Peggy Parnass und Tita do Rego Silva - Kindheit. Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 10.02.2015

Peggy Parnass und Tita do Rego Silva - Kindheit. Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete
Sibylle Plogstedt

Die 1934 in Hamburg geborene Schauspielerin, Autorin und Gerichtsreporterin erinnert sich. Eine pers├Ânliche Kritik in Form eines Briefes von Journalistin und Publizistin Sibylle Plogstedt



Was wussten wir eigentlich von Dir, Peggy,...

...als Du im Jahr 1977 Kontakt zu uns in der ┬┤Courage┬┤ suchtest? Du, die Gerichtsreporterin bei ┬┤konkret┬┤, die ├╝ber schlechte Bezahlung klagt, wir die Feministinnen, die sich f├╝r ungew├Âhnliche Frauengeschichten interessierten. Und ├╝ber Dich dennoch so gut wie nichts erfuhren. Dass Du Dich auf die Seite der Schwachen gestellt hast, war klar. Dass es die waren, die ins Gef├Ąngnis gingen, war schon etwas besonders. Was andere ├╝ber Gef├Ąngnisse und Prozesse schrieben, hatte Dir nicht gefallen. Deshalb machtest Du Dir die Prozessberichterstattung zur Aufgabe. Die Geschichte, die wir ├╝ber Dich brachten, wurde eine Titelgeschichte. Mit einem schwarz-wei├č Portr├Ąt von Dir auf dem Cover in gr├╝nem Rahmen.

Aber Peggy,

wer hat Dich damals gefragt, warum Du Dich so in den Knast einf├╝hlen wolltest und es auch konntest? Warum du Tage und Wochen mit den Angeklagten zu Hause, in der Familie, auf der Stra├če und im Gerichtssaal verbracht hast? So hoch war der Honorartopf nicht bei ┬┤konkret┬┤, die Zeit war nicht bezahlt. Es war eine tiefere Spur des Unrechts, um die es Dir ging. Ungerechtigkeit ertrugst Du nicht. Warum? Das hast Du damals nicht erz├Ąhlt.

Die Antwort, Peggy,

gibst Du nun in hohem Alter. In Deinem Buch ┬┤Kindheit┬┤. Untertitel: ┬┤Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete┬┤. Es geht um Deine Kindheit, die keine war und die doch alles bestimmt hat. Was Du schreibst, ist abgelagert und in Dir gereift. Du hast es unter Schmerzen aus dem Vergessenen auftauchen lassen. Mutter und Pudl, der Vater kamen nicht leicht zur├╝ck ins Bewusstsein. Die Erinnerung muss schmerzhaft gewesen sein. Auf den Holzstichen haben alle volles Wuschelhaar. Es gibt viel gelb und viel rot. Das Gelb hast Du Dir gew├╝nscht.

In Dir Peggy,

war fest verschlossen, wie ihr nach Pudels Verhaftung aus der Turnhalle zur├╝ck ins Freie geschleust wurdet und zu dem fremden Mann ┬┤Vater┬┤ sagen solltet. Und dass Ihr Euch nicht mehr umdrehen durftet. Drau├čen gab Euch der Mann das Geld f├╝r einen Fahrschein zum j├╝dischen Waisenhaus. Dabei lebten die Eltern noch. Du hast Dich sp├Ąter verflucht, weil Du nicht zur├╝ckgeschaut hast. Aber dann w├Ąre alles vergeblich gewesen. Frau Lot, und Eure Zukunft f├╝r immer verloren. Um die ging es den Eltern.

Und Mutti, Peggy,

hat Euch noch am Hauptbahnhof in den Zug gesetzt. Seitdem kannst Du keinen Zug mehr sehen. Den Hauptbahnhof schon gar nicht. Sie hat Euch in den Zug gesetzt und versprochen, dass sie in einem halben Jahr nachkommt. Und hat Euch ihr sch├Ânstes L├Ącheln geschenkt. Obwohl sie wusste, dass sie Euch nie mehr sehen wird. Und dann folgte sie Pudl ihrer gro├čen Liebe. Um im Tod bei ihm zu sein. Muttis L├Ącheln hast Du bewahrt, Peggy. Du kannst so sch├Ân strahlen.

F├╝r Euch als Kinder, Peggy,

war die Kindheit damals vorbei. B├╝bchen musste in ein schwedisches Waisenhaus, Du wandertest von einer Pflegefamilie zur anderen. B├╝bchen durftest Du nur selten besuchen.

Hass, Peggy,

hast Du gesp├╝rt. Die Rache, wolltest Du aufsparen f├╝r sp├Ąter, wenn Du mal gro├č bist. Die Milchfrau sollte er treffen, die Deine Mutter geohrfeigt hat. Die sadistische Leiterin des Waisenhauses, die B├╝bchen das m├╝hsamst von Dir ersparte rote Feuerwehrauto mit Leiter vorenthielt, um es zwei Jahre auf den Schrank zu stellen, wo B├╝bchen nicht rankam. Um es dann den anderen Kindergartenkindern zur Zerst├Ârung zu ├╝berlassen. Dein Hass zerschellte an der Schw├Ąche und an der Selbstl├╝ge der Mitl├Ąuferinnen und Mitt├Ąterinnen, die behaupteten, stets an ┬┤Ihre liebe Frau Mutter gedacht┬┤ zu haben. Die war da schon lange tot und die Objekte Deines Hasses schwach und alt. Da wich der Hass der Verachtung. Auch die konnte schneidend sein.

Trotzdem, Peggy,

hast Du das Schwere wieder und wieder aufgesucht, um an die Erinnerung heranzukommen. Aber Du hast auch die Lebenslust gesp├╝rt. Auf vielen Fotos sieht man Dich strahlen. So wie Deine Mutter beim Abschied am Hauptbahnhof? Auf den Fotos sp├╝rt man die Kraft, die Dir den Beinamen Panther eingebracht hat. Der Namenspate war Udo Lindenberg.

Du Peggy,

hast das Buch unter Schmerzen geschrieben, ein Stolperstein der Erinnerung. Danach wolltest Du nicht mehr dar├╝ber reden. Es aufzuschreiben, habe schon weh genug getan. Hast Du es f├╝r B├╝bchen in seinem Kibbutz in Israel geschrieben, der sich an Mutter und Vater nicht erinnern kann? Und auch, um Dich selbst zu heilen. Ein Grabmal f├╝r Mutter und Vater, die kein Grab haben. Nur drei Stolpersteine vor der T├╝r ihres Hauses. Einen f├╝r Mutti, einen f├╝r Pudl und einen dritten f├╝r die gro├če Liebe, die sie verband.


Ich habe Deine Aufzeichnungen atemlos gelesen.

Deine Sibylle

Zu Peggy Parnass ist Schauspielerin, Kolumnistin, Gerichtsreporterin und Autorin. Am 11. Oktober 1934 in Hamburg geboren, wurde sie als Verfolgte des Nationalsozialismus mit ihrem kleinen Bruder mit einem Kindertransport nach Stockholm in Schweden evakuiert. Ihre Eltern wurden in Treblinka von den Nazis ermordet. In Stockholm und London aufgewachsen, studierte Peggy Parnass in London, Hamburg und Paris. Sie galt neben Fritz Bauer als die deutsche Instanz f├╝r Differenzen im moralischen Rechtsempfinden im Nachkriegsdeutschland. Nach wie vor ist sie politisch aktiv. F├╝r ihre Arbeit und ihr couragiertes gesellschaftliches Engagement erhielt sie viele Auszeichnungen und Ehrungen u.a. den Fritz-Bauer-Preis der Humanistischen Union, den Bundesfilmpreis f├╝r den Film "Von Richtern und anderen Sympathisanten", den Joseph-Drexel-Preis f├╝r hervorragende Leistungen im Journalismus.
Mehr zu Peggy Parnass unter: www.peggyparnass.com

Zur Illustratorin: Tita do Rego Silva wurde in Caxias im Bundesstaat Maranh├úo im Nordosten von Brasilien geboren. Ende 1988 ├╝bersiedelt sie nach Hamburg. Seit 1996 hat sie ein Atelier im ┬╗Haus f├╝r Kunst und Handwerk┬ź, Koppel 66.
Mehr zu Tita do Rego Silva unter: www.titadoregosilva.de

Zur Rezensentin: Sibylle Plogstedt, geboren 1945 in Berlin, ist Journalistin, Publizistin und promovierte Soziologin. Sie schreibt als Expertin f├╝r soziale und psychologische Themen und thematisiert in ihren Publikationen und Filmen immer wieder unbequeme, kritische Themen und gesellschaftliche Missst├Ąnde. 2011 wurde sie mit der Hedwig-Dohm-Urkunde des Journalistinnenbundes, zu dessen Initiatorinnen und Gr├╝nderinnen sie geh├Ârt, ausgezeichnet.
Mehr zu Sibylle Plogstedt unter: www.sibylle-plogstedt.de


Peggy Parnass - Tita do Rego Silva
Kindheit. Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete

Farbholzschnitte von Tita do Rego Silva
Fischer KJB, 2014
14,99 Euro
www.fischerverlage.de



Literatur Beitrag vom 10.02.2015 AVIVA-Redaktion 

   




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