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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 14.01.2015

Regina Scheer - Machandel
Helga Egetenmeier

Ein knappes Jahrhundert (ost)deutscher Geschichte erschlie√üt der Deb√ľtroman der Kulturwissenschaftlerin Regina Scheer mit seiner Familiensaga um ein mecklenburgisches Dorf namens Machandel...



...und der Lebensgeschichte der Doktorandin Clara Langner, die dem alten M√§rchen vom Machandelbaum nachsp√ľrt.

Nach ihren Sachb√ľchern zum j√ľdischen Widerstand und dem J√ľdischen Waisenhaus in der Auguststra√üe setzt Regina Scheer mit ihrem Roman eine gro√üe Klammer zwischen Familie und Staat und beleuchtet kenntnisreich Entstehung, Entwicklung und Ende der DDR. Liebevoll und dennoch widerspenstig, verst√§ndlich und dennoch aufw√ľhlend, zeigt sie dabei die Menschen als Handelnde innerhalb sich ver√§ndernder Strukturen.

Das Märchen vom Machandelbaum

Aufgenommen in das Kinder- und Hausm√§rchenbuch der Gebr√ľder Grimm, erz√§hlt "Das M√§rchen vom Machandelboom" (auch Wacholderbaum) die Geschichte der b√∂sen Stiefmutter, die dem Vater den Sohn zum Essen vorsetzt, w√§hrend die Schwester jedoch seine abgenagten Kn√∂chelchen ein sammelt, sie in ein Tuch bindet und dies unter den Machandelbaum legt. Von dort kehrt der Bruder als sch√∂ner Vogel in die Welt zur√ľck.

Clara, die tragende Figur der Familiensaga, erforscht f√ľr ihre Dissertation an der Humboldt-Universit√§t Ende der 80er Jahre das M√§rchen vom Machandelbaum. Zur gleichen Zeit zieht sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern aus Ost-Berlin in das Dorf Machandel, in dem ihre Mutter und ihr Vater zueinander fanden und ihr schmerzhaft vermisster √§lterer Bruder Jan aufwuchs.

Die Familiengeschichte der Clara Langner

"W√§hrend ich mich an die Tage im Januar und Februar 1988 erinnere, mehr als zwei Jahrzehnte danach, sp√ľre ich, dass meine Erinnerungsbilder auch Teile eines Ganzen sind, die man bewahren, aneinanderreihen muss, auch wenn die Kn√∂chelchen abgenagt und einige f√ľr immer verloren scheinen.", reflektiert Clara ihr Engagement in den oppositionellen Kirchenstrukturen der DDR und deren unmittelbaren und langfristigen pers√∂nlichen Auswirkungen.

Claras Perspektive auf ihre Familiengeschichte baut die Autorin durch vier weitere Ich-ErzählerInnen aus, ohne den gleichen Blickwinkel zu wählen oder einer strengen zeitlichen Chronologie zu folgen. Dabei grenzt sie ihre Figuren durch unterschiedliche Generationserfahrungen und Geschlechterverhalten deutlich voneinander ab. Der Vater und Funktionär steht gegen seinen Sohn, den Systemkritiker, wogegen die familienorientierte Mutter alkoholkrank wird und die Tochter in intellektuelle Opposition geht.

Mehr als eine Geschichte der DDR

"Die Ersparnisse meines Vaters waren l√§ngst aufgebraucht, seine Betreuungskosten stiegen. Ohne seine Zusatzrente als ehemaliger KZ-H√§ftling h√§tte er nicht in seiner Wohnung bleiben k√∂nnen.", blickt Clara auf das Leben ihres Vaters einige Jahre nach der Wende und dem Tod ihrer Mutter zur√ľck. Hans Langner wurde aufgrund seiner politischen Vergangenheit zum Funktion√§r und baute die DDR mit auf, gegen deren System sich seine beiden Kinder sp√§ter wandten.

Regina Scheer verbindet einf√ľhlsam die Ereignisse am Ende des Zweiten Weltkriegs, als im Mecklenburgischen Dorf Machandel die wenigen BewohnerInnen mit unbehelligten Nazis, KZ-√úberlebenden und ZwangsarbeiterInnen zusammentreffen und die Entstehung der DDR pr√§gen. Unterschiedliche gesellschaftliche Positionen, famili√§re Schicksale und individuelle Entscheidungen verkn√ľpfen sich dort beispielhaft zu einem neuen Alltags- und Gesellschaftsleben.

An der unvers√∂hnlichen Systemkritik des Sohnes, die sich vorwurfsvoll gegen seinen Vater richtet, zerbricht die Familie langsam. Seine Ausreise Mitte der 80er Jahre und die √ľber den Fall der Mauer andauernde stumme Abwesenheit l√§sst seine Schwester Clara nicht in Ruhe. Gegen Ende ihres Buches f√ľhrt Regina Scheer damit feinf√ľhlig an die komplexe Thematik der Einsichtm√∂glichkeit in die Stasi-Akten heran.

Obwohl die Autorin ihren weiblichen Figuren viel Platz einr√§umt, agieren sie √ľberraschend zur√ľckgenommen. Die im Roman gesetzten Altersunterschiede scheinen dies zu erkl√§ren, der Mann ist neunzehn Jahre √§lter als seine Frau, der Sohn vierzehn Jahre √§lter als seine Schwester, diese f√ľnf Jahre j√ľnger als ihr Mann. Eine gewagtere weibliche Rollenzeichnung w√§re dennoch eine Gelegenheit gewesen, auch das Geschlechterverh√§ltnis in der DDR-Gesellschaft vielf√§ltiger zu beleuchten.

AVIVA-Tipp: Regina Scheers generations√ľbergreifender Roman ist ein kleines Meisterwerk zur (ost)deutschen Geschichte, das durch sein einf√ľhlsames und eindringliches Portrait einer historischen Zeit pers√∂nliches und politisches Bewusstsein schafft.

Zur Autorin: Regina Scheer, 1950 in Berlin geboren, studierte Theater- und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universit√§t. Von 1972 - 1976 arbeitete sie bei der Wochenzeitschrift "Forum", deren Redaktion wegen "konterrevolution√§rer Tendenzen" aufgel√∂st wurde. Anschlie√üend war sie freie Autorin von Reportagen, Essays und Liedtexten und Mitarbeiterin der Literaturzeitschrift "Temperamente". Nach 1990 arbeitete sie an Ausstellungen, Filmen und Anthologien mit und ver√∂ffentlichte mehrere B√ľcher zu deutsch-j√ľdischer Geschichte, darunter "Im Schatten der Sterne" und "AHAWAH. Das vergessene Haus".
"Machandel" ist ihr erster Roman, sie erhielt f√ľr ihn 2014 den Mara-Cassens-Preis. Dieser nach seiner Stifterin benannte Literaturpreis, der seit 1970 vergeben wird und mit 15.000 Euro der h√∂chstdotierte Literaturpreis f√ľr einen deutschsprachigen Romanerstling ist, wird als einziger Literaturpreis von einer LeserInnenjury vergeben.

Regina Scheer
Machandel

Knaus Verlag, erschienen: August 2014
Hardcover mit Schutzumschlag, gebunden, 480 Seiten
ISBN-13: 978-3813506402
22,99 Euro
www.randomhouse.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Regina Scheer ‚Äď "Im Schatten der Sterne" Eine j√ľdische Widerstandsgruppe, Aufbau-Verlag 2004

Regina Scheer "AHAWAH. Das vergessene Haus", Aufbau-Verlag Neuauflage 2004

Regina Scheer "Max Liebermann erz√§hlt aus seinem Leben" Verlag f√ľr Berlin-Brandenburg

Anna Hahn - Gegen√ľber von China, ein Wenderoman

Zeit ohne Eltern

Marianne Birthler - Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben. Erinnerungen

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Literatur Beitrag vom 14.01.2015 Helga Egetenmeier 

   




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