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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 08.04.2015

Susan Neiman - Warum erwachsen werden? Eine philosophische Ermutigung
Claire Horst

Das Peter-Pan-Syndrom ist weit verbreitet: Wer will schon erwachsen sein? Mit der Jugend verbinden die meisten Menschen Vorstellungen von Freiheit und Unabhängigkeit. Das Erwachsenenalter steht...



... dagegen oft für Gebundenheit, Verantwortung, Pflichtgefühl – ist also eher unangenehm besetzt.

Nicht nur in der Werbung und im Film gilt Jugendlichkeit als das größte Ideal.

Warum es dennoch Gewinn bringen kann, sich von der Kindheit zu verabschieden, legt die Philosophin und Leiterin des Potsdamer Einstein-Forums Susan Neiman in ihrem aktuellen Buch dar.

Sie richtet sich dabei nicht an ein philosophisches ExpertInnen-Publikum, sondern an die interessierte Allgemeinheit. Für diese Allgemeinheit lässt sie PhilosophInnen zugänglich werden, allen voran Jean-Jaques Rousseau, David Hume und Immanuel Kant. Diese repräsentieren drei verschiedene Sichtweisen auf das Leben – und auf die Erziehung.

Neimans zentrale Frage stellt sie gleich zu Beginn: Ist ein geglücktes Erwachsenwerden vorstellbar, das nicht automatisch Resignation bedeutet? Das scheint fast unmöglich, denn Kindheit bedeutet Staunen, Verwunderung, auch Entsetzen – und mit dem Erwachsenenalter tritt Gewöhnung ein, die uns das Unerträgliche aushalten lässt. Der Gedanke, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte, lässt sich ohne Resignation kaum ertragen, findet Neiman.

Die Perspektive eines Kleinkindes, das diesen Gedanken noch nicht kennt, vergleicht Neiman mit der Weltsicht eines Leibniz: Nur wer sich keine andere Welt vorstellen kann, vermag in der real existierenden die beste aller möglichen Welten zu sehen.

Für das Jugendalter mitsamt der Tücken der Pubertät steht dann der Skeptizismus eines David Hume – ein Alter, das keine sicheren Tatsachen kennt und alles in Zweifel zieht. Als Kantianerin findet Nieman den anzustrebenden Weg eines gesunden Erwachsenseins natürlich bei Immanuel Kant – den sie keinesfalls als resigniert verstehen will. Somit ist ihr Buch nicht nur ein Plädoyer für das Erwachsenwerden, sondern viel weiter gefasst: eine Ehrenrettung der Aufklärung, an deren Bedeutung sie aller Kritik entgegen weiterhin glaubt.

Dabei ist Neimans Buch nicht nur ein gelungener Seitenhieb auf eine Kultur, die das Kindische zu ihrem Leitmotiv ausruft und damit die Selbstbestimmung verabschiedet, sondern auch ein humorvoll geschriebenes und gut lesbares Werk, das sich zumindest darin vom Werk Kants unterscheidet:

"... am besten beginnen wir mit Immanuel Kants Darstellung des Reifungsprozesses der Vernunft gegen Ende seiner ´Kritik der reinen Vernunft´. Lesern, die die Stelle nicht kennen, sei dies nachgesehen. Die ´Kritik der reinen Vernunft´ ist zugleich das wichtigste und am schlechtesten geschriebene Buch in der Geschichte der modernen Philosophie. Kant selbst räumte ein, es sei zu lang und zu trocken, um dann treffend hinzuzufügen, es sei `nicht jedermann gegeben, so subtil und doch zugleich so anlockend zu schreiben, als David Hume, oder so gründlich, und dabei so elegant, als Moses Mendelssohn`. In der Tat. Bertrand Russell war nicht der einzige Leser, der gestand, er sei eingeschlafen, bevor er das Ende erreichte. Wer jedoch durchhält, wird feststellen, dass dieses Modell für das Erwachsenwerden überzeugend ist."

Rousseaus "Emile" führt die Autorin als erstes systematisches Erziehungskonzept heran, als Werk, das sich mit einem Ideal beschäftigt – mit der Frage, wie Erziehung und damit Leben sein soll. Ganz im Gegenteil zu diesem moralphilosophischen Ansatz erteilt David Hume allen Versuchen, über das zu urteilen, was sein "soll", eine Absage – nur über das, was ist, können wir sprechen. Neiman fordert mit Kant beides: eine Übernahme der Verantwortung, unser Leben, unsere Welt so zu gestalten, wie sie sein sollen. Das ist anstrengend, aber es ist auch eine Befreiung von der vermeintlichen Unfreiheit.

Auch wenn ihr Ärger über Smartphones und Computer, die uns das Denken abzunehmen drohen, zuweilen allzu kulturpessimistisch erscheint, ist Neiman in ihrer Aufforderung, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, sehr überzeugend.

Im letzten, "Erwachsen werden" überschriebenen Abschnitt, wird am ehesten fündig, wer das Buch als Selbsthilferatgeber lesen möchte. In Bezug auf gelungene Erziehung zitiert die Autorin Hannah Arendt: "...in der Erziehung entscheidet sich auch, ob wir unsere Kinder genug lieben, um sie weder aus unserer Welt auszustoßen und sich selbst zu überlassen, noch ihnen ihre Chance, etwas Neues, von uns nicht Erwartetes zu unternehmen, aus der Hand zu schlagen, sondern sie für ihre Aufgabe der Erneuerung einer gemeinsamen Welt vorzubereiten."

Selbstorganisiert reisen, möglichst wenig entfremdet arbeiten, unsere Lebensentscheidungen immer wieder überdenken, Erwachsenwerden nicht als Ankommen, sondern als immer wieder erneutes Losgehen, damit entwirft Neiman ein optimistisches Bild, das sie der Idee vom Erwachsensein als tragischem Verlust der Jugend entgegenstellt:

"Mut ist nötig, um den Kräften zu widerstehen, die weiterhin gegen Mündigkeit arbeiten werden, denn wirklich mündige Erwachsene lassen sich nicht lange mit Brot und Spielen ablenken." Anstelle einer solchen Entmündigung fordert sie einen "Prozess permanenter Revolution". Wie die am besten aussehen soll, muss jede und jeder für sich allein herausfinden – auch das gehört zur Aufklärung.

AVIVA-Tipp: Neimans Buch leistet das, was Philosophie leisten sollte: Denkhilfe, Unterstützung bei der Suche nach Antworten auf selbstgewählte Fragen. Besonders zugänglich ist es sicherlich auch aufgrund der immer wieder eingestreuten persönlichen Betrachtungen der Autorin. Vielleicht macht es auch neugierig auf die AutorInnen, auf die Nieman sich bezieht.

Zur Autorin: Susan Neiman, 1955 in Atlanta, Georgia, geboren, war Professorin für Philosophie an den Universitäten Yale und Tel Aviv, bevor sie im Jahr 2000 die Leitung des Einstein Forums in Potsdam übernahm. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt "Moralische Klarheit" (2010). Sie lebt in Berlin. (Verlagsinformationen)

Die Autorin im Netz: www.susan-neiman.de

Susan Neiman
Warum erwachsen werden? Eine philosophische Ermutigung

Originaltitel: Why Grow Up?
Übersetzt von Michael Bischoff
Hanser Verlag Berlin, erschienen im Februar 2015
Fester Einband, 240 Seiten
ISBN 978-3-446-24776-5
19,90 Euro
www.hanser-literaturverlage.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Susan Neiman - Das Böse denken. Eine andere Geschichte der Philosophie

Barbara Holland-Cunz - Gefährdete Freiheit. Über Hannah Arendt und Simone de Beauvoir

Hannah Arendt - Von Wahrheit und Politik


Literatur Beitrag vom 08.04.2015 Claire Horst 

   




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