen von den weniger angenehmen Eigenschaften der Autorin und Aktivistin erz├Ąhlen: Dogmatisch konnte sie sein, nicht willens, auch die Fehlschl├Ąge des Sozialismus wahrzunehmen.

Kippenbergers Decca ist witzig, bissig, eigenwillig, aber auch unnahbar und verletzlich. Sie kann aus vollem Hals lachen, ganze Menschenmassen zum Singen bewegen, aber auch politische Feinde blo├čstellen.

Fast 600 Seiten umfasst die Nacherz├Ąhlung von Jessica Mitfords Leben, allein die Literaturliste reicht ├╝ber zehn Seiten. Nicht nur das Leben dieser au├čergew├Âhnlichen Frau wird erz├Ąhlt, das Buch ist eine Erz├Ąhlung ├╝ber politische Bewegungen des 20. Jahrhunderts in den USA und in England.

AVIVA-Tipp: "Das rote Schaf" ist ein gro├čes Lesevergn├╝gen. Diese Decca ist zwar faszinierend, wird aber niemals als Heldin glorifiziert. Ihre Lebensgeschichte nimmt so viele unerwartete Wendungen, l├Ąsst die Leserin mit so vielen historischen Pers├Ânlichkeiten zusammentreffen, dass sich die Biografie bis zur letzten Seite mit Spannung lesen l├Ąsst.

Zur Autorin: Susanne Kippenberger, 1957 geboren, wuchs als j├╝ngste der vier Schwestern des K├╝nstlers Martin Kippenberger in Essen auf. Sie ist seit 1989 Redakteurin beim Berliner Tagesspiegel, schreibt regelm├Ą├čig u.a. f├╝r Die Zeit, und ist Autorin des gefeierten Portr├Ąts "Kippenberger. Der K├╝nstler und seine Familien" (2007), das sie ├╝ber ihren Bruder schrieb. Zuletzt erschien 2009 "Am Tisch". (Verlagsinformationen)

Susanne Kippenberger
Das rote Schaf der Familie. Jessica Mitford und ihre Schwestern

Hanser Berlin, erschienen im September 2014
Fester Einband, 624 Seiten
ISBN: 978-3-446-24649-2
26,00 Euro
www.hanser-literaturverlage.de


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Literatur Beitrag vom 08.12.2014 Claire Horst 

   




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