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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 17.02.2015

Etel Adnan - Sitt Marie-Rose
Claire Horst

Nur 120 Seiten hat dieser 1977 auf Franz√∂sisch erschienene Roman. Und auf diesen wenigen Seiten schildert die bekannteste libanesische Schriftstellerin das ganze Elend des B√ľrgerkriegs. Auf zwei...



... verschiedenen Zeitebenen, erzählt von mehreren Stimmen, entfaltet sich die Geschichte von Sitt Marie-Rose, die auf der wahren Geschichte von Marie Rose Boulos basiert.

Die syrische Christin Boulos hatte w√§hrend des libanesischen B√ľrgerkriegs geh√∂rlose Kinder unterrichtet und sich f√ľr pal√§stinensische Fl√ľchtlinge engagiert. Sie wurde von christlichen Milizen ermordet. Dass das Buch 1977 nur im muslimischen westlichen Teil von Beirut beworben wurde, jedoch nicht im mehrheitlich christlichen Osten der Stadt, zeigt die Brisanz des Themas.

Adnan l√§sst ihren Roman mit einer namenlosen weiblichen Erz√§hlstimme beginnen. Diese Stimme berichtet von einem Konflikt mit einem Freund, dem Filmemacher Mounir. Sie soll f√ľr ihn ein Skript f√ľr einen Film schreiben, der syrische Arbeiter in Beirut darstellt. Doch sie wehrt sich gegen die klischeehaften Darstellungen, die Mounir vorschweben, und dr√§ngt auf eine realit√§tsnahe Schilderung. Kriegsberichterstattung statt Ethnokitsch, ein klarer politischer Standpunkt statt pittoresker Idylle. Und noch an einem weiteren Punkt √ľbt sie Kritik: an der Rolle der Frauen im Libanon. Ironisch √§u√üert sie sich √ľber Mounir und seinen Freundeskreis, √ľber ihre Kriegsspiele und ihren Unwillen, Frauen als gleichberechtigt zu betrachten.

Der zweite und l√§ngere Teil des Buches setzt mit der Perspektive einer Schulklasse ein. Die "Taubstummen" sprechen immer im Plural, sie treten nicht als Einzelpersonen auf. Und weil diese Kinder nicht h√∂ren und nicht sprechen, wirkt der Krieg, von dem sie erz√§hlen, zugleich brutaler und unwirklicher als bisher. Sie erkennen am Beben der Erde, am Splittern der Fensterscheiben, dass Krieg ist, an der "merkw√ľrdigen Ruhe", wenn Waffenstillstand ist. Und vor allem lieben sie ihre Lehrerin Sitt Marie-Rose, die von vier M√§nnern verhaftet wurde.

Es braucht ein wenig Zeit, sich in die verwobenen Strukturen dieses Textes einzulesen. In den vier M√§nnern Mounir und seine Freunde wiederzuerkennen und in Sitt Marie-Rose die Schulfreundin Mounirs, ist schmerzhaft. Marie-Rose selbst geh√∂rt die dritte Stimme, die von ihrer eigenen Entf√ľhrung erz√§hlt. Und ihre Stimme ist die eloquenteste: "Ich selbst habe mit Entsetzen ein Kidnapping in Westbeirut mitangesehen, eines jener perfiden Netze, gleich der Zunge eines vielf√∂rmigen, tausendf√ľ√üigen Tiers, und in diesen Netzen zappelten unbewaffnete Menschen wie Fische auf dem Trocknen. Ich wusste nicht, ahnte nicht einmal, da√ü auch ich in einem √§hnlichen Netz gefangen w√ľrde, mit den gleichen ohnm√§chtigen Zuckungen."

Dass auch Mounir zur Sprache kommt, dass er zwischen seinem politischen Fanatismus und der sentimentalen Erinnerung an die gemeinsame Jugend zerrissen ist, macht den Roman gehaltvoll. W√§re er nicht zu h√∂ren, k√∂nnte Sitt Marie-Rose zu sehr zur Karikatur einer unfehlbaren Heldin gerinnen. Doch Mounir und seine Freunde sprechen zu h√∂ren, bringt die Denkweise der Milizen n√§her, die jegliche Zusammenarbeit mit den pal√§stinensischen Fl√ľchtlingen als Verrat an der christlichen Sache empfinden. So formuliert Tony: "Wir k√∂nnten auch ein Stamm von Geiern gegen einen Stamm von Adlern sein, es w√§re dasselbe. Und in solchen Kriegen gibt es keine Gefangenen. Es gibt nichts zu fangen. So ist es eben. Man muss sie beseitigen."

Adnans Charaktere k√§mpfen zwar mit ihren √úberzeugungen. So muss Mounir sich irgendwann eingestehen, "da√ü eine Frau w√ľrdige Gespr√§chspartnerin, Verb√ľndete oder Feindin sein kann". An seinem Fanatismus √§ndert das jedoch nichts.

Fast fesselnder als die eigentliche Erz√§hlung liest sich der dritte Teil des Buches, das autobiografische Nachwort mit dem Titel "Aufwachsen im Libanon, Schriftstellerin werden". Darin erz√§hlt Adnan nicht nur von ihrem Aufwachsen mit mehreren Sprachen und kulturellen Einfl√ľssen, sondern auch vom wachsenden Bewusstsein, "anders" als die meisten Gleichaltrigen zu sein: "In einem Jungenanzug zu stecken machte mich sehr gl√ľcklich. (...) Der Anzug mu√ü meine Identit√§t bekr√§ftigt haben ‚Äď weder ausschlie√ülich M√§dchen noch ausschlie√ülich Junge, sondern ein Wesen mit Eigenschaften von beiden." Diese Nicht-Zugeh√∂rigkeit, der Unwille, sich in vorgepr√§gte Muster zu f√ľgen, zeichnet auch Adnans Romanheldin aus.

AVIVA-Tipp: Adnans Roman ist nicht nur ein Text √ľber den libanesischen B√ľrgerkrieg. Sie verhandelt die Frage nach der pers√∂nlichen Integrit√§t angesichts religi√∂ser und ethnischer Konflikte ebenso wie die Rolle von Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft. Dass sie dazu ein komplexes Stimmengewirr sprechen l√§sst, zeigt die Unm√∂glichkeit einfacher Antworten.

Zur Autorin: Etel Adnan, Schriftstellerin und Malerin, wurde 1925 in Beirut, Libanon, geboren. Ihre Mutter war eine (christliche) Griechin aus Smyrna, ihr Vater ein (muslimischer) Syrer, ottomanischer Offizier und Stadtkommandant von Smyrna (heute Izmir). Sie besuchte franz√∂sische Schulen in Beirut und nahm 1949 ein Studium der Philosophie in Paris auf. 1955 setzte sie ihr Studium in den USA fort. Von 1958 bis 1972 unterrichtete sie Geisteswissenschaften und Philosophie am Dominican College in San Rafael, Kalifornien. 1972 kehrt sie nach Beirut zur√ľck und arbeitet als Feuilletonredakteurin der Zeitung Al-Safa. Zwei Jahre nach Ausbruch des B√ľrgerkriegs zieht sie nach Paris, 1979 kehrt sie nach Kalifornien zur√ľck. Sie lebt heute in Sausalito (Kalifornien) und Paris, mit regelm√§√üigen l√§ngeren Aufenthalten in Beirut. (Verlagsinformationen)

Die Autorin im Netz: www.eteladnan.com

Etel Adnan
Sitt Marie-Rose

Originaltitel: Sitt Marie-Rose
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
First published in 1978 by the Editions des femmes, in Paris.
Reprinted in 2010 by the Editon Tamyras in Lebanon
Suhrkamp, erschienen im November 2014
Taschenbuch, 122 Seiten
ISBN: 978-3-518-46571-4
8,99 Euro

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Literatur Beitrag vom 17.02.2015 Claire Horst 

   




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