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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 21.02.2015

Olivia Manning - Abschied von der Unschuld
Teresa Lunz

Jerusalem 1945. Der englische Waisenjunge Felix findet Aufnahme in die multikulturelle Hausgemeinschaft der ältlichen Exzentrikerin Miss Bohun: Eine farbenfrohe Personen- und Milieuschilderung.



Das Ende des Zweiten Weltkrieges steht kurz bevor. Nach dem Tod seiner Mutter soll der 14jährige Felix Latimer in die Pension der Stiefschwester seines Vaters, Miss Bohun, im dem dem britischen Protektorat unterstehenden Jerusalem ziehen. Nie zuvor ist er dieser Miss Bohun begegnet: einer Menschenfreundlichkeit vorgebenden, alleinstehenden Geschäftsfrau, der das Leben Härte gegen sich selbst und andere gelehrt hat. Sie ist sparsam (tischt ihren Hausgästen Auberginen als gleichwertigen Ersatz für Sardinen auf und dosiert den Frühstückspeck auf einen Streifen pro Kopf), aber prinzipientreu (auf dem Schwarzmarkt kauft sie niemals, außer Eier!). Von den Angestellten erwartet sie ständige Einsatzbereitschaft, und ebenso pausenlos ist sie selbst unterwegs: als Englischlehrerin, als feilschende Geschäftsfrau und geistliche Führerin einer eigenartigen christlichen Gemeinschaft, die sich die "Allzeitbereiten" nennt und die anstehende Rückkunft des Herrn voraussagt. So verkörpert sie eine ganz eigene, in der am Rande des Umbruchs stehenden Welt untergehende "Moral", mit der Felix sich anfangs tapfer zu arrangieren versucht.

Eher bizarr scheinen auch die weiteren Hausgäste: Frau Leszno, die ewig murrende Köchin, ist eingewanderte Polin und stand in ihrem Heimatland Gerüchten zufolge in Verbindung mit einem Grafengeschlecht. Ihr Sohn Nikky, in der Pubertät stecken geblieben und ewig in der Küche herumlungernd, betätigt sich als Freizeitphilosoph und träumt von einem Stipendium in England. Der etwa 60 jährige Mr. Jewel, ehemals Mitglied der britischen Handelsmarine, ist trotz ständig knappen Budgets aus persönlicher Neigung in Jerusalem geblieben. Als Felix dessen künstlerischen Arbeiten entdeckt, fragt er sich, ob ein verkannter Künstler in dem wortkargen alten Kauz steckt. Zu Miss Bohuns Missbilligung trifft Jewel – mitunter sogar in der Pension – die emigrierte Wienerin Frau Walter, die offiziell als Köchin arbeitet und in ihrer Freizeit einen zweifelhaften Lebenswandel von einem Hotelzimmer aus pflegt. Des Weiteren gehören der Gärtner Osman, das Dienstmädchen Maria und der Hauslehrer Mr. Posthorn zu Miss Bohuns Haushalt. Der unter seiner Einsamkeit leidende Felix sucht nach seinem Platz in diesem verschwiegenen Mikrokosmos und baut doch zunächst wirkliche Nähe nur zur Hauskatze Faro auf, der einzigen, die auf seine Versuche Freundschaft zu schließen reagiert.

Wie wird sich der Einzug der jungen, hübschen Kriegswitwe Mrs. Ellis mit der immer griffbereiten Zigarette und dem scharfen Mundwerk auf die Mietergemeinschaft auswirken? Und bis zuletzt bleibt die Frage offen, ob es sich bei der energischen Miss Bohun nun um eine stille Heldin oder doch Anti-Heldin handelt. Die Autorin versteht es, deren Geiz und an Fanatismus grenzende Religiosität der Lächerlichkeit preiszugeben und ihr ein paar Seiten später neuerlich Respekt vor den Leser_innen zu verschaffen. Felix´ Meinung von seiner Gastgeberin (der laut Herausgeber "grandiosesten alten Jungfer der Literatur") schwankt ebenfalls beträchtlich.

Glaubwürdig und sensibel beleuchtet Olivia Manning die Selbstfindung eines zu Beginn des Buches unreifen und desorientierten Jungen, der zu früh des familiären Zusammenhalts beraubt wurde. Der keine Wertungsmaßstäbe kennt, als die, die ihm seine ebenso weltfremde und naive wie anmutige Mutter vermittelt hat. Gleichzeitig bewahrt die Autorin einen treffenden Blick für tragikomische Momente und seltsame Launen und Ambitionen ihrer Protagonist_innen, was verhindert, dass die Geschichte in Rührseligkeit abdriftet. Letztendlich vollzieht sich Felix´ "Abschied von der Unschuld" – in Mrs. Ellis´ Gesellschaft lernt er Nachtlokale und gescheiterte Existenzen kennen, in den Straßen Jerusalems bittere Armut. Er erlebt, wie seine Anhänglichkeit zurückgewiesen wird und wie schwer es ist, eine seines Vertrauens werte Person zu finden. Und schließlich begreift er, dass ihm kein Dritter Orientierung geben kann, sondern nur das eigene Urteil. Und wie er seine Zukunft tatsächlich gestalten möchte.

Der Roman, erstmals 1951 unter dem Titel "School for Love" erschienen, kommt ohne sensationelle Wendungen in der Handlung aus. Er glänzt durch seine dichte Atmosphäre, die Glaubwürdigkeit der Figuren, zu gleichen Teilen vorhandenen Tiefgang und Witz in den Dialogen, die ihn zur wertvollen Rarität für alle Leser_innen machen, die nicht bloße kriminalistische Spannung von einem Buch erwarten.

Zur Autorin: Olivia Manning (1908 bis 1980) wurde in Portsmouth (England) geboren und verbrachte ihre Kindheit in Nordirland. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Malerin an der Portsmouth School of Art, fand in ihrer Wahlheimat London aber schon bald zu ihrer eigentlichen Berufung: Dem Schreiben. Die Jahre des Zweiten Weltkriegs verbrachte sie mit ihrem Ehemann als Emigrantin teils in Griechenland, teils in Jerusalem. "Abschied von der Unschuld" war ihre erste Publikation und sofort ein durchschlagender Publikumserfolg. Ihr bekanntestes Werk ist der 1960 publizierte Roman "Im Fluss der Zeit", auch dieses über das Schicksal der britischen Kolonien und Protektorate. Teile davon wurden unter dem Titel "Auf Wiedersehen in Kairo" verfilmt. 1976 wurde Olivia Manning `Commander of the Order of the British Empire`(Quelle: Verlagsinformation)

AVIVA-Tipp: Der "Abschied von der Unschuld", der schwierige Eintritt in die Welt der Erwachsenen, wird in diesem Roman ebenso berührend wie unterhaltsam dargeboten. Eingebettet ist Felix´ Geschichte in einen spannenden historischen Kontext: Das von Arabern, Juden, Engländern und zahlreichen weiteren der Naziherrschaft entflohenen Europäern bevölkerte Palästina zwischen Ende des Zweiten Weltkriegs und vor der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948. Ein Juwel der internationalen Belletristik, das die Wiederentdeckung lohnt.

Olivia Manning
Abschied von der Unschuld

Originaltitel: School for Love
Übersetzt aus dem Englischen von Susann Urban
Edition Büchergilde, Weltlese, Band 11, erschienen 2013
Gebunden mit Umschlag, 267 Seiten
ISBN 978-3-86406-027-4
Euro 22,95
www.edition-buechergilde.de

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Literatur Beitrag vom 21.02.2015 Teresa Lunz 

   




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