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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 16.02.2015

Adriana Altaras - Doitscha. Eine jüdische Mutter packt aus
Claire Horst

Ihrer Herkunftsfamilie hatte die Berliner Autorin Adriana Altaras ihren ersten Roman, "Titos Brille", gewidmet. Einige der skurrilen Charaktere daraus tauchen auch in ihrem neuen Buch wieder auf.



Weniger als ihre Eltern und deren abenteuerliche Lebensgeschichte stehen aber diesmal Altaras` Kinder und ihr Mann im Mittelpunkt – allerdings maßlos überzeichnet und mehr als Konglomerat aus verschiedenen Personen denn als ihre wirkliche Familie. Die Autorin wäre eine andere, wenn sie nicht tief in die Phantasiekiste gegriffen hätte, um ihre drei Liebsten zu schildern. David, Sammy und Georg sind also überzogene Figuren, deren Erlebnisse und Äußerungen sich aus den Erzählungen verschiedener Freundinnen und Freunde von Altaras zusammensetzen. Zum Glück für die realen Söhne – denn wer möchte schon die eigenen hormonellen Ausbrüche mit völlig Unbekannten teilen?

Altaras´ unverwechselbare Erzählweise vermischt wie gewohnt Trauriges und Komisches zu einem lebensechten Wirrwarr. So verzweifelt die Roman-Adriana auf der einen Seite an dem Vorhaben ihres Sohnes, ins israelische Militär einzutreten, und reißt eine Seite weiter Westfalenwitze, um ihren schweigsamen Ehemann Georg aus der Reserve zu locken. Sowieso hat es der Ehemann nicht leicht. Sein älterer Sohn David spricht ihn nur mit "Doitscha" an und hat damit zwar dem Roman einen Titel gegeben, Georg aber auf ewig in die Rolle des Außenseiters der Familie geschoben – in die des "Deutschen" eben. Wer mit pubertierenden Jugendlichen zusammenlebt, kennt den Ton: "Hey Doitscha! Komm mal runter, du Doitscha! Doitscha, entspann dich!"

Manchmal sind es die zufälligen Bekanntschaften, die das größte Verständnis für die eigenen Unzulänglichkeiten aufbringen. Diese Funktion hat hier Emre: Er versteht die familiären Schwierigkeiten Adrians und hat auch gleich die passende Erklärung zu bieten: Emre ist Polizist und kennt sich mit "jemischten Haushalten" aus. Deswegen bringt ihn auch der Anlass seines nächtlichen Besuchs bei den Altaras´ nicht aus der Fassung. Wenn NachbarInnen wegen Ruhestörung die Polizei rufen, wenn es aussieht, als würden sich Vater und Sohn prügeln, ist das kein Grund zur Aufregung. Und als er noch ein signiertes Buch erhält, ist Adriana sich seiner Zuneigung sicher.

Neben dem Alter Ego der Autorin, eben der Roman-Adriana, kommen auch die anderen Hauptfiguren zur Sprache und dürfen abwechselnd das Kommando für die einzelnen Kapitel übernehmen. Viele dieser Figuren sind aus "Titos Brille" bekannt – etwa die Therapeutin, der "beste jüdische Freund" und die Tante in Italien. Besonders viel zu sagen haben natürlich die Söhne und der Ehemann, der endlich mal seine Schweigsamkeit erklären darf, aber auch der geliebte Freund Aron, Patenonkel von David und wichtigster Vertrauter. Sein Tod stellt einen der am meisten berührenden Momente in diesem mit Emotionen vollgepackten Buch dar. Die Rede seines Bruders Robbi, der zur Beerdigung aus Israel eingereist ist, gibt Altaras komplett auf Jiddisch und in deutscher Übersetzung wieder. Und Aron selbst? Sieht keinen Grund zur Trauer, sondern kommentiert das Abmühen der Menschen da unten auf der Erde aus einem nicht genauer definierten Totenreich.

AVIVA-Tipp: "Doitscha" ist manchmal nervtötend, manchmal banal und meistens ziemlich witzig. Auf kluge und bissige Art spielt Altaras mit der eigenen Selbstverliebtheit, mit den eigenen Marotten und der ihrer Umgebung. Ja, das Leben ist ernst. Es deshalb zu ernst zu nehmen, hilft aber nicht weiter. "Komm mal runter, du Doitscha!", irgendwie hat ihr David gar nicht so unrecht.

Zur Autorin: Adriana Altaras wurde 1960 in Zagreb geboren, lebte ab 1967 in Italien, später in Deutschland. Sie studierte Schauspiel in Berlin und New York, spielte in Film- und Fernsehproduktionen und inszeniert seit den Neunzigerjahren an Schauspiel- und Opernhäusern. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Bundesfilmpreis, Theaterpreis des Landes Nordrhein-Westfalen, Silberner Bär für schauspielerische Leistungen. 2011 erschien ihr hochgelobtes Buch "Titos Brille", das zum Bestseller wurde. Adriana Altaras lebt in Berlin. (Verlagsinformationen)

Die Autorin im Netz: http://altaras.eu

Adriana Altaras
Doitscha. Eine jüdische Mutter packt aus

Kiepenheuer & Witsch, November 2014
Gebunden, 272 Seiten
ISBN: 978-3-462-04709-7
18,99 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Adriana Altaras - Titos Brille. Der Roman und das Hörbuch, gelesen von der Autorin

Titos Brille. Ein Film von Regina Schilling nach dem Buch von Adriana Altaras



Literatur Beitrag vom 16.02.2015 Claire Horst 

   




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