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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 06.04.2015

Ruth Melcer, Ellen Presser - Ruths Kochbuch. Die wunderbaren Rezepte meiner jüdischen Familie
Romina Wiegemann

Köstliche Speisen, ein bewegendes Familienschicksal, kombiniert mit einer kräftigen Prise jüdischen Witzes: Das liebevoll illustrierte Kochbuch der aus Polen stammenden Münchnerin Ruth Melcer...



... erweist sich als ein ganz besonderer Schatz.

Starke Frauen

Ruth Melcer hat das Kochbuch den Cukierman-Frauen gewidmet, ihrer weiblichen Verwandtschaft väterlicherseits. Diese sehr unterschiedlichen Frauen waren durch das Leid, das ihnen wiederfahren war, vereint. Die Shoah hatte ihnen Eltern, Geschwister und Kinder geraubt. Dennoch entschieden sie sich für ein Leben "Danach", ließen das "Trotzdem" die Oberhand gewinnen. Von allem bestohlen, fehlten ihnen stets auch materielle Erinnerungsstücke. Traditionen und mündliche Überlieferungen erhielten in der Welt der Überlebenden einen enormen Stellenwert. Dem Essen, gerade zu den jüdischen Feiertagen, wird dabei eine ganz besondere Bedeutung beigemessen. Ruth Melcers Wunsch, die Rezepte ihrer Familie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und etwas Bleibendes zu schaffen, resultierte in der Zusammenstellung dieses Familienkochbuchs. Ellen Presser, die Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde München, unterstützte dieses Vorhaben nicht nur durch das Schreiben der Zwischentexte, sondern arbeitete auch an der Rezeptsammlung mit, indem sie einige Gerichte hinzufügte, die aus ihrer Familie überliefert worden sind.

Erinnerung an Hunger

Ruths Erinnerung an Essen beginnt mit dem Moment, als es so gut wie nichts mehr gab.
Die Nationalsozialisten hatten sie im Jahr 1943 zusammen mit ihrer Familie aus dem Ghetto ihrer polnischen Heimatsstadt Tomaszów Mazowiecki nach Blyzin, ein Außenlager des Konzentrations- und Vernichtungslagers Majdanek, verschleppt. Nur "Arbeitsfähige" wurden am Leben gelassen. Ruth war zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt. Weil ihre Mutter Hanna behauptete, ihre Tochter sei bereits zwölf, wurde Ruth zur Zwangsarbeit verpflichtet. Natürlich war das kleine Mädchen nicht in der Lage, das täglich geforderte Pensum an Näharbeit zu absolvieren. Ruths Mutter bot einer anderen Gefangenen einen Teil ihrer eigenen Lebensmittelration an, damit die Frau für Ruth mitnähte. Ihren jüngeren Sohn Mirek konnte Hanna jedoch nicht schützen. Der Sechsjährige wurde ermordet, als die Nazis im Herbst 1943 Jagd auf die letzten verbliebenen Kinder von Blyzin machten. Das Lager wurde 1944 geschlossen und Ruth mit ihren Eltern und Tanten nach Auschwitz deportiert. Dort wurde die Familie getrennt, bis sie sich 1945, im Jahr der Befreiung, wieder fand.

Das Leben "Danach"

Ruths Eltern ließen sich in der Nachkriegszeit in München nieder, wo ihr Vater in der Textilbranche tätig wurde. Sie selbst verbrachte einige Jahre ihrer Schulzeit in Israel, bis sie 1955 zurückkehrte, Jossi Melcer heiratete und Mutter dreier Kinder wurde. Ruths Beziehung zur Zubereitung von Mahlzeiten war anfangs keine einfache. Anders als ihre Mutter war sie keine "geborene Köchin", sondern interessierte sich zunächst mehr fürs Geschäft ihres Vaters, das sie schließlich auch ganz übernahm. Die Liebe zum Kochen begann nur langsam zu wachsen. Das Gemeinschaftsgefühl, das sich durch im Familien- und Freundeskreis eingenommene Mahlzeiten an einem schön gedeckten Tisch entfaltet, hatte sie bei ihren Eltern kennengelernt und wurde von Ruth schlussendlich auch mit viel Leidenschaft weiter kultiviert. Bis heute genießt Ruth Melcer diese Form der Esskultur.

Erinnerungen, in ein Kochbuch gegossen

Gefilte Fisch, Tscholent, Kreplach, Borschtsch, marinierter Hering... In Ruths Kochbuch stoßen die LeserInnen auf viele Klassiker der osteuropäischen jüdischen Küche. Ruth Melcer und Ellen Presser haben die Rezepte so, wie sie durch ihre Familien überliefert wurden, niedergeschrieben. Damit erhalten diese Gerichte jene individuelle Note, die für die jüdische Küche so typisch ist. Denn laut Ruth Melcer hat "jede Köchin ihren eigenen Kopf". Sie glaubt außerdem, dass gerade beim Kochen das Sprichwort "Wo zwei Juden sind, gibt es drei Meinungen, mindestens!" gilt. Einige typische ostjüdische Gerichte wie zum Beispiel Knishes und Kigel fehlen in der Zusammenstellung auch einfach deswegen, weil sie in den Familien Cukierman und Melcer nicht gerne gegessen wurden. Dafür stoßen die LeserInnen neben den jüdischen Gerichten auch auf Rezepte für Wiener Schnitzel, Gröstl und Palatschinken, Klassiker der Umgebungskultur, die sich in der Familie großer Beliebtheit erfreuten.

Kleine und große Weisheiten

Ganz besonderen Reiz erhält das Kochbuch durch den eingestreuten jüdischen Witz, der in Form von Anekdoten und Sprichwörtern auf Jiddisch wiedergegeben wird. So erfahren kalorienbewusste LeserInnen z.B.: "Fin schmule lokschn hot men nit kajn brajten tuches", was so viel heißt, dass man von schmalen Nudeln kein breites Hinterteil bekommt. Ist mensch zu faul, den köstlichen Pessach-Schokoladenkuchen zu backen, soll das Sprichwort "Wus men legt nijt arajn, nemt men nit arojs - Wenn man nicht investiert, kann man nicht profitieren" zu kulinarischen Höchstleistungen motivieren.

Ein Zitat von Ephraim Kishon, das auch in Ruths Kochbuch abgedruckt ist, trifft ebenfalls ins Schwarze: "Alles in der Welt kann dem Menschen genommen werden, nur das eine nicht: was er gegessen hat."

AVIVA-Tipp: In "Ruths Kochbuch" lebt die Esskultur einer Welt, die der Vernichtung preisgegeben wurde, wieder auf. Die Rezepte, in ihrer Fülle dargestellt, offenbaren die Vielfalt der Einflüsse, die durch die Diaspora auf das osteuropäische Judentum eingewirkt haben. Ruth Melcer steht mit der Veröffentlichung ihrer persönlichen Rezeptsammlung daher in der Tradition der Überlieferung und Bewahrung des Vergangenen, die für das Judentum - und sie persönlich - so große Bedeutung erlangt hat.
Gekonnt spannen die Autorinnen den Bogen zwischen berührender Familienchronik und praktischen Kochanleitungen. Der Mix aus einfachen Gerichten für den Alltag und etwas aufwändigeren für Feiertage wird mit vielen nützlichen Tipps und Tricks fürs Gelingen angereichert. Damit gelingt es auch, das Vorurteil, jüdische Gerichte seien aufgrund der Speisegesetze nur mühevoll zuzubereiten, zu widerlegen. Die wunderschönen Illustrationen von Stephan Schöll verleihen dem appetitanregenden Blick in Ruths Familienkochtopf den angemessenen optischen Glanz.

Zu den Autorinnen:

Ruth Melcer
wurde im Jahr 1935 als Ryta Cukierman in der polnischen Stadt Tomaszów Mazowiecki, 55 km südöstlich von Lodz gelegen, geboren. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten dort etwa 13.000 Juden. Nach der Besetzung durch deutsche Truppen im September 1939 wurde im Dezember 1940 ein Ghetto errichtet. 1943 wurden Ruth und ihre Familie zunächst in das Lager Blizyn, danach nach Auschwitz deportiert. Sie und ihre Eltern überlebten den Holocaust, ihr sechsjähriger Bruder wurde noch in Blizyn im Zuge einer der berüchtigten "Kinderaktionen" im Jahr 1943 ermordet. Das Pogrom von Kielce am 4. Juli 1946 gab für die verbleibende Familie endgültig den Ausschlag, Polen für immer zu verlassen. Nach einer Zwischenstation in Berlin ließen sich die Cukiermans in München nieder. Dort besuchte Ruth das jüdische Gymnasium. Als dieses im Jahr 1951 aufgelöst wurde, entschied sich Ruth dafür, den Rest ihrer Schulzeit in Israel zu verbringen. Nach dem Abitur kehrte sie 1955 zurück, um eine Ausbildung als Chemielaborantin zu absolvieren. In München lernte sie den ebenfalls aus Polen stammenden Jossi Melcer kennen. Die beiden heirateten im Jahr 1959, zogen nach Augsburg und bekamen drei Kinder. Seit 1991 lebt Ruth Melcer wieder in München.

Ellen Presser, Jahrgang 1954, wurde in München geboren. Sie ist die Tochter polnisch-jüdischer Displaced Persons und wuchs in einem traditionellen Elternhaus auf, weswegen sie sich in der Melcer‘schen Küche sehr zuhause fühlt. Sie hat Psychologie und Biologie studiert und ist seit 1983 Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde München. Ellen Presser liebt "Cartoons, Krimis und gute Küche, ohne selbst in einer stehen zu müssen".
Sie ist Mitherausgeberin von "Nur wenn ich lache"

Der Grafiker: Stephan Schöll, Jahrgang 1971, lebt bis zu seinem sechsten Lebensjahr in Afrika, anschließend in Deutschland, dann zog die Familie nach Papua-Neuguinea, wo sein Vater für den deutschen Entwicklungsdienst arbeitete. In Brisbane, Australien, machte er Abitur, in Sydney seinen Bachelor in Grafikdesign. Stephan Schölls Leidenschaft gilt der Gestaltung von Corporate Identities, Imagebroschüren, Papeterieartikeln und Büchern.

(Quelle: Verlagsinformationen)

Ruth Melcer, Ellen Presser
Ruths Kochbuch – Die wunderbaren Rezepte meiner jüdischen Familie

Illustrationen und Gestaltung von Stephan Schöll
Gerstenberg Verlag, erschienen im März 2015
160 Seiten, Flexcover mit Goldfolienprägung, durchgehend farbig
ISBN: 978-3-8369-2095-7
19,95 Euro
www.gerstenberg-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Israelisch kochen - Katrin Richter und Martin Krauß. Internationale jüdische Festmahlzeiten - Miriam Magall. Gefillte Fisch und Lebensstrudel - Helene Maimann

Jüdische Familienrezepte, erschienen in der Reihe Jüdische Miniaturen, herausgegeben von Deborah und Hermann Simon

Oma & Bella. Ein Film von Alexa Karolinski

Kaschrut, ein Beitrag von Elisa Klapheck

Koscher und Co. - Über Essen und Religion, herausgegeben von Michal Friedlander und Cilly Kugelmann

Heiliges Essen von Lea Fleischmann



Literatur Beitrag vom 06.04.2015 Romina Wiegemann 

   




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