Judith Barrington – Wiederbelebung - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

Happy End AVIVA_gegen_AFD
Aviva-Berlin > Literatur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Chanukka 5778




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 30.12.2014

Judith Barrington - Wiederbelebung. Erinnerungen
Dorothee Kröger

Die hektischen Schwimmversuche einer jungen Frau aus England, die auf dem spanischen Festland zu ertrinken droht: Aus Verzweiflung, in der Flucht vor der Vergangenheit und der Angst, ihre…



... Homosexualität anzuerkennen.

Verlust und die Bewusstwerdung um ihre sexuelle Identität legen sich erdrückend auf die junge Frau, Judith, in Judith Barringtons Roman `Wiederbelebung`, der im Herbst 2014 im editionfünf-Verlag erschien. In einem jahrelangen Exzess stößt die Protagonistin den unerwarteten Tod der Eltern, sowie die lesbische Selbsterfahrung von sich ab.

Ein neues Jobangebot führt Judith in das Spanien Francos, weit weg aus der Heimat England. Diese ist für sie nicht nur faktisch bewölkt: In Trauer und unausgesprochenen Worten sieht sich die Protagonistin gefangen, sodass der angebotene Touristinnen-Führerin-Job gleichzeitige Gelegenheit für Flucht und Neuanfang bietet. Flucht vor der Tatsache, dass Mutter und Vater bei einem Kreuzfahrtunglück ertranken. Vor dem unerwarteten Vakuum, dass sie nicht mit familiären Zusammenhalt zu befüllen weiß.

Ein Neuanfang in dem Land, das die Eltern liebten, gerne und häufig bereisten und welches damit konservierte Familienerinnerungen bereithält. In diesem Zwiespalt, der elterlichen Heimat entfliehend und gleichzeitig in das Lieblingsland dieser reisend, lebt Judith nun ein grenzenloses Leben, in welchem sie die Diktatur tangiert, wenn sie ihren Beruf ausübt. Privat stellen sich ihr keine politischen Hindernisse dar: Sie gibt sich Alkoholexzessen hin, ist Teil einer Männergruppe ohne in dieser als Objekt der Begierde zu gelten. Sie hat regelmäßige One-night-stands mit Männern, von denen das ganze Dorf weiß. Zudem badet sie täglich im Meer, bräunt den jungen Körper.
Damit setzt sich Judith einem permanenten Rauschzustand aus, sei es durch Alkohol oder Sonne. Ihr Kopf ist meist nicht klar, sie lebt in einer Art Delirium. Dieses liest sich als Analogie zu ihrem Status des Übergangs, den dieser Lebensabschnitt in Spanien rückblickend einnimmt. Er ist von willentlicher Ungewissheit, eingespannt zwischen dem Schicksalsschlag und einem deutlich als Teil zwei gekennzeichneten Lebensabschnitt im Buch. In diesem versöhnt sich Judith etwa 20 Jahre später mit dem Tod der Eltern, aber auch mit der eigenen sexuellen Identität: Gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin besucht sie das Grab der Eltern auf Gibraltar und verbindet gleich zweierlei. Zum Einen stellt sie, eher symbolisch, ihren Eltern die Freundin vor, wodurch ihre herausgezögerte sexuelle Adoleszenz befreit wird. Zum Anderen ist Gibraltar ein Stück England in Spanien.

Der deutlich längere erste Teil des Buches ist damit die Ich-Erzählung einer Frau, die genau wie ihre Eltern durch deren Unglück davon bedroht war, zu ertrinken. Durch eine Flucht in das Lebensgefühl Spaniens wird sie wie ein Fisch an ein neues Ufer gespült. Das Zappeln eines Fisches im Trockenen gleicht dem Ringen Judiths mit der Vergangenheit und der eigenen Identität.

Stetige Zeitsprünge, Einschübe von familiären Erinnerungen, sowie die immer gleichen Handlungen (Alkohol, Männer, Strand), lassen den Roman nicht fortschreiten. Es ist ein Auf-der-Stelle-Treten, das vielseitig verbildlicht wird: Judith fährt stets die gleichen, kurvigen Straßen. Erst der zweite Teil erlaubt es ihr, ihr Leben fortzuführen. Damit werden bisher verdrängte Emotionen zugänglich und kommunizierbar. Anders als ein am Strand zappelnder Fisch, der keine Überlebenschancen hat, überwindet Judith ihre unstete Suche. Sie ist wiederbelebt.

AVIVA-Tipp: Judith Barringtons Roman setzt unterdrückte, verzweifelte Emotionen in virtuose Bildsprache um.

Zur Autorin: Judith Barrington wurde 1944 in Brighton geboren und lebt seit 1976 als Dichterin, Biografin und Literaturkritikerin in Portland, Oregon. In Deutschland kennt frau/man sie durch ihr Buch »Erinnerungen und Autobiografie schreiben«. Für »Wiederbelebung« wurde sie mit dem Lambda Book Award ausgezeichnet.
Ihre Arbeit wurde in zahlreichen Anthologien aufgenommen (The Long Journey: Pacific Northwest Poets), ihre Gedichte in Literaturzeitschriften (Creative Nonfiction) veröffentlicht.
Weitere Auszeichnungen sind der Andrés Berger Award for Creative Nonfiction, sowie der Stewart H. Holbrook Award for outstanding contributions to Oregon´s literary life. Zudem ist sie Mitbegründerin der The Flight of the Mind Writing Workshops, an welchen LehrerInnen und TeilnehmerInnen aus verschiedenen Staaten der U.S.A. teilnehmen.
Barrington ist Lehrerin für Kreatives Schreiben an der University of Alaska, gibt jedoch seit 25 Jahren auch Kurse an anderen Universitäten.
In Europa unterrichtete sie ebenfalls an verschiedenen Universitäten und gab Lesungen. Gelegentlich veröffentlicht sie Rezensionen, beispielsweise für The Oregonian und The Women´s Review of Books.
(Quelle: Verlagsinformation, Homepage von Judith Barrington)
Mehr Infos unter: www.judithbarrington.com

Judith Barrington
Wiederbelebung
Erinnerungen

Originaltitel: Lifesaving: A Memoir
Band 22 der edition fünf, erschienen im August 2014
Deutsch und mit einem Nachwort von Ebba D. Drolshagen
216 Seiten, Leinenband mit Banderole und Lesebändchen
19,90 Euro
ISBN 978-3-942374-45-3
Weitere Infos:
www.editionfuenf.de


Literatur Beitrag vom 30.12.2014 AVIVA-Redaktion 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken