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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 08.03.2015

Sarah Hildebrand - Chez soi / Zuhause. Texte und Zeichnungen / Texte et dessins
Jenny Oliveira

Die "Forscher-Sammlerin" dringt in ihrem künstlerischen Werk kreativ und verspielt in die Intimsphäre unserer vier Wände ein. In kleinen Geschichten beschreibt sie, was ein Zuhause ist und was das...



... alles mit uns selbst und unserer Identität zu tun hat.

"Chez-soi / Zuhause" stellt eine Sammlung von Kurzgeschichten dar, die ihrer Form oder ihrer Titel wegen an Gedichte erinnern. Denn die Texte tragen simple und unprätentiöse Titel, die zum Nachdenken einladen, Titel wie: "die Stadt", "das Zimmer l" und "das Zimmer ll". Diese unpersönlichen Benennungen stehen im starken Kontrast zu den kurzen Texten, die durch intime Details und ungewöhnliche Bekenntnisse überzeugen. Die Erzählungen und Gedanken nehmen oft nur ein halbe Seite ein und wie Gedichte stellen sie Denkanstösse dar.

Ein künstlerisches Werk

Das Buch wurde durch organische Zeichnungen in zwei Hälften, beziehungsweise in eine deutsche und eine französische, geteilt. Dadurch, dass eine Hälfte auf dem Kopf steht, ist es möglich, von beiden Seiten zu beginnen oder in der Mitte des Buches mit der eigentlich letzten Geschichte anzufangen. Diese künstlerische Form des Werkes spiegelt sich auch in den kreativen, originellen und privaten Details ihrer Charaktere wider. So auch in der Geschichte "Rebeccas-Listen". Diese beschreibt eine Person, die alle ihre Kleidungsstücke benennt: "Sie wusste, dass das Baum - T-Shirt in Form, Farbe und auch mit seinem Namen perfekt zu der Landschafts – Hose passte und der Ozean – Pulli nicht mit dem Zug – Rock harmonierte." Ein anderer Charakter schläft am liebsten nur in gelber Bettwäsche "Diese Farbe gab ihm Wärme, Ruhe und ein Sicherheitsgefühl, während Grün und Weiß ihm einen Eindruck von Leere vermittelten."

Was ist ein Zuhause?

Die Wohnung wird als ein Ort beschrieben, in dem geheime Schätze aufbewahrt werden, als Supermarkt oder als etwas, das ortsunabhängig ist und ein soziales Netz bedingt, wie sie das bei Roma-Familien beobachtet. Ein Atelier beschreibt sie als einen Raum, der der Kreativität, die in einem ist Platz macht raus zu kommen und sich zu entfalten. Der Körper hingegen bietet dem ganzen Selbst Möglichkeit in ihm zu wachsen und sich zu entwickeln:

"Mein Körper ist mein Haus und ich bewohne jetzt alle seine Räume". Dieses Verständnis wird durch die Zeichnungen illustriert, die das Buch in zwei Hälften teilen: Ein roter Faden umwickelt Organe und Zellstrukturen und gibt ihnen damit verschiedene Formen, die der freien Interpretation der LeserInnen unterliegen. Wichtig erscheint, dass der rote Faden mit jedem Bild mehr Organe und Zellstrukturen, also Teile des Körpers, zu umwickeln beziehungweise zu bewohnen scheint, bis schlussendlich der Faden weiter ins Nichts läuft.

Intimität und Identität

So dringt Sarah Hildebrand "wie eine Diebin in die Intimsphäre eines Unbekannten" ein. Das Zuhause, ein sehr persönlicher Raum, wird von ihr spielerisch gedeutet und hinterfragt: Wie tief darf frau/man in die Intimsphäre eines Verstorbenen eindringen oder darf frau/man gar seine Räumlichkeiten fotografieren? "Kann man einen Verstorbenen bestehlen?"

Mit der Frage, wie es denn möglich ist, Abwesenheit darzustellen, hat die Künstlerin sich bereits in ihrer Serie von Fotografien "Verlassene Orte / Lieux Delaisses" auseinander gesetzt. Sie befasst sich auch in "Zuhause / Chez soi" weiter mit der Frage, wann oder wie die Grenze der Intimsphäre überschritten wird. Eine solche Grenzüberschreitung beschreibt sie in "Zuhause / Chez soi" in "der Wandnachbar". Die darauffolgende Reaktion des Gegenübers ist die Stille als eine Art des Informationsentzuges und als eine Zurückweisung in die eigenen Schranken.

Es ist spannend, wie ähnliche Themen in diesen beiden Werken unterschiedlich behandelt werden. Anders als in "Verlassene Orte / Lieux Delaisses", wo sie mit Fotografien arbeitet, verwendet sie in "Zuhause / Chez soi" zwei unterschiedliche Medien: Texte und Zeichnungen. Damit ermöglicht sie eine andere Perspektive und Wahrnehmungsmöglichkeit.
Die verschiedenen Kurzgeschichten stellen das Zuhause als eine Metapher für einen Teil der Identität dar.

AVIVA-Tipp: Wie ist es, in der Haut der oder des Anderen zu sein, was sagen die Räumlichkeiten über eine Person aus, wie ist es, eine Nacht in ihrer / seiner Haut zu leben, in seinem / ihrem Bett zu schlafen und auf ihrem oder seinem Stuhl Kaffee zu trinken und wie viel verbirgt sich in diesen Dingen, wirklich von einem selbst? All diesen Fragen geht Sarah Hildebrand in "Zuhause / Chez soi" nach und hinterfragt dabei selbstkritisch stets ihre eigene Vorgehensweise. Wer "Verlassene Orte / Lieux Delaisses" bereits kennt, wird dieses Werk als wunderbare Erweiterung oder Ergänzung verstehen können.

Zur Künstlerin: Sarah Hildebrand wurde 1978 in der Schweiz geboren, hat ihre Ausbildung an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg abgeschlossen, wo auch ihr Atelier ist. Sie bezeichnet sich selbst als "mehrsprachige Künstlerin, als Forscher-Sammlerin", die sich vor allem dafür interessiert, wie Identität gebildet wird. Dafür benutzt sie kein bestimmtes Medium, sondern arbeitet mit Zeichnungen, Fotografien und Texten. Diverse Stipendien, Ausstellungen und Publikationen.
Die Künstlerin im Netz unter: www.sarah-hildebrand.com

Sarah Hildebrand
Chez soi / Zuhause

Texte und Zeichnungen / Texte et dessins
19 farbige Abbildungen, broschiert, 23 x 17 cm, 104 Seiten / pages
Christoph Merian Verlag, erschienen Januar 2014
ISBN 978-3-85616-628-1 (Deutschschweiz, Deutschland, Österreich)
ISBN 978-940377-61-9 (Romandie, Frankreich)
29 Euro
Weitere Infos:
merianverlag.ch

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Verlassene Orte / Lieux Délaissés . Fotografien von Sarah Hildebrand



Literatur Beitrag vom 08.03.2015 AVIVA-Redaktion 

   




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