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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 23.02.2015

Francoise Sagan - Ein bisschen Sonne im kalten Wasser
Claire Horst

Zum ersten Mal stellte Sagan in ihrem achten, 1969 erschienenen Roman einen Mann in den Mittelpunkt. Gilles befindet sich mitten in einer Depression ÔÇô was er sich nur ungern eingesteht. Denn wer...



... will schon an einer Modekrankheit leiden?

Wir befinden uns in den sechziger Jahren, Gilles ist Sportredakteur einer liberalen Tageszeitung und lebt mit seiner Freundin zusammen, einem Fotomodell. Auch auf die Beziehung wirkt seine Depression sich aus: Viel mehr als die k├Ârperliche Liebe scheint Gilles an "der sch├Ânen Eloise" nicht zu interessieren, und dazu ist er jetzt nicht mehr in der Lage. Sein Alltag besteht aus Kneipenabenden, regelm├Ą├čigem Betrinken und hin und wieder einem Besuch bei einer Prostituierten. Dass er pl├Âtzlich ein Seelenleiden hat, kann er kaum glauben. Denn er geh├Ârt nicht zu diesen merkw├╝rdigen Intellektuellen, die st├Ąndig Innenschau betreiben: "Seit seiner Jugend hatte er sich nie mehr viel mit sich selbst besch├Ąftigt, das Leben, das er f├╝hrte, hatte ihm gen├╝gt. Dass er sich nun pl├Âtzlich mit diesem kr├Ąnklichen, blassen und gereizten Wesen auseinandersetzen sollte, erf├╝llte ihn mit Entsetzen."

Einen derart unsympathischen Protagonisten zu schaffen, der dennoch LeserInnen fesselt, erfordert Mut und Talent. Sagan l├Ądt keineswegs zur Identifikation mit ihrem Antihelden ein ÔÇô und trotzdem fasziniert er, ein Charakter, den auch die Erkrankung nicht an Tiefe gewinnen l├Ąsst. Auf Anraten seines Arztes f├Ąhrt er aufs Land, wo er sich bei seiner Schwester und deren Mann entspannen will. Die ersten Tage verbringt er zwischen soziopathischen Anf├Ąllen auf dem h├Ąuslichen Sofa und Ausbr├╝chen der Verachtung gegen├╝ber den Landeiern, unter die er sich geworfen f├╝hlt. Und dann trifft er auf einer Veranstaltung auf Nathalie, eine verheiratete Frau, in die er sich verliebt. Seine Depression ist von da an wie weggeblasen.

Nathalie ist zwar verheiratet, lebt aber vollkommen frei von den konservativen Konventionen ihrer Gesellschaft. Sie ist es, die Gilles ihre Liebe mitteilt, die ihn auffordert, mit ihr zu schlafen, die schlie├člich ihren Mann verl├Ąsst und zu ihm nach Paris kommt.

Gilles zeichnet sich in jedem Moment als unerwachsener Mensch aus, der nicht f├╝r seine Handlungen geradesteht. Zwar m├Âchte er sein Leben ohne Verpflichtungen weiterleben, vermisst die Freiheit, die die Tage zwischen Kneipe und Redaktion bedeutet haben. Zugleich f├╝hlt er sich von der intellektuellen und kulturell interessierten Nathalie herausgefordert und unter Druck gesetzt. Dass er sein altes Leben samt Gang zu Prostituierten wieder aufnimmt, verletzt Nathalie nicht aus moralischen Gr├╝nden, sondern weil er nicht ehrlich damit umgeht. Diesen Unterschied zu begreifen, ist Gilles nicht in der Lage.

Es ist Nathalie, der die Sympathien der Autorin gelten und die eigentlich zur Sympathietr├Ągerin auch der Leserin werden sollte. Denn sie ist vollkommen integer, steht f├╝r ihre Gef├╝hle und Werte ein. ├ťberzeugend ist das vor allem dann, wenn Sagan mit eindeutigen Zuordnungen bricht. So ist es nicht der Hauptstadtjournalist, der sich als besonders weltoffen oder gebildet entpuppen w├╝rde, sondern die vermeintlich so hinterw├Ąldlerische Ehefrau eines wohlhabenden Mannes auf dem Dorf. Anders als Gilles kennt Nathalie nach wenigen Wochen viele Museen der Stadt, sehr bald nimmt sie eine Arbeit auf.

Sprachlich ├╝berzeugt der Roman: Gilles als gef├╝hlskalter und vollkommen unreflektierte Person versucht sich immer wieder an einer Gem├╝tswandlung, wird von Schuldgef├╝hlen ├╝bermannt, die er dann schnell zur Aufwertung des eigenen Selbstbilds nutzt. Mit ebendieser K├Ąlte und Bildlosigkeit stimmt auch die klare und metaphernlose Sprache des Romans ├╝berein.

Trotzdem hat er ein inhaltliches Manko. Dass eine derart kluge und selbstbewusste Frau wie Nathalie sich in einen so oberfl├Ąchlichen Mann verlieben soll wie diesen Gilles und dann an ihrer Liebe auch noch zugrunde geht, ist kaum zu fassen. Zudem bleibt ein etwas unguter Beigeschmack angesichts dieser doch ziemlich konventionellen Beurteilung des Partyg├Ąngers Gilles. Wer Sagan kennt, kann ihre lakonische und ern├╝chterte Beschreibung des ewigen Trinkens und Tanzens als Reflektion der eigenen Geschichte einordnen. Und trotzdem ÔÇô klingt da nicht auch ein wenig konservative Kritik des M├╝├čiggangs nach?

AVIVA-Tipp: So hinrei├čend wie der Erstling "Bonjour tristesse" ist der Roman nicht ÔÇô und vielleicht sind seine weniger ├╝berzeugenden Elemente auch dem Druck geschuldet, der auf Sagan lag. Als Erfolgsautorin musste sie schlie├člich hohen Erwartungen von Verlag und Publikum gerecht werden und schrieb in relativ kurzen Abst├Ąnden zahlreiche Romane.

Zur Autorin: Francoise Sagan schrieb mit 18 Jahren den Welterfolg Bonjour Tristesse, kaufte sich einen Jaguar, spielte, trank, nahm Kokain und galt fortan als Protagonistin des franz├Âsischen Existenzialismus. Sie verfasste Theaterst├╝cke, Filmdrehb├╝cher, Musiktexte und mehr als 40 Romane, die immer wieder auf den Bestsellerlisten standen. (Verlagsinformationen)

Francoise Sagan
Ein bisschen Sonne im kalten Wasser

Originaltitel: Un peu de soleil dans l`eau froide
Aus dem Franz├Âsischen in neuer ├ťbersetzung von Sophia Sonntag
Edition Ebersbach, September 2014
Gebunden, 272 Seiten
ISBN: 978-3-86915-092-5
24,00 Euro
www.ebersbach-simon.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Francoise Sagan ÔÇô Ich glaube, ich liebe niemanden mehr

Bonjour Sagan. Ein Film von Diane Kurys

Louise de Vilmorin ÔÇô Julietta



Literatur Beitrag vom 23.02.2015 Claire Horst 

   




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