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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 27.02.2015

Rosemarie Zens - The Sea Remembers
Teresa Lunz

70 Jahre, nachdem sie mit ihrer Mutter aus Polen fliehen musste, kehrt die Fotografin, Essayistin und Lyrikerin dorthin zurĂŒck, um in Fotografien eine visuelle VergangenheitsbewĂ€ltigung umzusetzen.



"Wie sehen die Bilder aus, die aus sehr frĂŒher PrĂ€gung herrĂŒhren, aus Erinnerungen, die dem tiefen Vergessen entspringen?"

Die im polnischen Bad Polzin/Polczyn geborene Fotografin, Essayistin und Lyrikerin Rosemarie Zens beantwortet sich ihre Frage selbst durch die in ihrer ursprĂŒnglichen Heimat aufgenommenen Fotografien.

Im MĂ€rz 1945 musste die damals noch nicht EinjĂ€hrige mit ihrer Mutter die Flucht antreten. Jahrzehnte spĂ€ter veranlassen sie deren wiederaufgefundene Notizen ĂŒber die Flucht dazu, an ihre GeburtsstĂ€tte zu reisen und den Versuch zu unternehmen, vor allem fotografisch BrĂŒcken zwischen dem Damals und Heute zu schlagen. Die Erinnerungen der Mutter, entstanden 1989 anlĂ€sslich des Mauerfalls, bilden die Basis des Vorhabens, ein StĂŒck Familiengeschichte nachzuvollziehen und in einer Bildreise festzuhalten. Die im Buch gezeigten Fotografien sind teils den FamilienbestĂ€nden entnommen, grĂ¶ĂŸtenteils aber selbst vor Ort angefertigt. Die eingestreuten Begleittexte zentriert Rosemarie Zens um die Themenkomplexe, die sie bei dieser Unternehmung bewegen, wie etwa "Herkunftsort" und "Mutter".

Das Nebeneinander von subjektiv empfundener Gegenwart und Vergangenheit, das die Autorin wĂ€hrend ihrer Fahrt ins nordwestliche Polen empfunden hat, ist auch in ihren Fotografien prĂ€sent. Mehrfach zeigt die Auswahl der Aufnahmen die Mutter in den 1940ern und Rosemarie selbst als kleines MĂ€dchen im PortrĂ€t. Immer wieder sind es auch nur Details aus diesen alten Familienfotos, die Rosemarie Zens an die Betrachter_innen weitergibt: Etwa einen fĂŒr die erste HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts typischen steifen Spitzenkragen, einen TaillengĂŒrtel, dann grobe Feldstiefel neben nackten MĂ€dchenbeinen oder die Armlehne eines Sessels. Die Ausschnitte dienen dazu, den vagen Charakter der Erinnerung zu transferieren, welcher es oftmals nicht gelingt, komplette Gesichter und Szenarien nachzuzeichnen. Daneben gilt das Hauptaugenmerk der rund um das heutige Bad Polzin angetroffenen, vom Wandel der Zeit unberĂŒhrten Landschaft: Offenes, weites Land verheißt Freiheit, aber auch Ungewissheit, scheint verlockend und angsteinflĂ¶ĂŸend zugleich. Vor allem empfindet frau es als nicht festgelegt. Einige alte HĂ€user und ferne Gestalten erscheinen auf den modernen Aufnahmen, sonst ist die Einöde nur von vereinzelten Tieren – Fischen, einem Fuchs – belebt.

Nebelschwaden, die wesentliches Element vieler Fotos sind, verweisen metaphorisch darauf, wie Jetzt und Damals, Erinnerung und RealitÀt verschwimmen, untrennbar werden. ZusÀtzlich sind etliche Aufnahmen zur Stunde der DÀmmerung entstanden, um die Unklarheit des Erinnerten zu illustrieren. Abgebildet werden Spuren im Sand, Spuren im Schnee, in Form niedergetretener Grashalmen sichtbare Spuren auf einer Wiese. Die Leser_innen fragen sich, ob die Auswahl der Motive zufÀllig erfolgte, was die Autorin implizit mit der Frage beantwortet:

"Schien hier in der AktivitÀt des inneren Auges der Ursprungsort der Bilder selbst zu liegen?"

Sinn der Reise war nicht die Suche nach einer bestimmten Erkenntnis. Viel eher unterstand die Reise einem GefĂŒhl der Ungewissheit, des Sichtreibenlassens:

"Wo sollte ich jetzt mitten in der Landschaft hin?"

Die Aufnahmen sind eine schrittweise erfolgende AnnĂ€herung an die Vergangenheit, zugleich an die verlorene Heimat in ihrem zuweilen einschĂŒchternden, ungastlichen Charakter. Die Autorin schließt durch diese Bildreise einen Riss in der eigenen Biographie, eine "Weiß-nicht-LĂŒcke", wie sie schreibt, die sich seit ihrer Kindheit erhalten hat. Der Fotoband bemĂŒht sich um die Offenlegung einer Vergangenheit, die Rosemarie Zens selbst nie lebte, und die doch die Periode ihres Heranwachsens wie auch ihr spĂ€teres Leben prĂ€gte.
Am Ende des Werkes zitiert Rosemarie Zens die Aufzeichnungen der Mutter, ihnen nochmals eigene Erinnerungen an ihre Kindheit und beide Elternteile voranstellend. Diese reflektieren vor allem ein immer wieder aufflammendes GefĂŒhl, keiner NationalitĂ€t absolut zugehörig zu sein, sich mit keiner Kultur vollstĂ€ndig identifizieren zu können.

"In Mutters Nachlass spĂ€ter dieser kleine Notizblock. Auf weißen Seiten ohne Linien die flĂŒssige Handschrift, abgerundete Zeichen..."

Zur Fotografin: Rosemarie Zens, 1944 in Bad Polzin in Pommern geboren, wuchs in Bochum auf. Sie studierte zunĂ€chst Biologie, Geschichte und Anglistik an den UniversitĂ€ten MĂŒnster und MĂŒnchen und arbeitete dann als Lehrerin in MĂŒnchen, Berkeley (Kalifornien) und DĂŒsseldorf, wo sie sich zur Montessori-Lehrerin ausbilden ließ. Nach einer psychoanalytischen Ausbildung in ZĂŒrich mit dem Schwerpunkt "Daseinsanalyse" ist sie als auch in diesem Fachbereich publizierende Psychotherapeutin tĂ€tig. Ihr Zweitstudium im Fach Neuere Deutsche Literaturwissenschaften fĂŒhrte 1989 zur Promotion ĂŒber das SpĂ€twerk von Wilhelm Raabe. Seit 1995 veröffentlicht sie ihre Essays und Gedichte regelmĂ€ĂŸig in EinzelbĂ€nden, Literaturzeitschriften und HörbĂŒchern.
Die in "The Sea Remembers" enthaltenen Fotografien wurden im November 2014 auf der "Paris Photo" ausgestellt. Rosemarie Zens lebt heute in Berlin. Übersicht zu Werk und Vita finden Sie unter: www.zens.info

AVIVA-Tipp: Die Leser_innen nehmen durch die Bilder und Worte Rosemarie ZensÂŽ intensiv an deren Reise teil, identifizieren sich mit ihrer Familiengeschichte, die gleichzeitig exemplarisch stehen könnte fĂŒr das Schicksal vieler FlĂŒchtlinge und ihrer Nachkommen. DĂŒster und faszinierend ziehen die einzelnen Landschaftsaufnahmen, jede fĂŒr sich, in den Bann.

Rosemarie Zens
The Sea Remembers

Englisch/Deutsch
Kehrerverlag, erschienen 2014
Softcover mit Schutzumschlag, 144 Seiten mit 51 Farbabbildungen
ISBN 978-3-86828-505-5
Euro 36,00
www.kehrerverlag.com

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Aber das Leben geht weiter - Ein Dokumentarfilm von Karin Kaper und Dirk Szuszies

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Literatur Beitrag vom 27.02.2015 Teresa Lunz 

   




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